Die Witwe und die Zwillinge von Aigner

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Verkehrsministerium
11/06/2016

Flug-Skandal: "Wir bekamen keinen Cent. Null."

Wie Familien mit fragwürdigen Berichten des Verkehrsministeriums um Entschädigungen gebracht wurden.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Die Zwillinge waren noch nicht geboren als der Hubschrauber ihres Vaters Andreas Aigner zerschellte. Der 46-jährige Salzburger starb kurz vor ihrer Geburt als er mit einem Enstrom-Hubschrauber auf dem Rückweg vom noblen Steirereck am Pogusch war. Dass seine beiden Kinder und die Witwe bis heute keinen Cent Schadenersatz gesehen haben, dürften sie einem Sicherheitsbericht des Verkehrsministeriums verdanken, von dem sich in den vergangenen Tagen ganz plötzlich viele Beteiligte überraschend distanzieren.

Der tragische Todesfall ereignete sich im Mai 2014: Aigner startete mit zwei Gästen. Jane S. und Josef B. hatten den Flug über ein Reisebüro gebucht. Dieses bestellte bei Aerial-Helicopter in NÖ einen Hubschrauber mit fünf Sitzplätzen. Ein normaler gewerblicher Flug, sollte man meinen. Denn das spielt eine wesentliche Rolle: Wenn der Pilot auf eigene Faust fliegt, haftet er – in anderen Fällen kann es etwa die Betreiberfirma, den Hersteller oder das Reisebüro treffen.

Sich selbst untersucht

Doch schon die Untersuchung des Wracks wirkt skandalös. Für das Verkehrsministerium reiste ein Unfallermittler zum Absturzort an – der zugleich als Stützpunktleiter bei Aerial-Helicopter arbeitet. Also genau bei jener Firma, deren Fluggerät gerade abgestürzt ist.

Erst vor Ort hätte er das bemerkt, heißt es nun im Büro von Verkehrsminister Jörg Leichtfried. Er sei danach von der Untersuchung gleich abgezogen worden. Glaubt man anderen beteiligten Personen, dann dürfte das allerdings nicht der Wahrheit entsprechen. Denn die Unfallermittler erhalten bei der Alarmierung das Flug-Kennzeichen mitgeteilt. Dadurch wissen sie schon vorher, wem der Flieger gehört.

"Mir hat einer der ermittelnden Polizisten ganz stolz erklärt, dass diese Person nachher noch einmal die Unfallstrecke abgeflogen sei – mit einem Aereal-Hubschrauber", sagt Manfred Kunrath, der Schwiegervater des Piloten. Sogar Leopold Reidinger, Betreiber von Aerial-Helicopter bestätigt, dass sein Mitarbeiter an der Untersuchung beteiligt war, so etwas sei "in Österreich so üblich". Er betont aber, dass ein Pilotenfehler zu dem Absturz geführt habe. Aigner, der sein Freund war, sei Fluglehrer gewesen und habe zu wenig Sprit getankt: "Jetzt versucht man aber, mir das Ganze umzuhängen." Er meint, dass es sich um einen privaten Flug und keinen gewerblichen handelte.

Das bestätigt auch ein Gutachten des Sachverständigen Josef Reischl, das die Basis des Sicherheitsberichts darstellt. Doch diese Aussage ist nicht korrekt. Sagt Reischl am Donnerstag überraschend zum KURIER. Er sei gerade dabei ein Ergänzungsgutachten zu schreiben, erklärt er, es gebe neue Beweise. Diese hat er offenbar zufällig an jenem Tag erhalten als der KURIER über das unterdrückte Dokument zum Absturz eines Polizei-Helikopters im Achensee berichtete. Beteiligter Gutachter auch dort: Josef Reischl.

"Schutzbehauptung"

Darüber hinaus gab es im Frühjahr eine vernichtende Stellungnahme der obersten Zivilluftfahrtsbehörde im Verkehrsministerium, die den Bericht der eigenen Kollegen zerlegte. Die Darstellung, es habe sich um einen privaten Flug gehandelt, sei eine reine Schutzbehauptung, sagt die eigene Behörde.

"Die Zwillinge haben bis heute keine Entschädigung bekommen", ärgert sich Kunrath, "die Familie hat nicht die finanziellen Möglichkeitenfür einen langen Rechtsstreit". Kunrath hat sogar Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wels erstattet, passiert sei dort aber wenig, sagt er.

Doch solche fragwürdigen Berichte sollen kein Einzelfall sein. Der KURIER sprach mit mehreren Opfern. Nicht alle wollten offiziell reden wie Kunrath – oder Doris Dore. Ihr Sohn Fabian starb bei einem "viel zu riskanten Manöver", wie sie sagt, auf dem schwer anzufliegenden Flughafen Freistadt (OÖ). Fabian Dore sollte bei einem Prüfungsflug einen Motor-Ausfall simulieren. Doch das Luftfahrzeug zerschellte, der 20-jährige Tiroler starb.

Das war 2010. Sechs Jahre lang kämpfte Fabians Mutter, bis der Untersuchungsbericht (nach einer ORF-Sendung) veröffentlicht wurde. Sie musste fast 100.000 Euro für die Ausbildung ihres verunglückten Sohnes und für Begräbniskosten zahlen. Mittlerweile hat sie allerdings aufgegeben: "Wir bekamen keinen Cent. Null. Aber ich kann einfach nicht mehr."

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