Chronik | Österreich
19.10.2013

Dialog als Weg zur Integration

Islamische Glaubensgemeinschaft will Vorurteile in Österreich abbauen.

600.000 Muslime leben in Österreich. Tendenz – vor allem in Ballungsräumen – steigend. Zigtausende Muslime sind längst österreichische Staatsbürger, ihre Kinder bereits hier geboren. Trotzdem regiert immer noch Getto-Bildung. Liberale Muslime wollen mit dieser Parallelgesellschaft in Österreich Schluss machen – trotz radikaler Strömungen (Salafisten-Treffen), schleppender Integration und fehlender Akzeptanz unter der heimischen Bevölkerung.

Als wichtiger Schritt gilt der heutige „Tag der offenen Moscheen“. 104 Gotteshäuser und Gebetsräume öffnen erstmals bundesweit für Andersgläubige ihre Pforten. „Ziel ist es, zu informieren, Begegnungen zu schaffen, Ressentiments abzubauen und Gemeinsamkeiten hervorzuheben“, kündigt Fuat Sanac, Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft an (siehe Interview unten).

Ein Vorzeigebeispiel für funktionierende Integration ist Bad Vöslau im Bezirk Baden (NÖ). „Unsere Moschee steht das ganze Jahr offen“, sagt Selfet Yilmaz. Er ist Koordinator des einst umstrittenen Bauprojektes und kandidierte zuletzt für die ÖVP im Nationalratswahlkampf.

2009 öffnete das Kulturzentrum in der Kurstadt seine Tore. Davor waren die Wogen hoch gegangen, vor allem die FPÖ wetterte gegen ein „Islam-Getto“.

„Wir haben die Vorurteile vollständig ausräumen können. Nach einem Besuch bei uns haben die Menschen oft einen völlig neuen Blickwinkel auf Moscheen und den Islam“, meint Yilmaz. „Bei einem Glas Tee lassen sich vorgefertigte Meinungen beseitigen, und dann merken alle Beteiligten, dass wir doch alle nur Menschen sind“, hält er fest. Den „Tag der offenen Moscheen“ sieht er als publikumswirksame Methode, um bestehende Vorurteile abzubauen.

Mauern durchbrochen

„Die moderne und offene Architektur wird oft von den Besuchern bewundert. Sie ist ein Dokument dafür, welche Vorurteile und Mauern in Bad Vöslau bereits durchbrochen worden sind“, sagt Yilmaz. „Wir sehen uns als Vorbild für Österreich, aber auch für Europa. Der Tag der offenen Moscheen soll ein Weg dafür sein, dass man zukunftsträchtige Lösungen anstrebt. Es gibt immer noch viele Gebetsstätten in Hinterhöfen und Fabrikshallen. Das muss sich ändern“, so Yilmaz.

Alles andere als eine Hinterhof-Moschee ist das Gebetshaus in der Pelzgasse in Wien 15. 1993 aufwendig renoviert, finden sich etwa zum Freitagsgebet an die 700 Muslime ein. Die orientalische Architektur verzaubert, die ruhige und gelassene Art der Männer beeindruckt. Nach dem Mittagsgebet trifft der KURIER den Sprecher der islamischen Glaubensgemeinschaft, Sejdini Zekirija.

Der aus Mazedonien stammende Islamwissenschaftler spricht acht Sprachen, ist verheiratet und Vater zweier Kinder: „Wir müssen in unseren Gemeinden die deutsche Sprache verstärken. Deutsch muss das Fundament der Integration sein. Um diese Sache kommen wir nicht herum. Denn nur so können wir am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.“

Baustelle

Erst in Bau ist die Grazer Moschee, auch wenn es derzeit mit den Arbeiten etwas stockt. 1,2 Millionen Euro an Spenden hat das Islamische Kulturzentrum Graz schon aufgebracht, doch gut das Doppelte ist allein für das Gotteshaus nötig. Insgesamt kostet das Projekt mit Kindergarten, Veranstaltungszentrum und Lokalen zehn Millionen Euro. Derweil behelfen sich die rund 20.000 Muslime in der Landeshauptstadt mit Gebetsräumen und einem Provisorium aus Containern und Zelten auf der Baustelle. Das ist heute zwischen 8 und 16 Uhr für Besucher geöffnet.

