Recep Tayyip Erdogan

© REUTERS/YAGIS KARAHAN

Freitagspredigten
08/13/2016

Erdogans langer Arm in Wiener Moscheen

Der türkische Staatspräsident stützt seine Macht auch auf den Einfluss der Religion. Nach der Putschnacht waren Predigten aus Ankara auch in Wien zu hören.

von Moritz Gottsauner-Wolf

Das Markante an vielen Wiener Moscheen ist, dass sie nichts Markantes an sich haben. Die türkische Moschee in der Dammstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk ist ein moderner Neubau, kurvige Fassade, getönte Fenster. Von Außen deutet nichts auf den prächtig verzierten Gebetsraum in Inneren hin. Kein Schild, kein Symbol. Es ist ein heißer Mittag im Juli. Im klimatisierten Saal haben sich rund 300 Gläubige eingefunden. Sie sind für das Freitagsgebet hier, das heute ein Besonderes ist: eine Woche ist es her, dass in der Türkei der Putschversuch scheiterte. Die Verhaftungswelle ist in vollem Gang. Wird der Imam in seiner Predigt darüber sprechen?

Nach dem ersten Gebet besteigt er in weißer Gebetskleidung die Treppe der Minbar, der Kanzel. Der Imam dankt Allah für sein Erbarmen und wünscht den Verletzten in Istanbul und Ankara eine rasche Genesung. Der Putschversuch ist das zentrale Thema seiner Predigt. „Der Abend des 15. Juli war eine der schwierigsten, längsten und düstersten Nächte unserer Geschichte, die wir, auch wenn wir weit von unserem Heimatland entfernt waren, alle gemeinsam erlebt und gespürt haben“, sagt er auf Türkisch. „Unser Heimatland, nach dem wir uns hier in Wien so sehr sehnen, war von Anbeginn an ein islamisches Land. Unsere Flagge hat ihre Farbe durch das Blut der Märtyrer erhalten.“ Die Gemeinde lauscht andächtig sitzend, als der Imam seine Predigt abschließt. Die bittere Erfahrung des Putschversuchs habe gezeigt, „dass es kein besseres Herz gibt, als das, das voll mit der Liebe zu Gott und zum Vaterland ist.“

Erdogan in der Moschee?

In der Türkei strömten in der Putschnacht Hunderttausende auf die Straße. Selbst in Wien demonstrierten rund 4000 Menschen gegen den Staatsstreich. In den Wochen seither hat der zur Schau getragene religiöse Nationalismus von Teilen der türkischen Community in Österreich heftige Debatten ausgelöst. Die Verwunderung ist groß, dass Erdogan und seine Politik auch hierzulande so große Popularität genießen.

Als eine Quelle für die hiesige Erdogan-Verehrung werden immer wieder die türkischen Moscheen genannt. Die Imame würden nicht nur über das Wort Allahs und das Leben des Propheten Mohammeds predigen, sondern auch zur türkischen Innenpolitik Stellung beziehen. KURIER.at hat daher mehrere türkische Moscheen in Wien besucht, sich die Predigten angehört und übersetzen lassen. Wie die Recherchen ergeben, waren der Staatsstreich und seine religiöse Deutung in mehreren Wiener Moscheen das bestimmende Thema in der Freitagspredigt. In einem Fall stammte die parteipolitisch gefärbte Predigt direkt aus Ankara. Der wahre Einfluss türkischer Parteien und politischer Bewegungen auf österreichische Moscheen liegt jedoch weitestgehend im Dunkeln.

Sprache des Nationalismus

Die Predigt des Imams in der Dammstraße dauerte rund zehn Minuten. „Es wird hier nicht über Politik gepredigt, das ist ein Gebetshaus“, sagt Kemal, Ende Vierzig, Mitglied des Moscheevereins. Er hat sich nach dem Freitagsgebet noch auf einen Tee in das Restaurant des Moscheevereins gesetzt, nur wenige Schritte vom Gebetsraum entfernt. Der Verein ist Teil von ATIB, mit vollem Namen die Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich, ein 1990 gegründeter Dachverband, dessen Mitgliedsvereine in Österreich etwa 60 Moscheen betreiben. Mehrmals betont Kemal, dass hier Politik und Religion getrennt seien. Tatsächlich war heute von Parteien keine Rede. Auch Recep Tayyip Erdogan erwähnte der Imam mit keinem Wort. Trotzdem strotzte die Predigt nur so vor türkischem Nationalismus.

