Ausgerastet
09/14/2014

Ein Land sieht rot: Österreicher werden immer aggressiver

Immer mehr Menschen lassen ihrem Zorn freien Lauf – nicht nur anonym im Web, sondern vor Gericht und in den Ämtern. Die Behörden ziehen die Rollbalken herunter. Die Psychiaterin rät zur Artikulation der aufgestauten Wut, sobald sie entsteht.

von Ricardo Peyerl, Dominik Schreiber

Nach der Ohrfeige, die der 57-jährige Mann einem Staatsanwalt im Grauen Haus in Wien verpasst hatte, rief er aus: "Im Namen des Volkes!" Und der 55-Jährige, der einen Richter in Krems geohrfeigt hatte, beschimpfte das Justizpersonal noch bei seinem Prozess als "kriminelles Gesindel".

90 Richter und Staatsanwälte werden pro Jahr bedroht, fünf davon tätlich angegriffen. Gerichtsbesucher schleudern Akten auf den Boden, schlagen mit Krücken um sich, schreien, spucken, toben. 1137-mal im Jahr zuckt jemand in einem Arbeitsamt aus und attackiert die Beamten, 706 Ordner oder Securitys wurden (abgesehen von Wien, wo das nicht erfasst wird) 2013 attackiert.

In den Österreichern kocht der Zorn. Die Wut entlädt sich nicht nur anonym im Internet, aber immer mehr auch vor Behörden und im Autoverkehr (siehe Zusatzberichte unten). 2013 zählte die Justiz 2192 Fälle von gefährlicher Drohung, Nötigung und Hausfriedensbruch, im Jahr davor waren es noch 1970. Dabei kommt noch lange nicht alles vor Gericht.

Justizopfer

"Die Bedrohungen nehmen zu", sagt der Innsbrucker Strafrichter Klaus Jennewein. Es sind in der Regel die "klassischen Justizopfer" bzw. jene, die sich als solche fühlen. "Richter entscheiden nach objektiven Beweisergebnissen, der Betroffene hat das aber subjektiv ganz anders erlebt."

Die Psychiaterin und Buchautorin Adelheid Kastner plädiert dafür, die Wut sofort hinaus zu lassen, wenn sie entsteht: "Wut ist ein Rückmelder. Ich muss sie nur artikulieren. Sie sagt aus, dass sich der andere nicht richtig verhält. Oder vielleicht auch, dass ich überempfindlich bin." Doch wir seien darauf dressiert, Wut als unstatthaft zu betrachten und mit Aggression gleichzusetzen. Kastner: "Alles versinkt in wohlgesetzter Empörung, aber die ist zahnlos und bewegt nichts." Außerdem gebe die Wut Gelegenheit zu ergründen, was schief gelaufen ist.

Mit den sogenannten Wutbürgern, die über das System oder hohe Abgaben jammern, kann die Psychiaterin wenig anfangen: "Denen geht es doch oft nur um die eigene Befindlichkeit und darum, wo sie noch etwas rausschinden können." Wenn Adelheid Kastner über Beamte redet, die "sechs Wochen auf Kur fahren und dann mit 52 in Pension gehen", und dass "das System" diese Zustände finanzieren muss, redet sie sich selbst in Rage.

Gerichtsgebäude sind Orte, an denen die Emotion eine besondere Rolle spielt. Die Kriminalsoziologen Reinhard Kreissl und Alexander Neumann orten das Gericht als "geeigneten Schauplatz für die Inszenierung möglichst weithin sichtbarer ,Aktionen der Rache‘, der Kompensation subjektiv erfahrener Ohnmacht, der aggressiven Selbstjustiz." Für eine Studie haben sie bei 1000 Justiz-Mitarbeitern das Sicherheitsgefühl abgefragt: Am unsichersten fühlen sich junge Staatsanwälte, 15 Prozent der unter 40-Jährigen gaben an, sich sehr unsicher zu fühlen. Hingegen fühlt sich keiner der über 40-jährigen Staatsanwälte unsicher.

Die Behörden setzen auf Schulungen der Mitarbeiter über deeskalierenden Umgang mit aufgebrachten Bürgern. Und sie lassen die Rollbalken herunter. Im Wiener Straflandesgericht, für das dessen Präsident Friedrich Forsthuber seit seinem Amtsantritt 2010 ein eigenes Polizeiwachzimmer fordert, bestehen acht Betretungsverbote. In den Wiener Bezirksgerichten gibt es insgesamt 55 Hausverbote, wobei manchen Personen gleich das Betreten sämtlicher Bezirksgerichte verwehrt wird.

