Polizeipsychologischer Dienst, Landespolizeidirektion, Polizei
Polizeipsychologischer Dienst, Landespolizeidirektion, Polizei

© Martin Winkler

Risikoberuf

Wie Polizisten dramatische Ereignisse bewältigen

Kriminalbeamter Wilhelm Seper erlitt einen Herzstich und überlebte. Seine Kollegen halfen bei der Trauma-Bewältigung.

von Irina Salewski

05/20/2013, 04:26 PM

Da wäre auch mein Name fast gestanden“, sagt Oberstleutnant Wilhelm Seper und blickt auf die Gedenktafel mit den Namen seiner im Dienst gestorbenen Kollegen. 2009 wurde er bei der Ausübung seines Jobs lebensgefährlich verletzt.

„Mein Dienst hätte mich fast das Leben gekostet. Aber ich habe gedacht, wenn ich nicht schnell den Job wieder aufnehme, bleibt mir ein Trauma“, erzählt Seper. Keine acht Wochen nach dem dramatischen Vorfall ging er wieder in den Dienst. Auf dem Weg zurück in den Beruf half ihm das Peer Support Projekt der Polizei. Aber alles der Reihe nach.

Mordversuch

Es war ein warmer Abend Anfang April. Es dämmerte bereits, als der Kriminalbeamte mit zwei Kollegen einem Hinweis nachging. Im Anton-Baumann-Park forderten sie vier junge Burschen zum Ausweisen auf. Einer von ihnen lief davon. „Wenn einer vor der Polizei flüchtet, dann ist es meistens genau der Richtige“, dachte Seper und nahm die Verfolgung auf. Was er nicht wusste: Der Mann war mit einem Dolch bewaffnet.

Als der Flüchtende wenige Gassen weiter eingeholt wurde, kam es zu einem Handgemenge. Dabei versetzte er dem Polizisten einen Stich in die Brust. „Den habe ich gar nicht bemerkt. Es war nur irgendwas komisch da unten“, erinnert er sich.

Dramatisch waren die Folgen der Tat: Mit einem eingestochenen Lungenflügel, abgeschnittener Herzarterie und großem Blutverlust wurde der lebensgefährlich Verletzte in ein Spital eingeliefert. Rund eine Woche verbrachte er auf der Intensivstation. Doch nicht nur seine körperlichen Verletzungen machten ihm zu schaffen.

„Im Spital hatte ich genug Zeit. Da kamen die Gefühle und Gedanken an die Tat“, erinnert sich Seper, „aber mit wem spricht man darüber? Wer kann sich in diese Situation reinversetzen?“ Das private Umfeld wollte er nicht belasten und in die Psychologen setzte er kein Vertrauen: „Nur einer, der den Job kennt, kann die Situation nachvollziehen.“ Noch auf der Intensivstation bekam der Beamte Besuch von Peer-Support-Mitarbeitern: „Die Kollegen haben gefragt, ob ich über das Erlebte sprechen will“, erinnert er sich. Er nahm das Angebot an.

Peer Support ist für die österreichischen Polizisten die erste Anlaufstelle nach den traumatisierenden Ereignissen. 60 vom Psychologischen Dienst des Innenministeriums geschulte Peers – englisch für „Kollege“ – gibt es bei der Polizei. Einer davon ist Peter Aichinger. Seit drei Jahren arbeitet der Kontrollinspektor neben seinem regulären Dienst als Peer – ohne Zulagen, auf freiwilliger Basis.

„Ich habe im Laufe meiner Karriere einige Situationen erlebt, die mich psychisch belastet haben“, sagt Aichinger und erzählt von einer Person, die er bei einem Fenstersturz nicht mehr halten konnte. „Ich weiß, wie es ist, wenn man damit alleine im Regen steht.“

362 Fälle

Im vergangenen Jahr wurden im Rahmen des Peer Support 362 Polizisten betreut. In den häufigsten Fällen nach den Einsätzen bei Suiziden, schweren Verkehrsunfällen, Vorfällen mit Todesfolge oder nach Verletzung eines Kollegen. Aber auch auf den ersten Blick wenig dramatische Ereignisse nehmen die Beamten psychisch mit. „Wenn man Hilfslosigkeit einer Person wahrnimmt, vor allem, wenn es um Kinder geht, fühlt man mit“, erzählt Aichinger. „Man denkt, dass Polizisten aufgrund ihrer Ausbildung psychisch mehr aushalten. Es wird meist vergessen, dass sich hinter der Uniform ein Mensch mit Gefühlen verbirgt“, sagt Aichinger. Ein Gespräch mit dem Peer Support ist anonym. Dort, wo die Kollegen mit Reden und Information nicht helfen können, wird an Psychologen vermittelt.

Wilhelm Seper reichten nur drei Gespräche mit seinem Peer. „Sie haben wahnsinnig viel geholfen. Hätte ich das nicht gehabt, hätte ich mit dem Vorfall vielleicht bis jetzt nicht abgeschlossen.“

FAKTEN: Aktuelles in Zahlen

924 Polizisten wurden in Österreich vergangenes Jahr durch Fremdeinwirkung im Dienst verletzt.

61 Polizisten erlitten schwere Verletzungen.

113 verletzte Polizisten gab es im ersten Quartal 2013 in Wien. Neun davon wurden schwer verletzt.

23 Wiener Polizisten verloren seit 1968 im Dienst das Leben.

Akutbetreuung Wien: Erste Hilfe für die Seele

„Wir hören den Menschen zu und erklären, dass die Gefühle, die sie in ihrer Situation haben, völlig normal sind“, erklärt Michaela Mathae, Leiterin der Akutbetreuung Wien (ABW) ihre Arbeit. Die ABW ist sozusagen Erste Hilfe für die Seele. Sie wird von den Rettungskräften alarmiert, wenn etwas für die Menschen Schreckliches und Traumatisierendes passiert: Unfälle, Verbrechen oder auch der natürliche Tod eines Angehörigen. Auch beim Überbringen von Todesnachrichten durch die Polizei sind oft die Mitarbeiter der ABW dabei.

620 Einsätze hatte die ABW vergangenes Jahr. Ihre insgesamt 65 Mitarbeiter sind meist Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter, die neben ihrer regulären Arbeit der Akutbetreuung zur Verfügung stehen. Täglich ist mindestens ein Zweierteam unterwegs. Weitere Fachkräfte stehen auf Abruf bereit. „Und wir gehen nie weg, bevor wir nicht wissen, wo die Leute am nächsten Tag hingehen können“, sagt Mathae.

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