Für die Diskrepanz in der Wahrnehmung hat der Soziologe Kenan Güngör eine Erklärung: „Es wurde immer schon Politik in den Moscheen gemacht, das ist nichts Neues“, sagt er. Auch die martialische Sprache hört sich in türkischen Ohren nicht so dramatisch an. Die Phrase mit dem „Blut der Märtyrer“ geht zum Beispiel auf die gängige Legende zur Entstehung der türkischen Flagge zurück.

„Man muss einerseits festhalten, dass mediterrane Sprachen und Mentalitäten emotionaler und martialischer sind. Wenn das, was im Türkischen steht, eins zu eins ins Deutsche übersetzt wird, so hört sich das öfters martialischer an, als es möglicherweise gemeint ist“, sagt Güngör. Doch auf der anderen Seite sei die „nationalistische Blut und Boden-Rhetorik tief in die DNA der türkischen Staatsrhetorik eingearbeitet. Heute verknüpft sich der Nationalismus mit der Verklärung des Osmanen und der islamischen Geschichte. Das wird den Kindern schon in den Schule eingeimpft.“

Unter Erdogan aber vermischt sich der Nationalismus zusehends mit einem religiösen Auftrag. „Die Synthese zwischen Nationalismus und Islamismus ist in diesem Ausmaß eine neuere Entwicklung“, sagt Güngör. Und nicht nur die Vermischung, auch die Verbreitung nationalistisch-islamischer Ideen über die Moscheen hat zugenommen. In der Türkei, aber womöglich auch in Österreich.

Unterschwellige Botschaften

Zwei Wochen nach dem Putschversuch besuchte KURIER.at eine weitere ATIB-Moschee im 12. Wiener Gemeindebezirk. In seiner Predigt ging auch der Imam dieser Moschee auf die politische Lage in der Türkei ein. „Wir können als Volk aus diesen gewichtigen Ereignissen auch eine Lehre ziehen. Denn wir sollten diejenigen, die unserem Heiligen Volk Leid zugefügt haben, nicht vergessen. Unsere Heilige Religion gilt es von Grund auf richtig zu erlernen“, sagte der Imam etwa. „Wir dürfen unser Herz, unsere Zuneigung, unsere Seele, unseren Verstand, unsere Ideen und unsere Fähigkeiten keinem anderen überlassen. Wir dürfen denjenigen, die uns, anstatt unserem Gott gehörig zu sein, zu ihren Untergebenen, ihren Sklaven machen wollen, nicht im Geringsten Bedeutung schenken.“

Zwischen den Zeilen lassen sich Referenzen zur von Erdogan nach dem Putsch aufgebauten Tätertheorie herauslesen. „Mit ‚diejenigen, die dem heiligen Volk Leid zugefügt haben‘ ist die Gülen-Bewegung gemeint, das ist in Anbetracht des laufenden Diskurses in der Türkei eigentlich sehr deutlich“, sagt der Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker von der Universität Wien nach Durchsicht des Texts. Das Gebot, die „Religion richtig zu erlernen“, beziehe sich ebenfalls auf Fethullah Gülen und seine Anhänger. Und auch das Bild der „Versklavung“ gläubiger Türken ist konnotiert. „Da höre ich die Idee der ausländischen Verschwörung mitschwingen, also Europas und der USA. Natürlich auch, weil Gülen sich derzeit in den USA aufhält“, sagt Lohlker.

Die unterschwellige politische Botschaft ist an ein spezielles Publikum gerichtet. „Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie in religiöser Terminologie politische Aussagen gefasst werden und zwar für jene, die verstehen, was gemeint ist.“ Es sei nicht so, dass in den meisten Moscheen Politik an erster Stelle steht, meint Lohlker. „Es gibt aber kaum Untersuchungen und Daten darüber, was gepredigt wird. Man muss zugeben, dass da sehr viel unbekannt ist.“

Einheitspredigt aus Ankara

Tatsächlich stammt fragliche Predigt nicht aus der Feder des Imams, der sie vortrug. Es handelt sich bei dem Text fast wortgleich um die Freitagspredigt des türkischen Religionsamts Diyanet in Ankara, die zentral vorgegeben wird und auf den Webseiten des Amts veröffentlicht wird. Tausende Imame in der Türkei haben an dem Freitag dasselbe gepredigt, wie der Vorbeter im 12. Bezirk in Wien.

