"Die IGGiÖ ist kein Zweig vom Herrn Botschaftsrat"

Ibrahim OLGUN, Präsident der islamischen Glaubensg…
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Ibrahim Olgun wird Nähe zur türkischen Botschaft vorgeworfen

In der Islamischen Glaubensgemeinde wird um den Einfluss der Türkei gestritten.

Es ist rund zwei Monate her, dass in der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) neu gewählt wurde: Der 28-jährige Ibrahim Olgun löste Fuat Sanac als Präsident ab.

Seitdem versinkt die Glaubensgemeinschaft im Chaos: Die Arabische Kultusgemeinde, eine Teilorganisation der IGGiÖ, hat die Wahl angefochten. Zudem hat sich Olgun, der dem Erdoğan-nahen Moschee-Verband ATIB zugerechnet wird, nun mit seinem Vizepräsidenten Abdi Tasdögen zerstritten, dem eine Nähe zu den türkischen Nationalisten von Milli Görüs nachgesagt wird.

Streit um Posten

Es geht um Postenbesetzungen und um den Einfluss der türkischen Botschaft. "Die IGGiÖ ist eine staatliche Einrichtung von Österreich und kein Zweigeinrichtung (sic!) vom Herrn Botschaftsrat", schreibt Tasdögen in einem internen eMail.

Anlass des Streits ist die Bestellung von 17 Planstellen an der Kirchlich Pädagogischen Hochschule (KPH) in Wien und Krems. Dort ist ab 1. September der Hochschul-Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion in Wien (IRPA) eingegliedert, deren Leiterin wiederum die Ehefrau eines der einflussreichsten Männer der arabischen Community ist, der einer der Motoren hinter Olguns Wahlanfechtung war.

Präsident Olgun warf seinem Vize in einem eMail in Sachen IRPA vor, eine "illegale Zustimmung" zur Anstellung dieser Personen gegeben zu haben, und eine parallele Struktur aufzubauen – er hob die Zustimmung des Vizepräsidenten wieder auf. Tasdögen konterte mit einem mehrere Seiten langen eMail, in dem er Olgun vorwirft, auf Geheiß der türkischen Botschaft zu agieren.

Bereits vor Kurzem war ATIB in der Kritik, weil in deren Moscheen Stellung für den türkischen Präsidenten Erdoğan bezogen wurde und die Predigten teilweise wortgetreu von Vorlagen des türkischen Religionsamts übernommen werden. Nun schreibt Tasdögen, dass sich der Vorstandsvorsitzende von ATIB in Österreich, Fatih Karadas, der gleichzeitig Botschaftsrat für Religionsangelegenheiten in der türkischen Botschaft ist, über den Chefanwalt von ATIB, Metin Akyürek, in die Bestellung eingemischt habe. Akyürek ist auch Vorsitzender jenes IGGiÖ-Schiedsgerichts, das die Wahlanfechtung Olguns abwies (die Entscheidung über eine Wahlwiederholung liegt nun beim Bundeskanzleramt).

"Ich schätzte Herrn Akyürek, aber er hat in der IRPA-Angelegenheit nur die Anweisungen vom Botschaftsrat durchgeführt, was er auch freundlicherweise zugegeben hat", schreibt Tasdögen. Akyürek will sich dazu nicht äußern.

Vier Personen ließ Olgun demnach von der Liste der IRPA-Planstellen streichen. Tasdögen schreibt, Olgun handle damit "nicht im Interesse der IGGiÖ und auch nicht im Auftrag des obersten Rates". Auch Olgun will sich auf Anfrage dazu nicht äußern, weil er nicht "vermeintliche Konflikte in der Glaubensgemeinschaft zwischen Präsident und Vizepräsident in die Zeitung oder Öffentlichkeit tragen" will.

Ideologischer Konflikt

Es gibt drei Fraktionen in der IGGiÖ, die ihre Interessen durchsetzen wollen, sagt der Islamwissenschaftler Ednan Aslan: die türkische Regierung, die Muslimbruderschaft und die ägyptische Regierung. Olgun will er aber nicht sofort verurteilen: "Trotz dieser Tatsachen verdient er die Chance, an seinen Taten gemessen zu werden."

