Chronik | Österreich
18.03.2016

Er trug Tarnanzug und Kalaschnikow, doch IS-Kämpfer will Sanitäter gewesen sein

Brüder sind im Dschihadisten-Prozess angeklagt: Einer war in Syrien, der andere wollte hin.

" Kalaschnikow, Messer, Kampfweste, sechs Magazine", zählt der Richter auf und schaut zum Angeklagten. Der 23-Jährige nickt: Ja, das hätten alle gekriegt. Das ist dem Richter zu viel: "Dass soll er mir zeigen, wie er mit einer Kalaschnikow einen Verletzten birgt!"

Das will der 23-Jährige nämlich in Syrien gemacht haben: Verletzte in Spitäler bringen, Menschen aus Häusern bergen. Sanitäter sei er gewesen bei der Freien Syrischen Armee. "Ich war nie bei einer Terrorgruppe."

Der 23-Jährige und sein Bruder, 17, sind Kurden mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Der vierte Grazer Dschihadisten-Prozess beginnt: Der ältere Bruder soll laut Anklage Anfang 2013 bei einer IS-Miliz in Syrien gekämpft haben, auch Mordversuch ist deshalb angeklagt.

"Er ist mitverantwortlich für das Elend", sagt der Staatsanwalt über den Angeklagten und meint damit politisch mehr: Flüchtlinge, die Syrien verlassen haben. "Er hat Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben, versucht, sie zu töten." Solche Menschen seien auf dem Weg nach Europa, deponiert der Ankläger. "Die kommen in ihrer Not, die müssen wir versorgen. Dadurch unterscheiden wir uns von diesen Mördern und Vergewaltigern. Der IS ist nichts anderes als eine Mörderbande."

Der Staatsanwalt warnt davor, Rückkehrer zu bagatellisieren. "Das sind Kämpfer. Die sind so gewaltbereit, dass sie sich selbst töten würden, um eine Vielzahl von Menschen zu töten."

Bruder radikalisiert

Nach einer Verwundung sei der 23-Jährige heimgekehrt. In Wien soll er dann den jüngeren Bruder überredet haben, ebenfalls in den Dschihad zu ziehen. Beide wurden im November 2014 im Rahmen jener Razzia in Wien, Graz und Linz verhaftet, in der auch der Prediger Ebu Tejma verhaftet wurde: Gegen ihn läuft ein eigener Prozess.

Auch im Verfahren gegen die Brüder spielt der 34-Jährige eine Rolle, der vom Staatsanwalt als "Hauptideologe des globalen Dschihadismus" betrachtet wird: Sie sollen dessen Predigten gehört haben.

Doch der ältere Bruder behauptet, so sei das alles nicht gewesen. Bei seinen Aussagen in sieben Einvernahmen über Kämpfe für den IS habe er bloß "irgendwelche Geschichte erfunden. Die Polizisten haben mich unter Druck gesetzt." Er habe nur "nützlich" seien wollen. "Ich habe mich verpflichtet gefühlt, Frauen und Kindern zu helfen." Im Kampfanzug und nach Schießübungen, kommentiert der Richter: "Sie laufen in Syrien mit der Kalaschnikow herum und üben Krieg. Verschaukeln lassen wir uns nicht."

Der Prozess wird heute, Freitag, fortgesetzt.