Interview mit Felix Baumgartner im Hangar-7 in Salzburg.

© APA/BARBARA GINDL

Ein Jahr nach Stratos
10/14/2013

Felix Baumgartner zieht es in den Rennsport

Nach dem Rekordsprung plant der 44-Jährige für ein 24-Stunden Rennen auf dem Nürburgring.

14. Oktober 2012: Der Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner springt aus einer Kapsel in der Stratosphäre im freien Fall zur Erde und bricht damit gleich drei Rekorde. Der Österreicher durchbrach als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer - Baumgartner flog eine Maximalgeschwindigkeit von fast 1.358 Stundenkilometern. Zudem erreichte Baumgartner mit 38.969,40 Metern den höchsten Absprung sowie den längsten freien Fall mit einer Länge von 36.402,6 Metern. Und die Welt sah dabei zu, der von Sponsor Red Bull finanzierte Rekordsprung wurde von 77 Sendern und 50 Ländern übertragen. Genau ein Jahr später hat sich heute, Montag, der 44-Jährige Zeit für ein Gespräch genommen.

Herr Baumgartner, wie hat dieser Sprung ihr Leben verändert?
Baumgartner
: Mich persönlich gar nicht, ich bin der Selbe geblieben. Nur die Wahrnehmung ist weltweit eine andere geworden. Seit diesem Sprung bin ich unentwegt unterwegs. Ganz egal wo, die Leute wollen mit mir sprechen und ihre Gefühle mitteilen. Wir haben die Menschen berührt, auch Kinder haben wir motiviert, die haben Bilder gemalt, sogar im Fasching war der Stratos-Sprung großes Thema, das heißt in den Köpfen der Menschen ist etwas passiert.

Haben Sie nach Ihren drei Weltrekorden Lust auf weitere Herausforderungen, brauchen Sie den Kick noch einmal?
Baumgartner: Nur, weil ich jetzt nicht mehr aktiv im Extremsport bin, heißt das nicht, dass ich keine Herausforderungen mehr suchen würde. Es muss ja einen Grund geben, warum man in der Früh aus dem Bett steigt. Ich habe jetzt ein sehr gutes Angebot von Audi bekommen, im kommenden Jahr beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring als vierter Fahrer dabei zu sein. Darauf werde ich mich sehr gewissenhaft vorbereiten, immerhin bin ich der Schwächste aus dieser Fahrergruppe. Wie immer, wenn ich etwas mache, suche ich mir die richtigen Leute, hole mir Tipps, trainiere viel am Simulator und nehme das Thema sehr, sehr ernst.

Über die Gefährlichkeit Ihres Rekordsprunges ist viel geredet worden, wie gefährlich war er denn wirklich aus Ihrer Sicht?
Baumgartner: Das gefährliche war die Vorbereitung. Da gab es viele offenen Fragen. Auf alle haben wir Antworten gefunden, das Risiko war also berechenbar, sonst hätten wir es auch nicht gemacht und schon gar nicht vor laufenden Kameras. Bis auf den Bereich der Überschallgeschwindigkeit. Darauf hat erst der Sprung selbst Aufschluss gegeben. Und genau dabei haben wir wertvolle Daten gesammelt, die wir der Wissenschaft jetzt zur Verfügung gestellt haben.

Es gab renommierte Wissenschafter, die den Wert dieser Daten bezweifelten oder gering schätzten (siehe Bericht unten). Wie sehen Sie das?
Baumgartner:
Die NASA ist froh darüber, dass es einen Sprung gibt, der von Anfang an dokumentiert ist, inklusive präziser medizinischer Begleitung. Diese Daten werden in Zukunft dringend gebaucht werden, um das Retten von Menschen in der Raumfahrt zu ermöglichen und sicherer zu machen. Ich glaube, wenn sich die NASA und auch die Air Force um unsere Daten reißen, dann spricht das für sich.

Wir geht es Ihnen mit dem Hype um Ihre Person?
Baumgartner:
Alles in allem fühle ich mich wohl, leider gibt es immer wieder Presseenten. Das Niveau der Presse ist stark gesunken, immer wieder gibt es reißerische Schlagzeilen und verfälschte Inhalte, aber damit muss man halt leben. Die Menschen auf der Straße geben mir Recht, leider ist es halt so, dass man in der heutigen Zeit seine Meinung nicht mehr sagen darf.

Meinen Sie den Satz mit der "g'sunden Watschn"? War das nicht ziemlich ungeschickt?
Baumgartner: Nein, das war nicht ungeschickt. Ich habe gesagt, die "g'sunde Watschn" muss zum richtigen Zeitpunkt zulässig sein als Erziehungsmittel. Teile der Presse haben dann daraus gemacht, Felix Baumgartner plädiere für Gewalt gegenüber Kindern. Das ist natürlich völliger Schwachsinn. Als erstes muss man das Gespräch suchen. Aber es gibt Jugendliche, die die starke Hand eines Vaters brauchen.

Wo und wie leben Sie jetzt?
Baumgartner: Ich bin nach wie vor bodenständig und habe in der Schweiz eine kleine Dachwohnung mit Blick auf den Bodensee. Dort gibt es diesen Hype nicht und man lässt mich in Ruhe.

Wie sieht es privat bei Ihnen aus?
Baumgartner: Meine Freundin hat sich vor ein paar Monaten von mir getrennt. Ich bin Single und werde es in der nächsten Zeit auch bleiben.

