Chronik | Österreich
28.05.2017

Faszination Flusskreuzfahrt

385.000 Urlauber kommen jährlich über die Donau nach Österreich. Langsam wird der Platz eng.

"Haltet eure Kameras bereit", klingt Christine Brembergers Stimme auf Englisch durch die Lautsprecher, "gleich sehen wir die Burg Aggstein, die..." – Und schon zücken die Passagiere am Deck der "Avalon Impression" ihre Handys. "Isn’t this wonderful?", raunt die Amerikanerin Carol Williams dem befreundeten Mike Renzulli zu und nippt an ihrem "Wachau Spritzer" (ein Cocktail aus Grünem Veltliner, Sekt und Soda, den der Bar-Manager extra für diese Region vorbereitet hat).

Wie die meisten der Schiffsgäste sind Carol und Mike das erste Mal in Österreich.

Während Christine Bremberger weiter Anekdoten über die Wachau erzählt und die Urlauber knipsen, gleitet das Schiff Richtung Wien.

Schwimmende Hotels

Flusskreuzfahrten boomen. Auch hierzulande entscheiden sich immer mehr Urlauber dafür, ein Land auf dem Wasserweg zu entdecken. Rund 385.000 Urlauber (hauptsächlich aus Westeuropa, Nordamerika und Australien) kommen jährlich über die Donau nach Österreich.

Warum das so ist? "Die Kreuzfahrt ist eine sehr bequeme Art zu reisen", meint Cruise Director Christine Bremberger, die seit 14 Jahren auf Kabinenschiffen arbeitet.

Die Kanadierin Karen nickt. "Man muss nur einmal auspacken, obwohl man die ganze Zeit unterwegs ist, weil das Hotel einfach mitschwimmt", sagt sie. Denn die Schiffe sind schwimmende First-Class-Hotels. Neben den Kabinen und Restaurants gibt es meist Schwimmbecken, Whirlpools, Fitnessräume oder sogar Friseure.

Da die Schiffe kleiner als die Ozeandampfer sind, ist der Kontakt der Personen an Board zudem intensiver. Dieser Punkt hat auch Mike Renzulli überzeugt: "Wir waren früher viel auf großen Meereskreuzern unterwegs, aber hier ist es viel angenehmer. Alles ist kleiner, familiärer, man fühlt sich besser aufgehoben", sagt der Amerikaner.
Mit seinen 70 Jahren hat Mike Renzulli übrigens das Alter eines durchschnittlichen Flusskreuzfahrt-Gasts. Obwohl, wirft Bremberger ein, das Publikum laufend jünger werde. So wie der Preis günstiger. "Als ich anfing, waren solche Reisen nur für die oberen Zehntausend", sagt Bremberger.

Mit einem derzeitigen Startpreis von rund 2000 Euro für eine elftägige Flusskreuzfahrt ist man von einem günstigen Urlaub aber immer noch weit entfernt. Dazu kommen noch Ausflüge vor Ort.

32 Stunden in Wien

Heimische Betreiber von Sehenswürdigkeiten wollen dieses Klientel jedenfalls nicht mehr missen. Im Stift Melk machen Kreuzfahrttouristen mittlerweile 40 Prozent aller Gäste aus. Auch das Schloss Schönbrunn oder die Spanische Hofreitschule stufen Kreuzfahrttouristen als "enorm wichtig" ein.

Der heimischen Hotellerie bringt dieses Urlaubersegment indes nicht allzu viel. Denn geschlafen wird am Schiff. Andrea Steinleitner, Hotelierobfrau in der Wirtschaftskammer Wien, steht der Entwicklung dennoch positiv gegenüber: "Es ist unsere Chance, diesen Gästen Wien für einen weiteren Besuch schmackhaft zu machen." Da ein Kreuzfahrtschiff nur sehr kurz an einem Ort verweilt, bleibt bei diesem Besuch bloß Zeit für die wichtigsten Attraktionen der Region. In Wien sind es laut Wien Holding durchschnittlich 32 Stunden.
Der Anstieg der Kabinenschiffe bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Mittlerweile müssen die Kreuzfahrtanbieter die Ausflüge ein Jahr im Voraus buchen. Ebenso die Zeit-Slots bei den Schleusen und auch die Anlegestellen an den Häfen. Beim Schifffahrtszentrum bei der Reichsbrücke stehen die Schiffe nicht selten in Dreierreihe (siehe unten).

Die Gäste der "Avalon Impression" nähern sich diesem Hafen gerade. Das Abendprogramm in Wien: Der Besuch eines klassischen Konzert. Auf das freut sich Carol Williams besonders.

Nur ein Attraktion war noch wichtiger: Die "Sound of Music"-Tour in Salzburg. Denn diesen Film hat die 66-Jährige bestimmt schon 100 Mal gesehen.

Und worauf freut sich Mike Renzulli während des Wien-Aufenthalts? "Ganz klar", sagt der Amerikaner und lacht, " auf den Apfelstrudel".

Wiener Hafen muss weiter ausgebaut werden

Damit es auch künftig für alle Kabinenschiffe genug Platz zum Andocken gibt, wird der Wiener Hafen kontinuierlich erweitert. Erst 2015 wurde das Schifffahrtszentrum bei der Reichsbrücke um sieben Millionen Euro neu gestaltet. Und schon wieder sind drei neue Anlegestellen im 20. Bezirk in Diskussion; zwei oberhalb der Brigittenauer Brücke sowie eine unterhalb. Derzeit laufen die Gespräche zwischen Wien Holding, Via Donau und dem Bezirk. Denn: "Das Donauufer ist das Naherholungsgebiet der Wiener. Und das soll es auch bleiben", sagt Peter Hanke, Geschäftsführer der Wien Holding. Deshalb werden neue Anlegestellen nur in Absprache mit der Bevölkerung errichtet.