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Chronik | Österreich
05/02/2016

Das digitale Rezept ist immer dabei

Im weststeirischen Bezirk Deutschlandsberg wird eMedikation ab 25. Mai flächendeckend erprobt.

"Es ist ja so", sagt Martin Georg Millauer und schildert aus seinem Alltag. "Die Patienten kommen und sagen, ich schluck’ die grüne Tablette zwei Mal am Tag. Und wenn ich wissen will, was das wirklich ist, muss ich ihnen das oft aus der Nase ziehen."

Ab 25. Mai sollte sich Internist Millauer doch wesentlich leichter tun. Dann haben seine Patienten nämlich das digitale Rezept immer dabei: In drei Wochen startet die sogenannte eMedikation, wenn auch vorerst nur im Probebetrieb. Sie ist eine Erweiterung von ELGA, der elektronischen Gesundheitsakte, die seit 9. Dezember bereits nahezu flächendeckend alle Spitäler der Steiermark erfasst (siehe auch Zusatzbericht). Mehr als 90 Prozent aller stationären und ambulanten steirischen Patienten sind in ELGA erfasst.

Der Testpilot für die eMedikation ist wieder die Steiermark, genauer der weststeirische Bezirk Deutschlandsberg: Bis Ende September wird dort getestet, wie das bereits aus den Spitälern bekannte System in der (Arzt)-Praxis funktioniert. Jedes Medikament wird auf einem gesicherten Server zentral in Wien gespeichert, abgerufen wird über die eCards der Patienten. Das hat Wechselwirkungen: Facharzt Millauer sieht anhand gespeicherter Daten, was bereits von Kollegen verschrieben wurde. Außerdem hat er Zugriff auf Befunde des Spitals, sollten seine Patienten zuvor im LKH Deutschlandsberg behandelt worden sein.

60.000 Tester

"Deutschlandsberg wurde wegen seiner demografischen Situation und der Kompaktheit genommen", begründet Bernadette Matiz vom Gesundheitsfonds Steiermark. "Es gibt genügend Ärzte, die mitmachen, genug Apotheken und ein Krankenhaus. Außerdem wissen wir, dass die Patienten dort sehr stark in der Region bleiben." Rund 60.000 Einwohner hat Deutschlandsberg, 57 Allgemeinmediziner mit GKK-Vertrag sowie 25 Wahl- und Fachärzte sind mit dabei, außerdem neun Apotheken.

Internist Millauer aus Stainz ist einer dieser Fachärzte. Anfangs Skeptiker, sei er jetzt zuversichtlich, dass alles klappt. "Wir Ärzte sind da ja auch mit reingegangen in das Projekt, um die Pläne gleich vorher anzuschauen und nicht ein fertiges Konzept eines Medizintechnokraten aufs Aug’ gedrückt zu bekommen." Für ihn ändere sich am 25. Mai wenig, glaubt Millauer: Die Software seines Computers sei um das Abspeichern des Rezepts erweitert worden. "Das läuft im Hintergrund und sollte nicht weiter aufwendig sein."

QR-Code

Die Patienten werden allerdings einen Unterschied bemerken: Sie bekommen entweder ein Rezept mit einem QR-Code für das Lesegerät in der Apotheke. Haben sie ein Rezept ohne diesen Code, sollten sie beim Abholen ihrer Arzneien die eCard parat haben, das ist neu: Nur so kann der Apotheker sehen, was die Ärzte verordnet haben. Allerdings können dann in der Apotheke auch rezeptfreie Mittel wie etwa Aspirin C in die Liste geschrieben werden.

Etwas mehr Aufwand im Alltag vielleicht, überlegt Ludwig Scholler, Apotheker in Wies. "Aber ich glaube, dass die Vorteile überwiegen. Ich kann nachschauen, welche Medikamente bereits genommen werden und dann den Kunden profunder Auskunft geben."www.elga.gv.at

„ELGA ist noch ein kleines Pflänzchen“

Die eMedikation ist Teil der Elektronischen Gesundheitsakte ELGA, die in einem ersten Schritt im Dezember 2015 in Spitälern Wiens und der Steiermark gestartet wurde.

Knapp ein halbes Jahr später fällt die Zwischenbilanz durchwegs positiv aus. „Das System funktioniert klaglos, Kinderkrankheiten werden rasch behoben“, sagt Susanne Herbek, Geschäftsführerin der ELGA GmbH. In Wien und der Steiermark wurden bis dato rund 650.000 Befunde registriert, konkret geht es derzeit noch um Entlassungsbriefe, Labor- und Radiologiebefunde. Für den Patienten relevant wird das erst, wenn auch die Arzt-Ordinationen an das System angeschlossen sind.

Datenschutz

„Anders als befürchtet ist für die Ärzte nicht mehr Arbeit angefallen“, sagt Michael Binder vom Wiener Krankenanstaltenverbund. „Es gab auch noch kein einziges Datenschutz-Problem.“ Für ihn überwiegen die Vorteile: „Erstmals hat es der Patient selbst in der Hand zu entscheiden, was mit seinen Befunden passiert.“

Das sehen nicht alle so: Insgesamt haben sich bundesweit bis dato 246.000 Patienten von ELGA abgemeldet, wobei laut Herbek zuletzt die Häufigkeit der Abmeldungen aber immer geringer geworden sei.

„Viele Patienten wissen aber gar nicht, worum es bei ELGA geht“, gibt der Wiener Ärztekammer-Funktionär Peter Poslussny zu bedenken. Sein Kritikpunkt: „Der gute alte Arztbrief hat mit ELGA ausgedient. Alles wird sehr knapp in die vorgegebenen Felder eingetragen. Fairerweise muss man aber sagen: Die niedergelassenen Ärzte haben ohnehin keine Zeit mehr, lange Arztbriefe zu lesen.“ Das Resümee des Mediziners: Die Ärzte hätten vielleicht etwas mehr Aufwand, dem Patienten würde ELGA aber nicht schaden. „Da gibt es schon ganz andere Probleme im Gesundheitssystem.“

Zur Betreuung der Patienten – etwa bei möglichen Datenschutz-Problemen – gibt es ELGA-Ombudsstellen bei den Patientenanwälten. Sie werden kaum in Anspruch genommen. Im März etwa gab es in Wien und der Steiermark insgesamt nur 37 Anfragen. „Das ist weniger als wir erwartet haben, aber ELGA ist ja noch ein sehr kleines Pflänzchen“, sagt Wiens Patientenanwältin Sigrid Pilz. Auch sie kann noch von keinem Datenschutz-Verstoß berichten. „Es gab nur einen Verdachtsfall, der sich aber als unbegründet erwies.“ Häufiger habe man es mit Patienten zu tun, die enttäuscht sind, dass in ihrem ELGA-Akt erst so wenige medizinische Daten abgespeichert sind.