Chronik | Österreich
13.07.2017

Flüchtlinge: Sprung ins kalte Wasser

Badespaß wird im Sommer zum tödlichen Risiko für Asylwerber. Ein Heim in Kärnten lehrt Kinder und Erwachsene im Privatteich das Schwimmen.

"Schau, ich brauch kein Flügerl", sagt die fünfjährige Marina aus Afghanistan und beweist mit ein paar kräftigen Tempi, dass sie sich auch ohne Schwimmhilfen über Wasser halten kann.

"Pass auf, ich spring jetzt", kreischt Alina und stürzt sich zu Sozialarbeiterin Lizzy Pichlmaier in die Fluten.

Eine Mutter kommt zum Wasser, den erst acht Wochen alten Isa am Arm tragend. Die Irakerin meidet das Nass, reicht jedoch den Buben an Betreuerin Bianca Kohlweg weiter. Isa quengelt, aber seine Mutter nickt zustimmend: "Er soll sich früh ans Wasser gewöhnen."

An einem privaten Teich des Asylwerberquartiers Moorquell bei St. Georgen in Kärnten (Bezirk St. Veit) finden spezielle Kurse statt: täglich von 16 bis 17 Uhr werden 17 Kinder und eine Handvoll Erwachsene zum einstündigen Schwimmunterricht gebeten. Die Heimleitung kümmert sich hier um ein Problem, das in den vergangenen Jahren österreichweit in Erscheinung getreten ist: Flüchtlinge, die den Sprung ins kühle Nass wagen. Viele sind allerdings Nichtschwimmer.

Wieder ein Badetoter

Aus dem Kraubather See in der Steiermark wurde kürzlich ein 28-jähriger Afghane tot geborgen. Mangelnde Schwimmkenntnisse hatte auch sein 20-jähriger Landsmann, der im Kärntner Gitschtal bewusstlos in einem Schwimmbecken trieb. Er überlebte.

Valide Zahlen, wie viele Asylwerber in den vergangenen Jahren bei Badeunfällen ums Leben gekommen sind, haben weder die Statistik Austria noch das Kuratorium für Verkehrssicherheit. Es gibt keine Aufzeichnungen nach Nationalitäten. Aber alleine in Wien ertranken im Vorjahr fünf junge Asylwerber beim Baden. Die Retter kennen das Problem. "In vielen Herkunftsländern von Asylsuchenden wird das Schwimmen kaum unterrichtet – aus kulturellen Gründen und weil es vergleichsweise wenige Bademöglichkeiten gibt", erklärt Heinz Kernjak, Leiter der Kärntner Wasserrettung. Die Organisation steht österreichweit in Kontakt mit zahlreichen Asylunterkünften und bietet Kurse an.

Im Moorquell bei St. Georgen geht man einen eigenen Weg – weil der am Gelände befindliche 2,5 Meter tiefe Badeteich nur zwei Möglichketen offen ließ. "Das Quartier wurde Ende 2015 eröffnet. 2016 standen wir vor der Wahl: entweder wir sperren den Teich ab oder wir bringen den Flüchtlingen das Schwimmen bei", sagt Betreiberin Kornelia Motschnig, die sich für die zweite Variante entschieden hat. 17 Kinder – vom Säugling bis zum 13-Jährigen – und elf Erwachsene beherbergt sie. Allesamt Nichtschwimmer; anfangs zumindest. Nun können sich zwei Väter und zwei Kinder als Schwimmer feiern lassen.

Integration

"Es gibt noch Asylwerberinnen, für die gemischtes Baden ein Tabu ist. Aber die Kinder lieben das Planschen und lassen die Krusten aufbrechen", erzählt Motschnig. Andrea Kohlweg, die das Team am Moorquell unterstützt, ist ausgebildete Rettungsschwimmerin sowie Tauchlehrerin sieht Schwimmkenntnisse als einen wichtigen Schritt zur Integration: "Anderenfalls sind die Kids in den Kindergärten und Schulen stets benachteiligt."