Chronik | Österreich
14.04.2017

Ein Mal Türkei – Österreich und zurück

Zu Besuch bei einem ehemaligen Gastarbeiter: Unternehmer Lale über Integration, Erdoğan und seine Zeit in Wien.

In diese türkische Provinz verirrt sich normalerweise kein Tourist. Die Städte schmucklos, die Landschaft hügelig, belanglos. Die Winter beißend kalt, die Sommer drückend heiß.Yozgat in Zentralanatolien bietet außer endlosen Agrarflächen kaum etwas, am allerwenigsten Jobs, und ist weiterhin ein Rückstandsgebiet. Aus diesem Grund kamen schon in den 1970er-Jahren ganz viele "Gastarbeiter" aus dieser Region nach Österreich. Mehmet Lale war einer von ihnen. Der KURIER traf den 58-jährigen Rückkehrer in seiner alten, kargen Heimat Sorgun (siehe Grafik), wo er sich so seine Gedanken macht über das Zusammenleben zwischen Türken und Österreichern.

"Ich höre, dass es zwischen den beiden Gruppen nur wenig Verbindungen gibt. Ich finde das schade, denn zu meiner Zeit hatte ich sehr viele Wiener als Freunde", sagt der Mann, der im zarten Alter von 16 Jahren 1975 in die Bundeshauptstadt kam. Sein Vater hatte damals schon die Wohnung in der Dammstraße in der Brigittenau.

Seine große Leidenschaft und die vieler seiner türkischen Kollegen war der Fußball: "Wir haben gemeinsam mit unseren österreichischen Bekannten viele Spiele von Rapid und Austria besucht." Und weil es so viele Leute aus Yozgat gegeben habe, habe man einen Kicker-Verein gleichen Namens gegründet, "da waren aber auch Österreicher dabei", fügt Lale schnell hinzu. Eine Abschottung habe es für ihn gar nicht geben können, weil "zu der Zeit noch kaum türkische Kaffeehäuser existiert" hätten.

Gegen den Erdoğan-Plan

Die Spannungen in Österreich vor dem türkischen Verfassungsreferendum am kommenden Sonntag, mit dem sich Präsident Tayyip Erdoğan weitreichende Vollmachten sichern will, hält der Familienvater für entbehrlich. "Ich finde, Ausländer sollten dort, wo sie gerade arbeiten, keine Politik machen." Mit seiner Privatmeinung hinsichtlich des zur Abstimmung anstehenden neuen Grundgesetzes hält er aber auch nicht hinter dem Berg. "Ich werde mit Nein votieren, weil ein Präsidialsystem nicht gut ist. Für die Demokratie erachte ich den Parlamentarismus für viel besser", so der 58-Jährige. Allerdings würde in Yozgat, einer äußerst konservativ und auch religiös dominierten Region, wahrscheinlich das Ja-Lager vorne liegen.

Mehmet Lale wird es nehmen, wie es eben kommt. So wie er auch in Wien zunächst jeden Job annahm, der sich gerade bot. "Ich habe am Bau gearbeitet oder als Gärtner. Ich kann mich noch gut erinnern: 700 Schilling (umgerechnet rund 50 Euro) war mein erster Monatslohn."

Eigene Firma gegründet

Mit 18 machte er den Führerschein, heuerte bei einer Firma als Kraftfahrer an – und wagte fünf Jahre später den Sprung in die Selbstständigkeit. "Ich habe damals begonnen, Spannteppiche aus Belgien zu importieren und sie dann weiter nach Jugoslawien, Russland, den Iran und natürlich in die Türkei zu exportieren." Das sei ein "wirklich gutes Geschäft" gewesen, freut sich der ehemalige "Gastarbeiter" noch heute.

Er habe diesen Begriff stets im Wortsinn empfunden. "Denn ich wollte immer schon so schnell wie möglich wieder zurück nach Yozgat. Aber mein Vater hat mich lange Zeit davon abgehalten."

1991, 16 Jahre nach seiner Ankunft in Wien und um einen Batzen Geld reicher, war es dann so weit. Mehmet Lale packte seine Familie (drei seiner vier Kinder wurden in Österreich geboren) und seine Siebensachen – und ab ging es in die Heimatstadt Sorgun (50.000 Einwohner, rund drei Autostunden von Ankara entfernt).

Dort baute er sich das florierende Unternehmen "Sorgun Asgaz" auf, das derzeit zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Das Business-Konzept: Große Mengen Flüssiggas werden erworben, in kleinere Kartuschen umgefüllt und an Händler weiterverkauft.

In seine "zweite Heimat", wie der Firmen-Patriarch Österreich bezeichnet, kam er in den vergangenen 26 Jahren nur zwei, drei Mal, zu Hochzeiten. "Aber ich liebe dieses Land, es ist anders als Deutschland, Belgien oder die Niederlande. Einfach besser."

Laut Michael Link, dem Leiter der Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ( OSZE) beim türkischen Verfassungsreferendum am Sonntag, wird das Nein-Lager bei seiner Kampagne behindert. Haupt-Begründung: Unausgewogene Berichterstattung in den gleichgeschalteten Medien und Verunglimpfung der Gegner von Präsident Erdoğan, der sich mit dem neuen Grundgesetz weitreichende Machtbefugnisse sichern will. Laut letzten Umfragen überwiegen knapp die Ja-Stimmen, andere Demoskopen sehen die Nein-Stimmen leicht vorne.