Erwin Neuwirth, Erfinder des GTI-Treffens

© /GERT EGGENBERGER

Interview
05/01/2016

"Der GTI-Goldfasan wird gerupft"

Schauspieler Erwin Neuwirth über Exzesse, Vortreffen und die Urlaubsdestination Wörthersee.

von Thomas Martinz

40 Jahre Golf GTI und 35 Jahre GTI-Treffen – diese Jubiläen werden am kommenden verlängerten Wochenende Zehntausende PS-Fans nach Reifnitz an den Wörthersee locken. Das Motto "Back to the Roots" gilt auch für Erwin Neuwirth. Der 68-jährige Schauspieler ist der Erfinder dieser Veranstaltung und hat nach wie vor ein großes Herz für das Kult-Auto aus Wolfsburg – obwohl er inzwischen privat "umgestiegen" ist, wie er im Interview verrät.

KURIER: Vor 35 Jahren hatten Sie die Idee zum GTI-Treffen. Hätten Sie jemals gedacht, dass es sich zu einem Wirtschaftsfaktor entwickeln und die Region in der Vorsaison beleben würde?

Neuwirth: Niemals. Das habe ich weder beabsichtigt, noch wäre es planbar. Eine gute Idee muss eine Herzensangelegenheit sein und darf nicht von wirtschaftlichen Gedanken getragen werden. Ich hatte damals ein Lokal in Reifnitz und hab’ mir 1982 einen GTI gekauft. Ein modernes Auto für einen jungen Menschen, der ich war. Ich habe Freunde angerufen und gefragt, ob wir uns mit diesen Autos nicht im Mai in Reifnitz treffen sollten. Ein paar Tausender (Schillinge, Anm.) wurden investiert, und 93 Fahrzeugbesitzer sind gekommen.

Das Event hat viele Hochs und Tiefs erlebt. Ich bin immer wieder aus- und eingestiegen – so wie VW. Die Veranstaltung hat sich über die Jahrzehnte verdoppelt, verfünffacht, verzehnfacht. Und selbst bei Krisen hat sie ihre Eigenständigkeit entwickelt und war im kommenden Jahr wieder doppelt so groß. Jörg Haider wollte das Treffen in einem Jahr verhindern, und im nächsten war er plötzlich an Bord und mittendrin im Trubel.

Am kommenden Wochenende rechnet man in Reifnitz mit 150.000 Besuchern. Was ist das Erfolgsgeheimnis? Das Zusammenspiel von Jugend, Dynamik, Tempo und die Ruhe des Sees – dieser Kontrast begeisterte immer die Menschen. Aber so wie das Auto als Statussymbol hat sich die Klientel verändert: damals waren es GTI-ler mit Lacoste-Hemden und Ray-Ban-Brillen. Also die, die cool und chic waren. Heute ist es sogar zweitrangig, mit welchem Auto du anreist, es kommen der Opel- und der Skoda-Fahrer ebenso. Es ist ein Jugendtreffen geworden.

Welches Auto fahren Sie inzwischen? Die Authentizität stimmt nicht mehr, es ist ein Citroën. Als Familienmensch brauchst du Stauraum; außerdem lege ich auf das Auto nicht mehr so viel Wert.

Auch das Treffen hat sich gewandelt, es gibt Exzesse, Alkohol, Straßenrennen, Lärm, Müll. Das sind Auswüchse, zu denen ich mich immer kritisch geäußert habe. Leider bringen die Gäste viel Energie mit, stacheln sich auf und benehmen sich daneben.

Die Konsequenzen sind Vortreffen und bauliche Maßnahmen wie Bodenschwellen gegen die GTI-Fahrer wie in Selpritsch bei Velden. Es gibt Vortreffen, die schon Anfang April beginnen bis hin zu Nachtreffen im Herbst. Was soll das? Das sind Gegenveranstaltungen, die nicht organisiert sind. Ein wunder Punkt. Reifnitz ist das Herzstück, doch der GTI-Goldfasan wird gerupft, ihm werden die Federn ausgerissen. Jeder will sich etwas abzupfen, aber nichts dazu beitragen. Und plötzlich wird es zu viel, Bodenschwellen kommen und stacheln den Unmut aller auf: Die Einheimischen haben ja auch Probleme, wenn sie zur Arbeit fahren, jeder muss dieses Trauerspiel mitmachen. Ich war letztes Wochenende dort und habe eine Dreiviertelstunde durch Selpritsch gebraucht. Bremsen, fahren, bremsen, fahren – das macht jeden nervös. Und die Fans: Die lassen viel Geld in der Region, aber sie werden nicht als Gäste wahrgenommen und akzeptiert.

Reifnitz wirbt mit dem Motto "Back to the Roots". Weniger Party, dafür wird der Fokus auf das Fahrzeug gelegt. Ist das die Zukunft des Events? Ja, hier soll die Liebe zum Auto demonstriert werden, die Generationen überspringt, Jung und Alt vereint. Es darf nicht um den Profit gehen, sondern um das Auto als Kult. Ich werde heuer einen Golf-I-Autocorso anführen, der am Freitag von Maria Wörth aus mit vielen Promis gegen den Uhrzeigersinn rund um den See fährt.

In Ihrem Berufsleben haben Sie immer wieder Berührungspunkte mit der Urlaubsdestination Wörthersee gehabt. Wir präsentiert sich der See heute? Die Nächtigungszahlen haben sich in den letzten Jahren erheblich reduziert, obwohl es sich um eine der schönsten Destinationen handelt. Die Region wird als ausgebucht und überteuert verkauft, ich muss den Wienern immer wieder erklären, dass weder das eine, noch das andere stimmt. Leider wurde in den letzten Jahren die Möglichkeit verabsäumt, hier Filme zu drehen, die Region zu vermarkten. Da ist eine große Lücke entstanden.

Erwin Neuwirth, "Vater" des GTI-Treffens

Der am 26. April 1948 in Wien geborene Erwin Neuwirth wurde als Schauspieler durch Auftritte in den TV-Produktionen "Der Landarzt", "Ein Schloss am Wörthersee" oder "Zärtliche Chaoten" bekannt.

In den 80er-Jahren betrieb er das "Le Bistro" in Reifnitz, 1982 hatte er die Idee zum GTI-Treffen am Wörthersee. Er arbeitete weiters als Kurdirektor in Reifnitz.

Später studierte Neuwirth Philosophie in Klagenfurt sowie Darstellende Kunst in Salzburg und beschäftigte sich mit der Lachtherapie. Er lehrt Rhetorik und Phonetik in Klagenfurt und im türkischen Ankara.

Neuwirth lebt in Klagenfurt und Wien, ist mit der Politologin Nesen Ertugrul verheiratet und hat zwei Töchter.

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