Der reguläre Imam der Moschee sei gerade auf Urlaub, ein Vereinsmitglied habe diesmal das Vorbeten übernommen, sagt Bilal Karadas, 38, Obmann des Moscheevereins. Aber auch sonst greife man auf fertige Texte zurück. „Der Imam schreibt die Predigten nicht selber“, sagt er. „Die Predigten kommen aus der ATIB-Zentrale.“

Politik, aber wessen Politik?

Derzeit werde in den österreichischen Moscheen intensiver Politik gemacht, „weil die türkische Regierung ihre Diasporapolitik aktiver betreibt“, sagt Kenan Güngör. Unter Erdogan legte die türkische Regierung ihr Augenmerk wieder verstärkt auf die Auslandstürken. Nicht zuletzt, weil etwa fünf Prozent der wahlberechtigten Türken im Ausland leben. Sie können bei knappen Wahlen das Zünglein an der Waage sein. Wo früher Religion und Nationalstolz gefördert wurden, wird heute auch Parteipolitik gemacht.

Insbesondere ATIB wird eine Nähe zum türkischen Staat nachgesagt. Der Dachverband kooperiert mit dem türkischen Religionsamt Diyanet. Die ATIB-Imame stammten bisher meist aus der Türkei und wurden vom Diyanet für jeweils fünf Jahre nach Österreich entsandt und bezahlt. Künftig untersagt das Islamgesetz die Finanzierung von Moscheevereinen aus dem Ausland. Auf der Homepage von ATIB ist das Internetfernsehen „Diyanet TV“ als eigener Menüpunkt angepriesen. Der aktuelle Vorsitzende von ATIB, Fatih Karadas, ist wie sein Vorgänger gleichzeitig Botschaftsrat in der türkischen Botschaft in Wien. Predigen die Wiener Imame also auf Geheiß Ankaras?

Diyanet-Predigt „nicht die Regel“

In einer Stellungnahme per Email stellt ATIB in Abrede, dass die Predigten vorgegeben werden. „Grundsätzlich predigt jeder Imam für sich, frei sozusagen. In dem von Ihnen genannten Fall hat anscheinend ein Vorbeter die Predigt gehalten und eine Diyanet Predigt als Grundlage verwendet, was nicht verboten, aber sicher nicht die Regel ist“, schreibt ATIB-Obmann Fatih Karadas.

Die Grenze zwischen Politik und Religion sei klar: „Jegliche Parteipolitik ist nicht nur unerwünscht, sondern auch beruflich verboten. Vergehen werden dienstrechtlich geahndet. Gesellschaftspolitische Fragen werden selbstverständlich erörtert“, sagt Karadan.

Politisches Auslandsengagement

Zumindest Gesellschaftspolitik hat also laut ATIB ihren Platz in Moscheen. Es ist auch schwer vorstellbar, dass eine Krisensituation wie der Putschversuch in Österreich nicht auch in katholischen Sonntagsmessen behandelt würde. „Man kann die Moscheen nicht zu politisch neutralen Zonen erklären“, sagt Ednan Aslan, Leiter des Instituts für Islamische Studien an der Universität Wien. „Natürlich reden Menschen über Politik, das ist ja gut so. Aber wenn Moscheen eine Indoktrinierungsfunktion erfüllen, fangen die Probleme an.“

Besonders problematisch sieht Aslan aber den ausländischen Einfluss auf die politische Ausrichtung österreichischer Moscheen. Er ist überzeugt davon, dass weder die Religionsbehörde Diyanet, noch ATIB selbstständig agieren. „In der Türkei war die Rede davon, dass das Diyanet die Putschisten nicht nach religiösen Ritualen beerdigen will. Daran sieht man, dass man das Diyanet nicht getrennt von der türkischen Politik betrachten kann“, sagt Aslan. „Von ATIB eine Selbstständigkeit zu erwarten, ist falsch.“ Zu diesem Vorwurf wollte ATIB gegenüber KURIER.at keine Stellungnahme abgeben. Der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ibrahim Olgun, wollte sich bis Redaktionsschluss ebenfalls nicht äußern. Olgun ist selbst Funktionär bei ATIB.

