Das Verschwinden der Schmetterlinge

© Bild: Kurier/schaffer hans peter

Nicht nur saubere Auto-Windschutzscheiben deuten laut Forschern auf Schwund an Insekten hin.

Es gibt sie in wärmeren Jahreszeiten noch, die bunt blühenden Wiesen, über denen Millionen Insekten ein lautes Summkonzert geben. Aber fast nur in Schutzgebieten, die einen Bruchteil der Staatsfläche ausmachen. Überall sonst zerbröckeln anscheinend gerade laut Forschern die Grundmauern der Nahrungspyramide, an deren Spitze der Mensch steht. Weitgehend unbemerkt nimmt nämlich die Zahl der Insekten in Mitteleuropa rasant ab. Dabei sind sie es, die Nahrung für Vögel sind, Blumenwiesen bunt halten und als Bestäuber unsere Nahrungsmittelproduktion unterstützen. Das Problem dabei : Es fehlt die Grundlagenforschung. Die wenigen bekannten Daten und Beobachtungen lassen die Wissenschaft aber Schlimmes befürchten.

Seit Jahrzehnten gebe es mit der Windschutzscheibe eine "Auto-Insektenfalle". "Da merkt man, dass die Zahl der gelben Patzer auf einen Bruchteil zurück gegangen ist", sagt Johannes Gepp, Vizepräsident des Naturschutzbundes Österreich. Sein Schluss: Von den rund 37.400 Insektenarten in Österreich hält er ein bis zwei Drittel für gefährdet. Lediglich in der Nähe von Gewässern sei die Zahl von Insekten wieder gestiegen, was er auf bessere Wasserqualität zurück führt. Aber insgesamt schaue es düster aus.

Alarmierend

"Ich verstehe, dass Autolenker saubere Scheiben angenehm finden. Aber eigentlich sollte es sie alarmieren", findet Peter Huemer. Der Kustos der naturwissenschaftlichen Sammlungen im Forschungszentrum Hall in Tirol ist einer der raren österreichischen Schmetterlingsspezialisten. Von ihm stammen die wenigen Untersuchungen, die es in Österreich über Schmetterlinge gibt. Zum Bestand anderer Insekten gibt es laut Umweltbundesamt keine Untersuchungen. Sein unabhängiger Bericht, den er auf Bitte von Global 2000 und der Stiftung "Blühendes Österreich" für das Burgenland, Niederösterreich, die Steiermark und Wien im Jahr 2016 erstellt hat, belegt: Zwei Drittel aller Schmetterlinge in Österreich sind zumindest gefährdet, teilweise vom Aussterben bedroht sind, einzelne schon ganz verschwunden.

Einer der Gründe, die der Wissenschaftler sieht: Laut Umweltschutzgesetz (beispielsweise NÖ) ist laut Huemer nur das bewusste, absichtliche Gefährden von Lebensräumen ist verboten. Was "so nebenbei" passiert, sei nicht strafbar.

Es stehe viel auf dem Spiel: Niederösterreich besitzt beispielsweise mit 3500 Schmetterlingsarten auf einer Fläche von 20.000 Quadratkilometern fast die gleiche Vielfalt wie ganz Deutschland.

Wie sehr die Menge an Insekten insgesamt abgenommen hat, lässt sich nur vermuten. In Deutschland gibt es ebenfalls nur regionale Zählungen, dort ist ein Minus von 40 Prozent der Insektenmasse erhoben worden.

"Dank der Ausweisung von Naturschutzgebieten und großflächiger Europaschutzgebiete erscheint die Gefährdungslage für viele Schmetterlingsarten heute insgesamt weniger bedrohlich als noch vor 20 Jahren", sagt Huemer. Aber eben nur in Schutzgebieten. "Die sind lediglich Inseln in einer weiten, für Insekten lebensgefährlichen Landschaft", klagt sein Kollege Gepp. Nicht flugfähige Insekten könnten die großen Entfernungen zu nächstgelegenen Schutzgebieten zwecks Vermehrung nicht mehr überwinden. bluehendesoesterreich.at

Forschungsdefizite

Die Privatstiftung „Blühendes Österreich“ des Konzerns REWE international und Global 2000 haben 2016 gemeinsam die Broschüre „Ausgeflattert“ heraus gegeben, in der sie die aktuellsten Untersuchungsergebnisse zum Österreichischen Schmetterlingsbestand veröffentlichen. In allen Bundesländern existieren demnach erhebliche bis gravierende Forschungsdefizite, die effektive Schutzmaßnahmen erschweren.
Landwirtschaft Die Hauptursachen für den Rückgang der Schmetterlinge sind aus Sicht der Forscher grundsätzlich überall identisch und umfassen vor allem intensive Landnutzung durch die industrielle Landwirtschaft mit massiver Düngung sowie Insektizid- und Pestizideinsatz und nicht zuletzt die Verbauung und teils vollständige Versiegelung wertvoller Flächen und Infrastruktur mit weitreichenden Folgen: beispielsweise durch Lichtverschmutzung, die das Leben nachtaktiver Insekten durcheinander bringe.

Dass auch der Klimawandel eine Gefahr für Schmetterlinge darstellt, sei stark zu befürchten.

Was kann man dagegen tun? Einerseits fordern die Forscher die massive Düngung, sowie den Insektizid- und Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zu verringern und das Vernichten von Lebensräumen durch Verbauung zu stoppen. Was einzelne tun können: Im Hausgarten möglichst viele Gräser blühen lassen, statt die Wiese kurz zu schneiden. So könnte ein immer dichter werdendes Netz kleiner Oasen für Insekten entstehen.

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( kurier.at ) Erstellt am 07.10.2017