Chronik | Österreich
09.07.2017

Flucht-Drehscheibe Mailand: Trügerische Ruhe am Tor nach Norden

125.000 Migranten haben Mailand seit 2013 passiert. Derzeit gibt es kaum Transit-Flüchtlinge.

Der Zentral-Bahnhof von Mailand ist ein imposanter Bau, der einem Theater ähnelt. Vor seinen Portalen haben sich im August der Vorjahres Szenen der großen Tragödie unserer Zeit abgespielt. Hunderte Migranten drängten sich vor einer Notunterkunft. Die Schließung der Grenzen in Ventimiglia nach Frankreich und im nahen Como in die Schweiz hatten einen Rückstau ausgelöst. Die Verwaltung der an Flüchtlingsströme gewöhnten Metropole war im Alarmzustand. 3300 Migranten kamen innerhalb einer Woche in die Stadt.

Ein Jahr später warten auf dem Platz vor dem Bahnhof in einer drückend heißen Sommernacht nur Scharen von Mücken und Dealern auf Kundschaft. Von Migranten, die von dieser wichtigsten Drehscheibe der Flucht in Norditalien den Absprung nach Mitteleuropa und darüber hinaus schaffen wollen, ist keine Spur. "Die ganze Stadt ist voll", schimpft nichtsdestotrotz ein darauf angesprochener Passant.

Gradmesser für Brenner

Die Situation in der mit 1,3 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Italiens ist auch ein Gradmesser für sich anbahnende Bewegungen nach und durch Österreich, wo in dieser Woche wieder die Debatte um Kontrollen am Brenner entflammte. Aber auch in der Schweiz, die sich in den vergangenen Monaten zum Flucht-Transitland entwickelt hat, wurde über den Einsatz der Armee für den Grenzschutz Richtung Italien diskutiert.

"Wenn ich Mauern errichte, kommt das Problem irgendwann zurück – und noch viel größer als zuvor", warnt Luciano Gualzetti, Präsident der Caritas Ambrosiana der Erzdiözese Mailand. In den Straßen der Stadt ist es dieser Tage angesichts des Rekords an Anlandungen in Italien aber überraschend ruhig.

Am Boulevard Corso Buenos Aires nahe des Bahnhofs flanieren Einheimische entlang der Schaufenster der Modemetropole durch den Feierabend. Die Seitenstraßen dieses Viertels nahe der Porta Venezia gelten als Zentrum der großen afrikanischen Community Mailands, darunter viele Zuwanderer aus Eritrea. Neu angekommene Landsleute erhofften sich hier im Sommer 2016 Anschluss, viele schliefen auf den Straßen. Doch die gehören in dieser Nacht Studenten, die vor den Lokalen des Multi-Kulti-Bezirks feiern.

Ohne Perspektive

In einem Park etwas abseits des Getümmels schlägt Kamara die Zeit mit seinem Handy tot. Wie eine Handvoll weiterer Flüchtlinge schläft der junge Mann aus Guinea Bissau hier jede Nacht auf der Wiese. Vor zehn Monaten sei er über das Mittelmeer nach Italien gekommen, erzählt er. Will er hier bleiben oder sich in ein anderes Land durchschlagen? Kamara wirkt etwas ratlos: "Ja, vielleicht nach Amsterdam. Aber ich habe keine Dokumente."

Und damit hat er in Italien, das mittlerweile auf Druck der EU konsequent die an den Küsten des Landes ankommenden Menschen registriert, ein Problem. Denn die Staatsgewalt geht zunehmend rigoros gegen illegale Migranten vor. Erst vor zwei Monaten hat die Polizei rund um den Bahnhof in Mailand eine Aktion scharf gestartet.

"Die Menschen wurden teilweise in Bussen in den Süden Italiens gebracht", sagt Ilaria Sommaruga. Sie unterstützt Flüchtlinge in Mailand bei der Diakonie Valdese als Rechtsberaterin. Inoffiziell habe man gehört, dass die Polizei den Auftrag hat, "die Grenze im Norden Italiens zu säubern. Aber das Problem wird nur zugedeckt. Die Menschen haben Angst und verstecken sich".

Die Hauptstadt der Lombardei verdankt ihren Reichtum der idealen Lage in einer großen Ebene zwischen Meer und Bergen. In den vergangenen Jahren wurde sie zum Brückenkopf für jene Migranten, für die Italien nur ein Durchreiseland ist. 125.000 Menschen wurden seit Oktober 2013 in den Notquartieren der Stadt betreut. Bei ihnen handelte es fast ausschließlich um Menschen, die andere Länder als Ziel hatten und ihr Glück auch über die Brennerroute versuchten.

"Am Anfang waren es syrische Familien, um die wir uns gekümmert haben. 2015 kamen dann sehr viele Leute aus Eritrea", sagt Manuela Brienza, die im städtischen Sozialressort für die Flüchtlingsagenden zuständig ist. Mailand habe auf die Gegebenheiten reagiert und als Stadt des Willkommens einen humanitären Korridor errichtet.

Neue Politik

Die Schließung von Grenzen und die geänderte Vorgehensweise des italienischen Staats hat auch die Politik Mailands geändert. "Menschen ohne Dokumente dürfen nur noch eine Nacht in unseren Quartieren bleiben. Dann müssen sie nachweisen, dass sie sich bei der Polizei gemeldet haben. Wir müssen die Menschen mit der Realität konfrontieren, dass sie nicht einfach in andere Länder gehen können", sagt Brienza.

Dass Transitflüchtlinge sich künftig zunehmend außerhalb des Systems in der Stadt bewegen könnten, will die Anwältin nicht ausschließen. "Vielleicht wird es so ein verstecktes Phänomen geben. Aber wir wollen vom Notfallzustand weg und uns um die Menschen kümmern, die hier bleiben", erklärt sie.

In den städtischen Einrichtungen werden heute fast zu hundert Prozent Asylwerber betreut, Transitflüchtlinge bilden die Ausnahme. Ob das so bleibt? "Ich weiß es nicht. Vielleicht ist im August schon wieder alles ganz anders", sagt Brienza. Diese Ungewissheit teilt sie mit vielen Experten.