Aslans Institut forscht seit Jahren zum Islam und zur Moscheenlandschaft in Österreich. „Man muss sehen, dass die meisten Moscheen in Österreich vom Ausland gesteuert werden“, sagt Islamexperte. „Wenn etwa die Türkei Moscheen in Österreich finanziert, dann ist das nicht nur eine religiöse Angelegenheit, sondern auch eine politische. Diese Staaten möchten ihre ausländischen Kolonien zementieren, das ist eine Tatsache.“ Ohne Integration aber würden „die Spannungen den sozialen Frieden gefährden“, sagt Aslan.

Deutsch wird in österreichischen Moscheen kaum bis gar nicht gepredigt. Die einzigen, die es aus Gründen der Anwerbung von Gläubigen regelmäßig tun, sind die fundamentalistischen Salafisten.

Konservative Moscheenlandschaft

ATIB ist der größte der türkischen Verbände, aber längst nicht der einzige. Die 1980 gegründete Union Islamischer Kulturzentren (UIKZ) umfasst in Österreich 50 Vereine, darunter Moscheen aber zum Beispiel auch Kinderbetreuungseinrichtungen. In einem unscheinbaren UIKZ-Gebetsraum im 5. Wiener Gemeindebezirk ist der Putschversuch nach drei Wochen kein Thema mehr. Ebenso die diplomatische Krise zwischen Wien und Ankara, die gerade eskaliert, als der Imam zur Predigt ansetzt. Stattdessen preist der Imam die Sicherheit, die Österreich bietet. Darum sei es „ein Gebot Gottes an uns, dankbar dafür zu sein, was Gott uns gegeben hat. Immer. Seid dankbar für Gottes Gaben.“

Die UIKZ musste sich aber in der Vergangenheit, zum Beispiel von Ednan Aslan, anhören, dass sie auch politisch agiere. Welche Rolle der Putschversuch und Politik im Allgemeinen ihren Moscheen spielt, ist unklar. Die UIKZ wird als tendenziell anti-laizistisch, national ausgerichtet und politisch aktiv bewertet. Mehrere Anfragen per Telefon und Email blieben vonseiten der UIKZ unbeantwortet.

Die Nationale Sicht

Einen nationalistischen Ruf hat die Islamische Föderation zu verteidigen. Sie ist der zweitgrößte türkische Dachverband in Österreich. Ihre etwa 50 Vereine betreiben Moscheen und andere Kultureinrichtugnen. Eine davon Moscheen der Islamischen Föderation ist die winzige Tuna Moschee (übersetzt „Donau“) im 3. Wiener Gemeindebezirk, versteckt im Hinterzimmer eines türkischen Greißlers. Der Der Gebetsraum ist keine 30 Quadratmeter groß. Zum Gebet rufen hier heute die Schulkinder, die in den Sommerferien bei Imam Ibrahim Altunyaldiz den Korankurs besuchen.

Altunyaldiz lebt seit 30 jahren in Wien. Der Putschversuch in der Türkei sei zwar ein Thema, sagt er. „Aber ich will nicht zuviel über die Ereignisse reden, weil ich nicht will, dass sich die Leute aufregen“, sagt Altunyaldiz. Natürlich würde man über Politik reden, aber nicht über Parteien. „Bei uns werden Politik und Religion getrennt“, heißt es auch hier.

An der Wand hängen, wie in vielen Wiener Moscheen, die Flaggen Österreichs und der Türkei. Am Tisch liegt eine Ausgabe der Milli Gazete, der Printzeitung der Milli Görüs. Was übersetzt „Nationale Sicht“ bedeutet, ist eine islamistische-nationalistische Bewegung, die mit der türkischen Saadet Partisi („Partei der Glückseligkeit“) Politik macht. Bei den vergangenen türkischen Parlamentswahlen im November kam die Partei allerdings nur auf 0,68 Prozent der Stimmen. Der Islamische Föderation wird immer wieder Nähe zu Milli Görüs attestiert. Der Verband selbst spricht lediglich von einer „Kooperation“.

