Chronik | Österreich
08.08.2017

Jugendkriminalität: Das Warten auf die Strafmündigkeit

Jugendkriminalität: Die Zahl der inhaftierten Kids steigt wieder, es mangelt an sozialpädagogischen Einrichtungen

Zwei Tage nach seinem 14. Geburtstag war es „endlich“ so weit: Der in Linz lebende Teenager, der aus Afghanistan nach Österreich gekommen war, hatte sein erstes Delikt als Strafmündiger begangen und konnte dieser Tage vor Gericht gestellt werden. Dort wurde ihm eine ganze Latte von Anklagepunkten wie Raub, Körperverletzung, gefährliche Drohung angelastet. Die Psychiaterin attestiert ihm eine psychische Störung, es wird ein längerer Prozess.

Der Bub war schon früher etliche Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten, konnte aber bisher nicht belangt werden. Offenbar hatten alle nur darauf gewartet, dass er strafmündig wird.


Geraten die Kids immer früher auf die schiefe Bahn? Und wird die Jugend immer krimineller?

„Gute alte Zeit“

Der KURIER sprach mit dem Geschäftsführer des Bewährungshilfe-Vereins Neustart, Christoph Koss (siehe auch Interview unten).


„Ein alter Jugendrichter hat mir einmal gesagt: ‚Gewalt war früher ein Teil der Normalität‘. Das begann schon mit Prügel daheim, zeigte sich in der Nachkriegszeit mit der Heimunterbringung, ein dunkles Kapitel mit Missbrauch. Noch vor zehn Jahren gab es um 31 Prozent mehr Verurteilungen von Jugendlichen und um 37 Prozent mehr Verurteilungen von jungen Erwachsenen. So viel zum Bild der ‚guten alten Zeit?‘“, sagt Koss.

Die Zahl der Verurteilungen geht zurück, obwohl die Bevölkerung wächst, es mehr Überwachung gibt und daher auch mehr Straftaten entdeckt werden. Einzelfälle erzeugen aber das Gefühl, die Jugend sei kriminell. Das ist vor allem auf eine kleinen, hoch belastete Gruppe von oftmals ausländischen Kids zurückzuführen, bei denen die Richter keinen anderen Ausweg als Haft sehen. 2016 wurden 190 Jugendliche zu einer unbedingten Haftstrafe verurteilt (ein Teil wird abgeschoben). Deshalb liegt die Zahl der unter 18-Jährigen im Gefängnis nach einem Rückgang vor drei Jahren (damals waren es unter 100) schon wieder im Schnitt bei 140. Österreich befindet sich damit unter den von Albanien angeführten Top 3 Ländern in Europa, während in Finnland, Schweden oder der Schweiz so gut wie keine Jugendlichen in Haft sind.

Vergewaltigung in Haft

2013 hatte die Vergewaltigung eines 14-jährigen mutmaßlichen Handy-Räubers in der Zelle durch seine Mithäftlinge für einen Skandal gesorgt. Es stellte sich heraus, dass der Bub wegen verminderter geistiger Reife gar nicht hätte in U-Haft genommen werden dürfen. Eine Reform der Jugendgerichtsbarkeit war die Folge: Haft sollte das allerletzte Mittel bei Jugendlichen sein, die Unterbringung in einer betreuten Wohngruppe der Standard.

Diese Wohngruppen sind allerdings nicht abgesperrt, die Insassen werden nicht überwacht, eine geschlossene Unterbringung ist für die Jugendwohlfahrt nach den Heimskandalen ein Tabu. Die Richter verfügen daher in schweren Fällen nach wie vor die U-Haft. Ein Projekt von Neustart versucht, mit Erfolg gegenzusteuern. Die sogenannte Sozialnetzkonferenz bringt die straffällig gewordenen Jugendlichen unter Moderation eines Sozialarbeiters mit Familienmitgliedern, Lehrern, Lehrherren, Bekannten an einen Tisch und erstellt einen Zukunftsplan. Hält der Richter diesen für Erfolg versprechend, entlässt er den Jugendlichen unter Auflagen aus der U-Haft. Das war im Vorjahr 73-mal der Fall. Der Rückfall liegt mit 15 Prozent weit unter der Quote bei jugendlichen Straftätern nach der Haftentlassung (über 60 Prozent).