Eine Häufung ist seit dem Amoklauf 2009 im Bezirksgericht Hollabrunn zu beobachten, wo ein Lehrer eine Gerichtsmitarbeiterin und zweifache Mutter erschossen hatte. "Manche Droher beziehen sich auf Hollabrunn", sagt Beatrix Engelmann, Vizepräsidentin des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien: "Da heißt es dann: ,Werdet’s schon sehen, dann geht’s euch wie in Hollabrunn‘." Dazu werden Galgen gezeichnet, es wird angekündigt, dass man das Leben eines Richters vernichten und ein Blutbad anrichten werde. "Damit muss jeder leben", sagt Richter Jennewein. Und Engelmann verweist auf den Alarmknopf, den jeder Richter unterm Schreibtisch hat.

"Alpenrevoluzzerin" wird TV-Idol

Bei Frieda Nagl läutet seit Mittwoch fast ununterbrochen das Telefon. "Recht ham’S" oder "Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen", teilen ihr die Anrufer mit. Die 75-jährige Alt-Wirtin wurde mit ihrem Auftritt bei den ORF-Sommergesprächen Dienstagnacht zur Galionsfigur für tausende Österreicher, die "die Schnauze voll haben von den leeren Versprechungen der Politik", drückt Nagl es aus.

"Lassen Sie uns nicht verrecken", lautete ihr Appell an Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, der ursprünglich seinem Vorgänger gegolten hätte, wie sie dem KURIER erzählt: "Ich habe mich damals angemeldet, weil ich dem Spindelegger einmal die Meinung sagen wollte. Aber ich habe mir schon gedacht, dass es den nicht mehr lange geben wird." Der neue ÖVP-Obmann sei ihr aber eh lieber gewesen, fügt sie hinzu. "Er ist ein Wirtschaftsbündler, der Ahnung hat von den Problemen der Klein- und Mittelbetriebe. Ich hoffe nur, dass er nicht abhebt. In der Sendung beschwerte sich die Pensionistin darüber, als Schwarzarbeiterin verfolgt worden zu sein, weil sie zuhause im Hotel Alpenrose mitarbeitet.

Den Familienbetrieb führt mittlerweile die Tochter. Die brauche aber Hilfe in der Küche. "Bei der Steuerbelastung zwingt die Politik einen ja dazu, pfuschen zu gehen. Die sollen einmal schauen, dass sie eine Steuerentlastung hinbekommen."

"Endlich traut sich wer"

Ihre Wortmeldung wurde mit dem Ende der Sendung abgebrochen. Da war die "Wut-Oma", wie sie jetzt betitelt wird, aber noch lange nicht fertig. "Also bin ich zum Vizekanzler hingegangen und habe gesagt: ’Gell, du hast eh auch einen Durst. Jetzt gemma was trinken.’ Dann waren wir automatisch per Du." Eine Stunde habe er sich Zeit genommen und sich sogar das Versprechen abringen lassen, die Alt-Wirtin in Rauris zu besuchen. Er müsse sich einen Eindruck machen, wie hart die Gastronomen in den Seitentälern hackeln, habe sie ihm erklärt. "Ich liebe unsere Bundeshauptstadt, aber die in Wien haben anscheinend keine Ahnung, wie es hier draußen rennt."

Wie es rennt, das weiß die "Alpenrevoluzzerin" nur zu gut: Mehr als 20 Jahre lang hat sich Nagl als ÖVP-Mitglied in der Rauriser Kommunalpolitik eingebracht – u.a. in der Frauenbewegung und im Wirtschaftsbund. Den Ruf in die Landeshauptstadt habe sie abgelehnt. Die Familie sei ihr wichtiger gewesen, betont die fünffache Mutter und neunfache Oma. 2004 zog sie sich aus der Politik zurück. "Ich habe gemerkt, dass ganze Kämpfen bringt nichts. Jetzt sollen andere ran, und wenn ich mir die vielen Reaktionen der Jungen anschaue, bin ich ganz zuversichtlich."

Von Nagl werde man in Zukunft noch öfter hören, prophezeite ihr ORF-Chef Alexander Wrabetz, als er ihr nach der Sendung am Gang nachgelaufen sei, erzählt sie. Barbara Karlich habe bereits um ein Interview in ihrer Talkshow gebeten. Nagls Antwort: "Das freut mich zwar sehr, aber zuerst muss ich meine Zwetschgen ernten."