Dass sich der Konflikt im Bildungsbereich manifestiert, wundert Aslan nicht: "Das Gesicht des Islam in Österreich wird an den Schulen geprägt – wer den Bildungsbereich in der Hand hat, hat die IGGiÖ in der Hand." Das Problem sei, "dass es dabei nicht um fachliche Kompetenzen, sondern um ideologische Differenzen geht, darunter kann die Qualität der Ausbildung leiden." Wobei auch Aslan in der Community eigene Interessen nachgesagt werden: Er soll die IRPA als Konkurrenz für das geplante Hochschulstudium ansehen.

Dass die IGGiÖ zu einem beträchtlichen Teil aus dem Ausland gesteuert werde, sei nichts Neues, sagt Aslan – nur dass es nun um den türkischen Einfluss gehe. "Diese Steuerung aus dem Ausland verhindert jene europäische Prägung des Islam, die wir dringend bräuchten."

Kommentar

IGGiÖ: House of Austro-Islam

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) versinkt im Chaos und braucht einen kompletten Neustart. Anderenfalls sollte man ihr die staatliche Förderung entziehen.

Die Produzenten der US-amerikanischen TV-Serie "House of Cards" könnten sich ihre sündteuren Drehbuchschreiber einsparen und einfach die unwürdigen Macht- und Intrigenspiele der IGGiÖ in Österreich zur Vorlage nehmen. Seit Wochen kommt die Glaubensgemeinschaft durch interne Grabenkämpfe nicht aus den Schlagzeilen. Nach der umstrittenen Wahl des erst 28-jährigen Ibrahim Olgun zum neuen Präsidenten bekriegen sich die verschiedensten türkischen, arabischen und bosnischen Moscheeverbände untereinander. Dabei wird öffentlich vernadert, diffamiert oder mit falschen Behauptungen und Anschuldigungen operiert, und das ohne Rücksicht auf die eigene Nationalität oder Ethnie.

Die Gemeinschaft, offizielle Vertretung der rund 500.000 Muslime in Österreich, zeigt sich derzeit komplett handlungsunfähig. Die Wahl Olguns wurde erfolgreich angefochten und kommt jetzt vor ein Schiedsgericht. Zudem wird für den neuen Präsidenten seine Mitgliedschaft bei ATIB, einem der größten türkischen Moscheeverbände in Österreich mit über 100.000 Mitgliedern, zu einem immer größeren Problem. ATIB wird eine Nähe zur türkischen Regierungspartei AKP nachgesagt; sie gilt als verlängerter Arm des türkischen Präsidenten Erdogan in Österreich. In internen Mails, die dem KURIER vorliegen, wird Olgun von Kritkern als Marionette bezeichnet und offen von einer Übernahme der Glaubensgemeinschaft durch die Türkei gesprochen. ATIB-Vertreter unterstellen ihren Widersachen hingegen Kontakte zur Muslimbruderschaft oder rücken einzelne Verbände in die Nähe von Salafisten.

Der Staat sollte eingreifen

Wer jetzt die Guten oder die Bösen in diesem Spiel sind, ist letztendlich egal. Worum es wirklich bei diesem Machtkampf geht, ist die Einflussnahme auf den islamischen Religionsunterricht an den heimischen Schulen. Kurz: Wer die IGGiÖ kontrolliert und dort das Sagen hat, legt fest, welche Religionspädagogen mit welcher Glaubenslehre und Ideologie, also von streng konservativ bis liberal, islamische Religionslehrer ausbilden, die dann wiederum muslimische Kinder unterrichten.

Und hier sollte der Staat, der die IGGiÖ finanziert, entschieden eingreifen und den internen Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinschaft rasch ein Ende bereiten. Was in der Vergangenheit vielleicht funktioniert hat, oder besser gesagt von der Politik geduldet wurde, weil man einfach nicht hinsehen wollte, läuft derzeit komplett aus dem Ruder. Was es dringend braucht, ist ein komplett neues und transparentes Regelwerk für die Ausbildung von islamischen Religionspädagogen, das nicht von problematischen, oftmals vom Ausland gesteuerten und immer offensiver auftretenden Moscheeverbänden diktiert oder unterwandert wird.

Das müsste freilich einhergehen mit einem kompletten Neustart bis hin zu einer Neugründung der IGGiÖ. Dafür würden sich hoffentlich genügend liberale und offene österreichische Muslime finden, die jene Vereine satt haben, die unter dem Deckmantel der Religion ihr Machtgefüge nur noch weiter ausbauen und manifestieren wollen. Im Sinne eines neuen Islamverständnisses wäre das höchst an der Zeit. Aber vielleicht ist das nur ein frommer Wunsch.

(von Stefan Kaltenbrunner)

(kurier) Erstellt am
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