„Die Haft ist kein Ort der Zukunft“, sagt Jurist und Sozialarbeiter Koss. Er vermisst mehr sozialpädagogische und jugendpsychiatrische Angebote wie es sie zum Beispiel in Finnland gibt. Eine (2008 veröffentlichte) Studie der Wiener Kinder- und Jugendpsychiaterin Belinda Plattner hat nämlich aufgezeigt, dass 90 Prozent der untersuchten jugendlichen Häftlinge psychisch krank sind. 80 Prozent haben bereits körperliche Gewalt erlebt, 30 Prozent wurden missbraucht, die Hälfte der Burschen ist substanzabhängig.

Der Neustart-Geschäftsführer plädiert für eine Mischung aus stationären und ambulanten Maßnahmen für die Problem-Jugendlichen und will bei jenen mit ausländischer Staatsbürgerschaft „nicht immer nur die fremde Kultur“ in den Mittelpunkt stellen: „Die haben auch Smartphones und wollen ein gutes Leben führen, haben aber keine Perspektive.“ Daran müsse man mit „individuell zugeschnittenen“ Modellen arbeiten, „das kostet was, aber langfristig bringt es viel.“

Interview

KURIER: Werden die Jugendlichen immer krimineller?

Christoph Koss: Die Jugend ist besser als ihr Ruf, der durch Einzelfälle erzeugt wird. Heute wird schon im Kindergarten begonnen, die Aggression kleinkindadäquat anzusprechen, Grenzen aufzuzeigen, ich sehe das bei meiner achtjährigen Tochter. In der Schule gibt es Konfliktlotsen. In der Justiz haben wir den Tatausgleich und die Sozialnetzkonferenz. Dieses Bündel an Maßnahmen greift, wir leben vergleichsweise in einer sicheren Zeit.

Aber was ist mit den Bandenkämpfen zwischen tschetschenischen und afghanischen Kids, den jungen Handyräubern und Vergewaltigern, den mit Handy gefilmten Gewaltexzessen?

Für diese kleine Gruppe hoch belasteter Kids brauchen wir mehr sozialpsychiatrische und sozialpädagogische Angebote.

Aber die sind in offenen betreuten Wohngruppen ja nicht zu kontrollieren.

Da ist die Frage, ob dem jemand nachgeht, wenn er davonläuft oder ob man sagt: ‚Da kann man nichts machen‘. Das ist natürlich auch eine Ressourcenfrage. Es gibt entsprechende Einrichtungen wie zum Beispiel den Arbeitskreis Noah oder die gemeinnützige Gesellschaft Neue Wege mit speziellen Programmen. Sie arbeiten mit der Jugendwohlfahrt zusammen. Da werden auch Jugendliche betreut, die noch nicht 14 sind oder gerade aus der Haft kommen. Das ist teuer, macht aber immer noch weniger als die Haftkosten aus und bringt mehr Sicherheit.

Das Mädchen Leonie, das als 16-jährige Rädelsführerin einer 15-Jährigen eine Abreibung mit Kieferbruch verpassen ließ und den Gewaltexzess mit Handy filmte, wurde im Juni bedingt aus der Haft entlassen. Was passiert jetzt mit ihr?

Es gibt ein ganzes Maßnahmenpaket: Eine sozialpädagogisch betreute Unterbringung, Jobcoaching, Therapie, wöchentlichen Kontakt mit der Bewährungshelferin auch schon während der Haftzeit ...

Der ungewöhnlich große Aufwand hängt wohl auch damit zusammen, dass der Fall für mediale Aufmerksamkeit sorgte?

Eine so gute Kombination aus Maßnahmen wäre der Wunschstandard.

Fakten

Vor zehn Jahren gab es noch 2889 Verurteilungen von Jugendlichen und 5594 von jungen Erwachsenen (bis 21). Im Vorjahr sind die Zahlen auf 1988 bzw. 3534 gesunken. Die Hälfte aller Verurteilungen betrifft Vermögensdelikte.

190 Jugendliche wurden im Vorjahr zu einer unbedingten Haftstrafe verurteilt, ebenso viele zu einer teilbedingten Haftstrafe.