„Wir hoffen auf eine gewisse Annäherung an die Grazer Bevölkerung“, beschreibt Aldin Bektaš, Sprecher des Kulturzentrums. „Wir wollen informieren, Fragen beantworten. Auch wenn es kritische sind, die Leute sollen kommen, sich umschauen.“ Wer mag, dem werden die Pläne genau erläutert, auch die Religion. „Uns geht es darum, dass Interessierte Informationen bekommen“, schildert der Medizinstudent.

Wann die Moschee fertig sein wird, ist noch offen. Der Entwurf stammt aus einem Architektenwettbewerb und zeigt einen lichtdurchfluteten, würfelförmigen Bau mit stilisiertem Minarett und grüner Fassade. Die wenigstens lässt sich erahnen: Ein Stück der geplanten Fassade ist auf dem Gelände ausgestellt.

Die Investitionen sollen allein durch Spenden aufgebracht werden, betont Bektaš. „Wir nehmen jedes Geld, aber ohne Bedingungen. Wir wollen nicht, dass jemand versucht, Einfluss zu nehmen.“

„Wir müssen uns noch weiter öffnen“

Der KURIER erreichte den Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Fuat Sanac, in Mekka während seiner Pilgerreise.

KURIER: Herr Präsident, warum öffnen heute, Samstag, Österreichs Moscheen und Gebetshäuser ihre Pforten für Mitglieder aller Glaubensrichtungen?

Fuat Sanac: Wir wollen Zweifel zerstreuen und zeigen, wie wir unsere Religion leben.

Erst vergangenen Samstag trafen sich radikale moslemische Prediger in Wien-Favoriten. Bringen diese Splittergruppen den Islam in Verruf?

Ich habe unsere Leute gewarnt und empfohlen, diesen Veranstaltungen fernzubleiben. Radikale können mit uns nicht rechnen. Wir distanzieren uns in aller Form von diesen Gruppen.

Trotzdem haben sie in Wien einen Veranstaltungsplatz gefunden...

Ja, sie wurden aber sofort von den Verantwortlichen in Wien-Favoriten des Saales verwiesen. Diese Prediger haben bei uns in Österreich keinen Platz.

In Bezirken mit hoher moslemischer Bevölkerungsdichte spürt man eine gewisse Skepsis zwischen Moslems und der alteingesessenen Bevölkerung. Wie kann man diese Problematik entschärfen?

Wir wollen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dazu beitragen. Darum auch der Tag der offenen Türe. Österreich ist eine offene Gesellschaft. Und wir wollen Teil dieser sein. Parallelgesellschaften sind eindeutig abzulehnen und abzubauen. Daher muss auch im Erlernen der deutschen Sprache unsere Priorität liegen. Wir müssen lernen, in Österreich auch schon in den Familien muttersprachlich deutsch zu sprechen.

Welche Maßnahmen mit Ausnahme der geöffneten Moscheen und Gebetshäuser werden gesetzt?

Unsere Gemeinde hat es geschafft, die türkischen Jugendbanden aufzulösen. Mit den Eltern der Jugendlichen wurden eingehende Gespräche geführt. Da hat bis jetzt ganz gut funktioniert.

Wo liegt ihr Fokus als Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in den kommenden Jahren?

Wir müssen uns noch weiter öffnen. Wir müssen auch mit Vertretern anderer Religionen, also gemeinsam, über Probleme reden, Analysen erstellen und die auftretenden Probleme schließlich auch gemeinsam lösen.

Gibt es Fragen, die am „Tag der offenen Moscheen“ besser nicht gestellt werden, also tabu sind?

Nein. Jedes Thema soll angeschnitten und jede Frage darf gestellt werden. Wir bemühen uns um Transparenz und Offenheit.