Chronik | Österreich
27.08.2017

Ein falscher Tritt führt in den Tod

Die meisten Bergtoten gibt es beim Wandern. Häufigste Ursache: Ausrutschen und Stolpern.

Der Weg führt an einer Felswand vorbei und fällt steil ab. Der Untergrund aus Erde, zum Teil losen Steinen und Gras ist rutschig. Ein im Berg verankertes Stahlseil bietet zwischendurch Halt. Wer nicht mit einem Klettersteigset unterwegs ist und sich nicht an der Sicherung einhängen kann, muss sich auf die Kraft seiner Hände und einen sicheren Tritt verlassen. "Wenn du hier runterfällst, bist du mausetot", sagt Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung und blickt rund 70 Meter in die Tiefe.

Der Steig, auf dem er steht, ist Teil der "Alpine Safety Area" (ASA) oberhalb von Gschnitz in einem Seitenarm des Wipptals. Es ist ein Übungsgelände – das erste seiner Art in den Alpen – in dem Besucher das richtige Bergwandern lernen sollen. Der Steig, über den Veider gerade führt, ist ein Bergweg der "schwarzen" Kategorie – also ein schwieriger Weg, der nur für schwindelfreie, trittsichere, konditionsstarke und alpin erfahrene Wanderer geeignet ist.

Doch Passagen wie diese sind auch auf bei der breiten Masse beliebten Touren keine Seltenheit. "Auf dem Stubaier Höhenweg ziehen Karawanen über solche Wege", nennt Veider ein Beispiel aus einem anderen Tiroler Tal. Die ASA ist sein Baby. Hier soll den Leuten vor Augen geführt werden, was für Schwierigkeiten beim weithin als harmlos geltenden Wandern in den Bergen auf sie warten können. Die Gefahren sind echt. Das Gelände ist kein Abenteuerspielplatz, sondern mit der gebotenen Vorsicht zu genießen.

Bereits 45 Tote

Wie angebracht diese ist, zeigen aktuelle Zahlen, die einen langjährigen Trend bestätigen. Im heurigen Bergsommer sind in Österreich bis zum Stichtag 17. August bereits 45 Menschen bei diesem wieder populären Sport ums Leben gekommen. Häufigste Todesursache laut Kuratorium für Alpine Sicherheit: "Stürzen, Stolpern, Ausgleiten". 16 Menschen hat heuer bereits ein falscher Tritt das Leben gekostet. Bei keinem anderen Bergsport sterben annähernd so viele Menschen wie beim Wandern.

Die "Alpine Safety Area" ist im Prinzip eine "Gehschule". Bereits kurz nach dem Start wird Besuchern näher gebracht, dass auch "rote" – also mittelschwierige – Bergwege Trittsicherheit erfordern. Der Weg führt durch den Wald steil nach oben und immer wieder über loses Gestein. "Auch auf roten Bergwegen kann man abstürzen", stellt Veider klar.

444 von 560 Wanderern, die sich im heurigen Sommer verletzt haben, sind Sturz- und Stolperopfer. "Es ist erschreckend, wie viele Leute nicht richtig gehen können. Die sind oft unsicher wie ein junges Kalb, dass das erste Mal aus dem Stall kommt", sagt Veider.

Im Übungsgelände, das in Eigenregie genutzt werden kann, bekommen die Besucher Tipps, wie man richtig bergauf und bergab geht. "Es kann sich ja auch niemand einfach auf Ski stellen und los fahren", erklärt der 62-Jährige die Notwendigkeit, auch das Wandern zu erlernen. Auf Tafeln werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wegekategorien erklärt.

Und auch auf einen Trend der vergangenen Jahre wird in dem Areal eingegangen – den Boom der Klettersteige. Kurze Testrouten in verschiedenen Schwierigkeitsgraden zeigen den Nutzern je nach Können schnell die eigenen Grenzen auf, bevor man sie auf unangenehme Art und Weise in einem richtigen Klettersteig erfahren muss.

Der richtige Gang, der richtige Weg

Die alpine Sportart mit den meisten Todesopfern – unabhängig von der Jahreszeit – ist das Bergwandern. 2016 starben dabei 100 Menschen. Wege sollten daher nach Können ausgesucht werden:

Wanderwege: Sie erfordern praktisch keine alpine Erfahrung, sind breit, nicht besonders steil und nicht absturzgefährlich; auf Wegweisern ohne Schwierigkeitssymbol dargestellt.

Bergwege unterscheiden sich durch ihre Steilheit, Bodenbeschaffenheit, Länge der ausgesetzten oder versicherten Abschnitte und Anforderungen an die Schwindelfreiheit. Es gibt verschiedene Kategorien:

Rote Bergwege sind mittelschwierig; oft schmal und steil, stellenweise ausgesetzt; sie haben kurze versicherte Gehpassagen oder kurze Abschnitte mit Gebrauch der Hände zur Unterstützung des Gleichgewichts. Sie sind für trittsichere, ausdauernde und geübte Wanderer; Rutsch- und Absturzgefahr.

Schwarze Bergwege: Schwierig; großteils schmal, steil und sehr ausgesetzt, längere versicherte Abschnitte oder Kletterpassagen; für schwindelfreie, trittsichere, konditionsstarke und alpin erfahrene Bergsteiger. Es kann Rutsch- und Absturzgefahr geben. Der Übergang zu Klettersteigen ist fließend.

Richtiges Berggehen: kleine Schritte machen; leichte Vorlage, hüftbreite Beinstellung (beim Bergabgehen Hüft-Knie-Sprunggelenke leicht gebeugt); natürliche Trittpolster suchen; Blick nach vorne; als Hilfe können Stöcke verwendet werden; bei Nässe: bei Übergang von Erde zu Steinen Sohle abklopfen; Rucksackgewicht bedenken.

Alpine Safety Area: Das Übungsgelände befindet sich unterhalb des neu gebauten "St. Magdalena"-Klettersteigs in Gschnitz im Gschnitztal. Das Projekt der Tiroler Bergrettung wird u. a. von Alpinpolizei, Land Tirol und Kuratorium für Alpine Sicherheit unterstützt. Begehung auf eigene Gefahr.