Aggression im Straßenverkehr nimmt zu

Ein Autofahrer und ein 23-jähriger Mopedfahrer geraten im Juni in der Stadt Salzburg heftig aneinander. Der Mann am Sozius zeigt den Stinkefinger, und der Lenker des Mittelklassewagens fährt ihn deshalb bei der nächsten Kreuzung von hinten an – das Moped stürzt um. Die Folge ist ein Handgemenge mit gleich drei Verletzten und einigen Anzeigen.

Messerstich

Nur zwei Monate zuvor war ein niederösterreichischer Autofahrer erstinstanzlich zu 30 Monaten Haft verurteilt worden. Ein Pkw hatte einen anderen bei Baden (NÖ) offenbar zu knapp überholt. Es wurde gehupt, man blieb stehen – und plötzlich zog einer von ihnen ein Messer. Dann stach er seinem Kontrahenten in den Bauch.

Auch wenn genaue Zahlen zu solchen Vorfällen im Straßenverkehr nicht verfügbar sind, geht man bei der Exekutive von einer steigenden Gewaltbereitschaft aus. Auch deshalb bieten Innenministerium und ÖAMTC ab sofort eigene Kurse an, wie solche Situationen richtig zu bewältigen sind (der KURIER berichtete gestern). Bei diesen können Autofahrer lernen, wie sie sich bei möglichen Ausrastern verhalten sollen – etwa im Wagen bleiben, die Türen verschließen und Fotos/Videos anfertigen, wenn der Kontrahent gewalttätig wird.

"Durch immer mehr Smartphones gibt es immer mehr Ablenkung im Straßenverkehr. Die Folge sind mehr Fahrfehler und damit auch mehr Aggression", erklärt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Besonders in Stoßzeiten kann sich dann der Ärger entladen. Dazu kommt mitunter auch der Neid gegenüber jenen, die in einer höheren sozialen Schicht sind. Deutsche Limousinen oder SUVs eignen sich da speziell als Gegner.

Gerade für den Selbstwert eines Mannes sei es ganz besonders wichtig, als schneidiger, furchtloser Autofahrer wahrgenommen zu werden, betont Seidenberger. Die Frauen holen hier allerdings langsam auf. Denn je mehr sie im Berufsleben im Mittelpunkt stehen, desto mehr Terrain gewinnen sie auch bei solchen Aggressionstaten. Experten sprechen dabei mitunter von "negativer Emanzipation".

Betretungsverbote nach dem Attentat auf der BH

In NÖ wurde nach einem tödlichen Anlassfall die Sicherheit an den Bezirksbehörden (BH) verbessert: Im März 2011 erschoss ein Landwirt auf der BH Klosterneuburg einen Beamten und nahm eine Mitarbeiterin stundenlang als Geisel, ehe er sich selbst richtete.

Bezirkshauptmann Wolfgang Straub entwickelte daraufhin ein Musterverfahren für Betretungsverbote, das im Bedarfsfall rasch umsetzbar ist. In der eigenen Behörde musste Straub allerdings noch kein Hausverbot aussprechen: "Es kommt zwar ab und zu vor, dass jemand die Beherrschung verliert und laut wird, bisher hat es aber immer gereicht, deeskalierend auf die Betroffenen einzuwirken", sagt Straub.

54 Mal musste 2013 die Polizei auf ein Arbeitsamt ausrücken, um einen tobenden Bürger zu bändigen. Insgesamt gibt es 12 Hausverbote. In einigen Servicestellen werden schwierige Kunden nur an bestimmten Tagen eingeladen, an denen Security-Personal im Einsatz ist. In Innsbruck gibt es seit dem Engagement von Sicherheitskräften keine Übergriffe mehr. Im Burgenland und in NÖ werden die Kunden als immer aggressiver erlebt.

In Wiener Spitäler sei die Zahl von aggressiven Besuchern laut Krankenanstaltenverbund (KAV) konstant, auch wenn man keine genauen Zahlen nennen kann oder will. Die meisten Probleme gebe es nach Verkehrsunfällen, wenn Aggressionen aufgestaut sind.

Trotz gegenteiligem Gefühl von Polizisten steigt in Wien die Zahl von Widerständen gegen die Staatsgewalt nicht.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.