Chronik | Österreich
08.11.2014

Eine Nonne klagt an

Acht Jahre war die Deutsche in einem österreichischen Kloster. Sie wurde terrorisiert und missbraucht.

Ihre Freundinnen träumten von der ersten große Liebe, aber Doris Wagner hatte nur Augen für Jesus. Die Deutsche war 15, als sie beschloss, eine Nonne zu werden. Mit 19 trat sie dann in ein Kloster in Österreich ein. Doch aus dem Traum, ein Leben lang Gott zu dienen, wurde schnell ein Albtraum. Als sie die Gemeinschaft 2011 wieder verließ, war sie depressiv, praktisch mittellos und hatte einen Selbstmordversuch hinter sich. Wagner wurde in den acht Jahren ihres Klosterlebens kontrolliert, manipuliert, mehrfach sexuell missbraucht. Ihre dramatischen Erlebnisse hat die Ex-Nonne nun in dem Buch Nicht mehr ich niedergeschrieben. Hier gibt Wagner, die nun verheiratet ist und ihr erstes Kind erwartet, Einblick in die dunklen Seiten des Christentums.

KURIER: Frau Wagner, statt einem wilden Studentenleben wählten Sie mit 19 den Gang ins Kloster. Was hat Sie an Gott damals fasziniert?

Doris Wagner: Ich wurde sehr katholisch erzogen. Wie jeder junger Mensch hatte ich den Wunsch, kein langweiliges Leben zu führen, sondern wollte etwas Spannendes machen. Mit 15 reifte dann der Wunsch in mir, nach der Schulausbildung ins Kloster zu gehen.

Träumten Sie nicht wie Ihre Altersgenossinnen von der ersten großen Liebe?

Ich war auch verliebt, und zwar in die Lebensform, eine Braut Christi zu sein. Ich spürte wirklich eine Art Verliebtheit, es war genau genommen sogar ein Rauschzustand.

Von Ihrem 15. Lebensjahr an bereitete Sie sich auf Ihren Eintritt ins Kloster vor ...

Ich habe meine Lebensform schon in diesen Jahren an das Klosterleben angepasst. In den Sommermonaten besuchte ich unterschiedliche Orden, um mir das richtige Kloster auszusuchen.

Ihre Wahl hat sich viele Jahr später als falsch herausgestellt. Wann kam der erste große Tag der Ernüchterung?

Viele Demütigungen habe ich anfangs als Prüfung interpretiert. Da haben bei mir noch nicht die Alarmglocken geläutet, weil ich dachte, es gehört zur vollkommenen Hingabe.

Welche Demütigungen mussten Sie ertragen?

In dem Kloster forderte man die absolute Jungfräulichkeit. Damit meine ich auch die Jungfräulichkeit des Denkens, des Wollens und des Fühlens. Das schaffte ich nicht, und ich bin fast an Gott verzweifelt. Damals hatte ich die Selbstmordgedanken, weil ich glaubte, ich kann mich dem nur entziehen, wenn ich sterbe.

Wie lief das genau ab?

Jede Woche gab es Gespräche mit einer vorgesetzten Schwester, die mich einer Art Gehirnwäsche unterzog und von mir ständig noch mehr Demut forderte. Das Kloster war wie eine Sekte geführt. Mir wurden die Kleider abgenommen. Ich hatte mich für einen Orden entschieden, wo man eigentlich keine Tracht tragen musste. Aber meine Kleidung wurde als zu modern empfunden. Man steckte mich altmodische Kleidung. Der gesamte Kontakt zur Außenwelt und zur Familie wurde kontrolliert. Ich musste meine Briefe vorlegen. Meine Telefonate wurden protokolliert. Ich durfte keine Bücher lesen und kein Radio hören. Die Freizeit durfte ich nicht eigenständig gestalten, sondern sie wurde den vorgesetzten Schwestern organisiert. Der Rest des Lebens bestand aus Arbeit und Beten. Ich durfte auch keine Wünsche äußern. Am Ende blieb nichts mehr von mir übrig.

Dann wurden Sie auch noch von einem Priester sexuell missbraucht.

Ich war in einem gemischten Orden. Es war der Rektor des Hauses, der eines Tages in meinem Zimmer stand und mich missbrauchte. Er nützte die Tatsache aus, dass mein Zimmer außerhalb des Schwesterntraktes lag und so niemand den Missbrauch mitbekam.

Wie oft hat der Priester Sie missbraucht?

Es war zwischen zwei und vier Mal. Genau weiß ich es nicht mehr, weil ich lange in einem Schockzustand war.

Haben Sie den Mann, der Sie missbraucht hat und der im Buch "Pater Jodok" heißt, angezeigt?

Selbstverständlich, in Österreich und in Deutschland. Er hat angegeben, dass es einvernehmlich war. Es ist ihm natürlich nichts passiert. Er wurde versetzt, was aber für ihn letztendlich eine Beförderung war. Ich glaube, er ist mittlerweile wieder zurück in Österreich, zurück in der Gemeinschaft.

Leben in einer Sekte: Eines ist sicher, die deutschen Talkshows werden sich um die Ex-Nonne reißen. Im Buch „Nicht mehr ich“ schildert Doris Wagner, welcher Terror auf Nonnen ausgeübt wird. edition-a um 19,90 Euro.