Chronik | Österreich
10.05.2017

Geisterdörfer und Kulissenstädte: Nicht nur am Land ziehen Leute weg

Während auf dem Land Jobs und Infrastruktur fehlen, mangelt es in Wiens Innerer Stadt an leistbarem Wohnraum.

"Bei uns an der Schule sieht man die Landflucht sehr deutlich", sagt Monika König. Die 62-Jährige ist Volksschul-Direktorin in Ramingstein im Salzburger Lungau (Bezirk Tamsweg). Wenige Arbeitsplätze, fehlende Infrastruktur und kaum Perspektiven für die Jugend: Der Ort verliert beständig Bewohner – mehr als 15 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Königs erste eigene Klasse hatte 1975 noch 38 Schulkinder. Heute besuchen 36 Kinder die gesamte Schule. Der Tiefstand seien vor wenigen Jahren 28 gewesen. Stirbt Ramingstein langsam aus? "Ich hoffe nicht", sagt König.

"Unter der Woche ist der Ort tot", stellt Karl Steinwender fest. Er betreibt das letzte klassische Wirtshaus in der Gemeinde, die keine 1100 Einwohner mehr zählt. "In den 70er-Jahren haben wir noch fünf Wirtshäuser gehabt. Da hat jeder gelebt", sagt er. Trafen sich damals noch die Einheimischen in den Gasthäusern, so mache er heute 90 Prozent seines Geschäfts mit Touristen, schildert Steinwender. "Die jungen Leute ziehen alle in die Stadt, weil es für sie attraktiver ist." Dennoch hofft er, "dass sich das alles noch dreht."

Landwirt und Gastronom Leonhard Kocher kann dem Bevölkerungsschwund auch etwas Positives abgewinnen. Er meint, dass sich der Ort gerade "gesundschrumpft". "Mir ist eine kleine Gemeinde mit lauter gesunden Betrieben lieber", sagt Kocher. Ein Ende des Abgangs sieht er aber noch nicht. Und auch die Prognosen sehen düster aus. Der Bezirk Tamsweg ist der einzige in Salzburg, der schrumpft.

Würde man blind auf die Zahlen der Statistik Austria vertrauen, wäre die Lungauer Tourismusgemeinde Tweng (die Skidestination Obertauern liegt rund zur Hälfte im Ortsgebiet, Anm.) mit einem Minus von fast 30 Prozent österreichweit am stärksten von der Landflucht betroffen. Vizebürgermeister Heribert Lürzer (ÖVP) spricht von einem Stichtagseffekt wegen der vielen Saisonarbeiter, von denen einmal mehr, einmal weniger ihren Hauptwohnsitz während des Winters in Tweng anmelden würden. Ähnlich verhält es sich in Lech in Vorarlberg.

Wiens Ausnahmebezirk

Auch wenn viele Menschen vom Land nach Wien ziehen, profitieren hier nicht alle Bezirke davon. Die Innere Stadt hat von 2007 bis 2017 als einziger Bezirk an Einwohnern verloren – und zwar um vier Prozent, auch wenn in den vergangenen drei Jahren ein ganz leichter Aufstieg zu bemerken war.

Eine der Wienerinnen, die den Bezirk kürzlich verlassen haben, ist die 64-jährige Monika Brass. Ihr ist der Lärm zu viel geworden. "Ich habe mitten im Bermudadreieck (Lokalmeile, Anm.) gewohnt und irgendwann ging es nicht mehr. Das lag gar nicht an den Lokalbesitzern, die haben sich eigentlich wirklich bemüht." Ihre Kritik richtet sich eher gegen die Politiker, die solche Lokale hier genehmigen.

Die Journalistin und City-Bewohnerin Barbara Coudenhove-Kalergi wundert der Bevölkerungsschwund nicht. "Bei mir zieht zwar ständig jemand ein, aber dann sehr schnell wieder aus." Das bestätigen auch Zahlen der Stadt Wien. Laut Klemens Himpele von der MA 23 gibt es im ersten Bezirk einen überdurchschnittlichen Zu-, aber einen noch überdurchschnittlicheren Abzug.

Auch die Lebensqualität sei laut Coudenhove-Kalergi in den vergangenen Jahrzehnten gesunken: "Die schönsten Plätze der Stadt, und die befinden sich doch in dem Bezirk, muss ich nun meiden, weil sich dort so viele Menschen, so viele Touristen aufhalten." Gleichzeitig würden immer mehr Traditionsgeschäfte zusperren. "Wenn die Innere Stadt kein Museum werden soll, muss sich die Stadt was überlegen", findet Coudenhove-Kalergi.

Das tue man bereits, heißt es von Bezirksvorsteher Markus Figl (ÖVP): "Ich setze mich für einen Bezirk ein, der attraktiv für seine Bewohner ist. Denn sie geben der Inneren Stadt ihre Identität." So habe man etwa neue Wohnprojekte im Fokus. Das seien aber die falschen, meint Alexander Hirschenhauser, Klubchef der City-Grünen, weil es Luxuswohnprojekte seien. Dadurch gehe die soziale Durchmischung immer mehr verloren. Um den Bezirk nachhaltig zu beleben, ist Hirschenhauser überzeugt, brauche es leistbaren Wohnraum.