Chronik | Österreich
03.06.2017

Die zwei Gesichter des Arztes Dr. L.

Kriminalfall: Steirischer Mediziner soll seine Kinder gequält haben. Nun sagen Ex-Mitarbeiterinnen gegen ihn aus.

Im Kriminalfall des steirischen Arztes Dr. L., der seine Kinder gequält haben soll, gibt es neue brisante Details. Ehemalige Mitarbeiterinnen geben als Zeuginnen haarsträubende Erlebnisse in der Ordination und im Haus des Mediziners zu Protokoll.

Seit Anfang des Jahres läuft im Landesgericht Graz ein Strafprozess gegen Dr. L., der seinen vier (mittlerweile erwachsenen) Kindern Bier, Zigaretten, Tabletten und Cannabis verabreicht, ihnen mit seinem Suizid gedroht und zwei Töchter in die Drogenabhängigkeit getrieben haben soll (der KURIER berichtete). Der Angeklagte rammte sich zum Beispiel vor den Augen der Kinder einen Schraubenzieher in den Bauch, eine Tochter sollte das Werkzeug herausziehen. Der Richter beauftragte die Psychiaterin Adelheid Kastner mit Erstellung eines Gutachtens über den Geisteszustand des Arztes. Wegen "Gefahr im Verzug" wurde über Dr. L. ein vorläufiges Berufsverbot verhängt. In der Zwischenzeit wird wegen versuchter Beeinflussung eines Sachverständigen ermittelt, nachdem ein Gerichtsgutachter wegen Interventionsversuchen das Handtuch geworfen hatte. Zwei Regionalpolitiker sollen bei dem Sachverständigen für den Arzt interveniert haben.

"Brandgefährlich"

Daneben gab es weitere Ermittlungen um den mysteriösen Tod des Vaters der Ex-Lebensgefährtin des Arztes, der sein Nachbar und Patient war. Dieser soll sich 2014 mit einer Pistole, die Dr. L. gehört hatte, erschossen haben, obwohl er zu der Zeit einen gebrochenen Arm im Gips und den anderen nach einer Gelenksoperation nur zu Hälfte hatte heben können.

Dessen Witwe entschloss sich nun, gegen Dr. L. – der auch ihr Hausarzt war – auszusagen. Er habe sie unter Druck gesetzt. Sie befürchtet, dass er "jemanden töten könnte", er habe "zwei Gesichter" und sei "brandgefährlich". Die 53-Jährige gibt zu Protokoll, dass der Arzt mit seiner Pistole geprahlt habe, mit Sprengstoff hantiere, darüber gesprochen habe, das Haus seiner Ex-Frau (Mutter der vier Kinder) in die Luft zu sprengen und immer wieder versuche, "seinen alten Patientinnen die Verlassenschaft abzuluchsen."

Berufsethik

Er habe mit einer 83-jährigen Patientin ein Verhältnis begonnen, so dass sie ihr Haus ihm bzw. seiner aktuellen Lebensgefährtin überschreibt. Die Lebensgefährtin habe er dazwischen geschaltet, weil er aus "berufsethischen Gründen" besser nicht als Besitzer aufscheinen wolle. Tatsächlich findet sich im Grundbuch die Lebensgefährtin als Eigentümerin der Liegenschaft.

Auch frühere Ordinationsgehilfinnen des Arztes melden sich jetzt zu Wort: Frau K. berichtet davon, dass er ihr auf die Brüste gegriffen habe. Aus Angst vor ihm habe sie keine Anzeige gemacht. Später sei er mit dem Auto auf sie losgefahren und habe mit nächtlichen Telefonanrufen Terror gemacht.

Eine Diplomkrankenschwester sagt aus, "dass er sich selbst immer wieder Sedativa gespritzt" und sie aufgefordert habe, das Suchtgiftbuch entsprechend zu fälschen. Unter dem Einfluss der schweren Medikamente sei er in der Ordination "unberechenbar" gewesen, habe zum Beispiel einem Patienten mit einer (in der Kartei vermerkten) Penizillinallergie ein solchen Medikament aus der Hausapotheke gegeben. Auch sie beschreibt "mehrere Gesichter" des Arztes. In der Ordination habe es oft ausgeschaut "wie auf einem Schlachtfeld". Eine Haushälterin gibt als Zeugin an, sie habe gekündigt, weil sie die Blutlachen nach seinen Selbstverstümmelungen nicht mehr aufwischen habe wollen.