Das Gespräch führte Christoph Lindenbauer/APA

Markige Sprüche: Die Welt des Felix Baumgartner

Was blieb vom Stratos-Sprung?

Um 20 Uhr MESZ erreicht der Heliumballon mit der Raumkapsel die kritische Höhe. Die Tür öffnet sich, ein Mann im Raumanzug tritt heraus und Hunderte Millionen Menschen vor den Schirmen halten gespannt den Atem an: Wird er diesen wahnwitzigen Sprung aus 39 Kilometern Höhe überleben? Exakt neun Minuten und 18 Sekunden später landet Felix Baumgartner sicher in der Wüste von New Mexico - und wird zum Weltstar.

Doch was blieb vom Rekordsprung aus der Stratosphäre (siehe Chronologie), von den angeblichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die das Stratos-Projekt als zentrales Ziel ausgegeben hatte?

Autofahren ist gefährlicher

Der Physiker Werner Gruber hat die Stratos-Übertragung am 14. Oktober 2012 im ORF kommentiert. "Eine unheimlich lässige Aktion mit beeindruckenden Bildern, aber man muss schon sagen, was Sache ist", sagt das Mitglied des Kabarett-Trios "Science Busters" heute. Es sei ärgerlich, dass Red Bull darauf beharre, dass das Projekt Relevanz für die Forschung gehabt hätte: "Aus wissenschaftlicher Sicht war das eher unspektaktulär", resümiert Gruber.

Zudem waren die Risiken des Sprungs aus der Stratosphäre überschaubar. "Die gefährlichste Aktion an dem Tag war der Weg mit dem Auto vom Hotel zum Startplatz. Natürlich kann immer etwas schief gehen, aber es gab genügend Sicherungsmaßnahmen - keine einzige wurde letztlich benötigt". Gruber will die Leistung Baumgartners nicht schmälern, „aber im Grunde hätte jeder den Sprung meistern können“.

Neue Maßstäbe

Für den Sponsor hat sich die Mission jedenfalls ausgezahlt. Tatsächlich hat sich der Markenwert von Red Bull seit Stratos um satte 9,7 Prozent auf 15,28 Mrd. Euro erhöht. Damit belegt der Getränkehersteller im "eurobrand"-Ranking nun schon Platz 49 unter den wertvollsten Unternehmensmarken der Welt. Auch die Gewinne für den Konzern sprudelten im Vorjahr wieder kräftiger. "Zu einem guten Teil ist dieses Wachstum auf Stratos zurückzuführen", sagt eurobrand-Chef Gerhard Hrebicek.

Kolportierte 50 Millionen Euro flossen in das Projekt - im Gegenzug erzielte Red Bull jedoch durch die weltweite Übertragung auf etwa 200 Sendern und Online-Netzwerken einen Werbewert von bis zu sechs Milliarden Euro. Eine effizientere Marketing-Aktion hat es noch nicht gegeben. "Stratos hat neue Maßstäbe gesetzt, vor allem in Sachen Infotainment und Eigeninszenierung einer Marke", erklärt der Fachmann. Auch Red Bull bestätigt gegenüber dem KURIER: "Die weltweite Aufmerksamkeit war in dieser Form einzigartig. Stratos war ein voller Erfolg".

Und der Protagonist? Anfangs schlug Felix Baumgartner noch eine Welle der Begeisterung entgegen. Heimische Medien würdigten den neuen österreichischen "Helden", auch im Ausland waren ehrfürchtige Hymnen auf "Felix, den Großen" zu lesen. Es folgten ein Treffen mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, Einladungen für exklusive VIP-Partys und Auszeichnungen wie den Laureus World Sports Award.

Markige Sprüche

Doch mittlerweile hat sich der Salzburger Überschallmann ein bisschen ins Abseits geredet. Baumgartner, der aus steuerlichen Gründen nun in der Schweiz residiert, philosophierte aus der Ferne u.a. über eine gemäßigte Diktatur in Österreich, gesunde Watschen als Erziehungsmaßnahme und Schusstrainings für 12-Jährige. Kurz nach dem Sprung war Baumgartner zudem rechtskräftig wegen Körperverletzung verurteilt worden: Er hatte einem griechischen Lkw-Fahrer einen Faustschlag versetzt. Trotzdem hält Red Bull weiter an Baumgartner fest: "Felix ist seit vielen Jahren ein enges Mitglied der Red-Bull-Familie. Daran wird sich auch nichts ändern", sagt ein Sprecher des Konzerns.

In Zukunft will der mittlerweile 44-jährige Baumgartner aber deutlich leiser treten. Vom Extremsport hat er sich längst verabschiedet. Ein "Stratos 2" werde es nicht geben, erzählte er kürzlich in einem Interview mit dem Telegraph: "Das ist Vergangenheit. Ich bin froh, am Leben zu sein, ich habe etwas erreicht, was der Welt etwas bedeutet. Nun ist es Zeit für etwas Neues". Baumgartner arbeitet zur Zeit als Hubschrauberpilot, künftig möchte er für die Bergrettung Einsätze fliegen. Aber Adrenalin-Junkie bleibt eben Adrenalin-Junkie: Auf seiner Facebook-Seite kündigte Baumgartner unlängst an, den Nürburgring bezwingen zu wollen. Motto, eh klar: "Vollgas!".

TV-TIPP: Zum Jahrestag von Red Bull-Stratos wird ServusTV am Montag ab 19.10 Uhr die neue Dokumentation "Mission to the Edge of Space" senden. Mehr Infos dazu lesen Sie unter kurier.at/tv

Baumgartners Sprung

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