Chronik | Österreich
04.12.2017

Doppelmörder von Stiwoll: Eine anscheinend spurlose Flucht

Hunderte suchten den verdächtigen Doppelmörder. Doch von ihm gibt es seit 37 Tagen kein Lebenszeichen.

29. Oktober. 9.15 Uhr. In Stiwoll fallen Schüsse, Gerhard E., 64, und Heidi H., 55. sterben. Sie waren Nachbarn des mutmaßlichen Schützen Friedrich Felzmann.

Der 66-Jährige ist 37 Tage später noch nicht gefunden. Auf seiner Flucht hat er offenbar keine Spuren hinterlassen. Nicht einmal neben seinem Auto, das er auf einem Waldweg acht Kilometer vom Tatort zurück ließ, wurde eine Fußspur entdeckt. Dieser beispiellose Fall in der jüngeren Kriminalgeschichte wirft viele Fragen auf.

Hatte der Verdächtige einen Fluchthelfer?

Laut "Sonderkommission Friedrich" gilt das als unwahrscheinlich: Der 66-Jährige habe keine engen Freundschaften gepflegt, außerdem gilt die Tat als nicht geplant. Felzmann hatte kein Geld behoben, seine Kleidung ist noch im Haus.

Was löste den Doppelmord aus?

Laut Profiler Werner Schlojer dürfte Felzmann in dem Moment ausgerastet sein, als er die Nachbarn auf seinem Grundstück sah: "Dadurch ist er persönlich angegriffen worden." Dem zuvor ging ein jahrelanger Streit um Banalitäten – ein Wegerecht etwa. Der Verdächtige ist, gelinde ausgedrückt, als Querulant bekannt, der viele Zivilprozesse anstrebte.

Warum wurden frühere Ermittlungen gegen Felzmann eingestellt?

Der 66-Jährige hat Hausverbot im Straflandesgericht Graz, weil er Richter bedroht haben soll: Er stellte Videos online, in denen er sich als Justizopfer darstellte. Er fuhr mit einem Auto samt "Heil Hitler"-Schild, und er soll Nachbarn bedroht haben. Die Verfahren wurden jedoch von den Staatsanwaltschaften Graz und Leoben eingestellt: Es gibt psychiatrische Gutachten, die ihn als nicht zurechnungsfähig einstufen doch gleichzeitig auch als "nicht gefährlich".

Was hat die Polizei unternommen, um den Flüchtigen zu finden?

Mehrere Hundert Beamte waren wegen des Doppelmordes im Einsatz. Mehrmals wurden Suchhundestaffeln eingesetzt. Hubschrauber mit Wärmebildkameras und Drohnen flogen die Region ab. 100 Häuser im nahegelegenen Freilichtmuseum Stübing wurden durchsucht, ebenso Dutzende Objekte in und um Stiwoll. Die Beamten gingen 260 Hinweisen nach, Einbrüche in der gesamten Steiermark wurden auf DNA-Spuren überprüft.

Welchen Erfolg brachte das?

Keinen. Nirgends tauchte die kleinste Spur zu Felzmann auf. Nicht einmal die Suchhunde witterten eine Fährte: Hubschrauber und Begleitung durch ungewohnte Cobra-Einheiten könnten aber "massiven Stress" bei den Tieren verursacht und ihr "sensibles Sensorium" gestört haben, begründet die "SOKO Friedrich".

Wie schafft es ein einzelner Mann, sich so lange zu verstecken?

Die Polizei begründet das mit dem weitläufigen Waldgebiet, in dem sich Felzmann bestens auskenne. Außerdem sei dies kein Einzelfall: So versteckte sich 2009 ein von Medien "Horror-Hans" genannter geistig abnormer Rechtsbrecher elf Wochen lang vor der Polizei in einem obersteirischen Wald. Mit zunehmender Dauer (und Kälte) geht die Polizei jedoch davon aus, dass Felzmann tot ist. Er könnte sich das Leben genommen haben. Möglich sei auch ein tödlicher Unfall.

Wie viel kostet der Polizeieinsatz in Stiwoll?

Darüber schweigt die Behörde. Kolportiert werden Kosten von einer Million Euro allein für die Flüge der Drohne, die jedoch von der Polizei nicht bestätigt werden. Geld stehe aber nicht im Vordergrund, sondern der "polizeiliche Erfolg", betont Michael Lohnegger von der Sonderkommission: "Kostendruck wäre ein Wahnsinn, wenn wir nach einem Doppelmörder suchen."