Vielleicht, weil die Bewegung in Deutschland immer wieder unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand. Bisher, zumindest. Denn der niedersächsische Verfassungsschutz beschäftigt sich seit vergangenem Jahr nur mehr in breiterem Rahmen mit Milli Görüs – offiziell aufgrund des „Bedeutungsverlusts“ von Teilen der Gruppe, die nicht mehr als „islamistisch“ einzustufen sei. Der Bundesverfassungsschutz beobachtet Milli Görüs trotz der Verbesserungen aber weiterhin. Beim deutschen Ableger der Gruppe, "Islamische Gemeinschaft Milli Görüs", sei das Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung "unverändert" infrage zu stellen.

Gruppen wie Milli Görüs waren laut Kenan Güngör auch einer der Gründe, warum ATIB gegründet wurde. „ATIB hatte ursprünglich eine ganz andere Funktion, nämlich im Ausland darauf zu achten, dass die Milli Görüs, die Fundamentalisten, nicht die Dominanz über die türkische Community erlangen“, sagt er. „Die ATIB war lange Zeit deutlich gemäßigter und laizistischer, weil der Staat das so vorangetrieben hatte."

Geballte Medienmacht

Moscheevereine sind tief in ihren jeweiligen Gemeinden verwurzelt. Aber reichen sie wirklich aus, um Tausende, vor allem junge Leute auf die Straße zu bringen? Nein, sagt Güngör. Nur 20 bis 25 Prozent der türkischstämmigen Österreicher seien in Moscheevereinen organisiert. „Man darf nicht vergessen, dass 70 Prozent der Türken keinem Verein angehören.“ Einen höheren Einfluss hätten die türkischen Medien, die tagtäglich konsumiert werden. Die Medien stellten sich zunächst gegen die Putschisten und auf die Seite von Demokratie und Rechtsstaat. Dass Erdogan aber genauso schnell damit begann, die Demokratie auszuhöhlen, passt nicht ins Bild. „Wenn man sich die mittlerweile stark kontrollierte Medienlandschaft anschaut, so entsteht ein einseitiges Bild, in dem der Staatspräsident als Garant der Demokratie versucht, die Demokratie mit allen Mitteln vor ihren Feinden zu retten.“

Beispielhaft dafür ist der türkische Nachrichtensender A Haber. In Deutschland erlangte er mit einer bizarren Reportage über das deutsche ZDF im Zuge der Böhmermann-Affäre Bekanntheit. Der Sender gilt als AKP-nah. Recep Tayyip Erdogan leitete einst die Privatisierung ein. Sein Schwiegersohn wurde daraufhin Geschäftsführer des neuen Mutterkonzerns von A Haber, bis er 2013 als Energieminister die Regierung wechselte. In Wien läuft A Haber in Kaffeehäusern, Kebabbuden und Kulturzentren.

Erdogan in der Endlosschleife

Im Moschee-Restaurant in der Dammstraße sitzt der Verkaufsleiter Kemal mittlerweile bei seinem dritten Glas Tee. A Haber am Flachbildschirm an der Wand. Dramatische Musik hallt durch den Speisesaal. Eben noch hatte eine Moderatorin die Nachrichten verlesen. Jetzt läuft ein schnell geschnittener Einspieler, der Bilder von Soldaten zeigt, Panzern, Zivilisten, türkischen Fahnen. Über die Musik wurde eine donnernde Rede Recep Tayyip Erdogans gelegt. Es wirkt wie der Trailer eines Action-Heldenepos. Am Ende erscheint Botschaften in großen weißen Lettern auf rotem Hintergrund „Türküz!“, übersetzt „Wir sind Türken“.

„Kein Land will Unruhe haben, schön ist das nicht“, sagt Kemal, nachdem er sich vom Fernseher abgewendet hat. Die Aufregung über die Demonstration in der Putschnacht kann er nicht ganz nachvollziehen. „Es wird doch immer demonstriert, wenn irgendwo etwas passiert“, sagt er. Dass am Rande eine der Demonstrationen der Gastgarten eines kurdischen Lokals beschädigt wurde? „Bei uns sind Kurden willkommen, einer unserer Köche ist Kurde. Hassan, der hier den Tee macht, ist Kurde“, sagt er. „Wir haben hier den besten Tee in der Stadt, schreiben Sie das.“