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Verkehr

Bures fordert bis März 2013 Öffi-Reform

Öffis boomen. Doch Zonen- und Tarifdschungel verprellen neue Kunden. Verkehrsministerin Bures verlangt von den Ländern bei den Öffi-Takten sofortiges Handeln und seriöse Reformen.

von Michael Berger

11/18/2012, 05:59 PM

Der Trend zu den Öffis ist ungebrochen. Quartal für Quartal werden Rekordwerte verzeichnet. In Österreich benutzen derzeit 2,23 Millionen Fahrgäste (über 15 Jahre) täglich oder mehrmals pro Woche Bahn, Bus, Bim und U-Bahn. Das sind um 272.000 Passagiere pro Tag mehr als noch vor fünf Jahren. Damit dieser Boom auf Schiene bleibt, sind Reformen nötig. Denn Zonen- und Tarifdschungel, verteilt über Bundesbahn und sieben Verkehrsverbünde, verwirren selbst Vielfahrer.

Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ) sprach diese Woche ein Machtwort und verlangt von den Ländern (Verkehrsverbünde) moderne, aufeinander abgestimmte Fahrpläne. Unterstützung kommt dabei von Herman Knoflacher, Verkehrsplaner der TU-Wien: „Die Landeskaiser haben die Menschen nicht im Kopf. Anstatt der Österreich Card, also alle Öffis mit einer Karte zahlen zu können, wurde damals die Abwrackprämie für Schrottautos eingeführt. Das war wohl der falsche Weg.“ Nachsatz: „Wer das Geld hat, der schafft an. Der Bund soll endlich Klartext mit den Ländern reden. Sonst versäumen wir den Zug zum Zug.“

Das Mahnwort

Indirekt bestätigt Bures Knoflachers Kritik: „Fahrpläne sollen merkbar, regelmäßig und verlässlich sein“, sagt die Ministerin. Das höre sich einfach an, erfordere aber eine logistische Meisterleistung. „Denn unterschiedliche Zuständigkeiten bei Planung und Finanzierung des öffentlichen Verkehrs sind eine große Herausforderung für eine abgestimmte Verkehrspolitik. Ich erwarte mir Ergebnisse bis März 2013.“

Dieser Weckruf richtet sich an die „verstaubten“ Öffi-Verbünde. Beispiel Verkehrsverbund Ostregion (VOR): Das unverständliche Zonennetz, Fahrscheinautomaten, die sogar apathische Gemüter zur Weißglut bringen und Takt¬e, die eines Verkehrsverbundes unwürdig sind, regieren das Tagesgeschäft. Nach zehn Jahren Stillstand im VOR (Wien, NÖ, Burgenland) machen die drei Bundesländer hinter den Kulissen endlich mobil.

Burgenlands Landeschef Hans Niessl (SP) zum KURIER: „Es wird aktuell länderübergreifend intensiv an einer Tarifreform gearbeitet. Ziele sind eine Zonen-Vereinfachung und kudenfreundlichere Preissysteme.“ Das Burgenland investiert jährlich 16 Millionen Euro in Öffis. Landesrat Karl Wilfing (VP), zuständig für den Öffentlichen Verkehr in NÖ, will die jährlich investierten 110 Millionen Euro professioneller genutzt wissen: „Die Tarif- und Zonenreform ist unumgänglich. Wir fordern auch eine Taktverdichtung. Ich gehe davon aus, dass die Reform 2013 steht.“

Wien investiert jährlich 800 Millionen Euro in Öffis. Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SP) sieht ebenfalls Handlungsbedarf: „Man muss den Weg des Online-Verkaufs beschreiten. Wir unterstützen die VOR-Reform und erwarten uns einen Modernisierungsschub.“

Öffis und Pkw koppeln

Seitens des VOR verweist man auf steigende Fahrgastzahlen. Wurden vor 20 Jahren 697 Millionen Fahrten gezählt, waren es 2011 bereits 944,4 Millionen. Diese Steigerung zeigt – trotz aller Widrigkeiten –, wie sehr vor allem Pendler die Öffis annehmen. VOR-Geschäftsführer Wolfgang Schroll will nun auch Garagen und Park-&-Ride-Anlagen an die Reform koppeln: „Die Infrastruktur muss in die innovativen Systeme eingebaut werden.“

Wie Öffi-Systeme der Zukunft aussehen, weiß Markus Gansterer vom Verkehrsclub Österreich: „In Dänemark wurde 2012 ein Ticketsystem mit Chipkarte eingeführt.“ Die Fahrgastzahlen würden rasant steigen, die Kosten würden amortisiert. „Und die Schweiz ist Österreich dank dichter Takte und vieler Bahnhöfe um Jahre voraus.“

„Auch die ÖBB haben die Struktur hinterfragt“

KURIER: Der Fleckerlteppich der Verkehrsverbünde in den Ländern verhindert ein einheitliches, elektronisches Ticketsystem. Ist das Verbund-System ein Auslaufmodell?
Christian Kern:
Der Föderalismus ist in Österreich Realität. Wir als Bahn hätten die elektronische Österreich-Card herzlich gerne. Dazu muss die Finanzierung geklärt werden. Da geht es um Millionenbeträge.

Was könnte man tun, damit der Föderalismus die öffentliche Mobilität nicht bremst?
Das derzeit herrschende Förder- und Tarifsystem kann man sicher auf seine Effizienz prüfen. Auch die ÖBB haben ihre Strukturen in den letzten zwei Jahren kritisch auf den Prüfstand gestellt. Wir sind dadurch schlagkräftiger geworden.

Stichwort ÖBB: Welche Maßnahmen setzt das Unternehmen, um den positiven Passagier-Trend zu forcieren?
Ab 9. Dezember fahren wir auf der Weststrecke bis zu 230 km/h. 300 Kilometer von Wien nach Salzburg dauern dann 2,22 Stunden. Damit überholen wir jeden Pkw. Auch in Richtung Süden wird ausgebaut. Durch den Semmering-Tunnel ist man ab 2024 von Wien in 2,45 Stunden in Klagenfurt.

Gibt es weitere Innovationen?
Im ländlichen Raum laufen Pilotprojekte. Mit einem Ticket können Kunden vom Bahnhof aus ein E-Bike oder einen Kleinwagen nutzen. Ein Mobilitätsmix der Zukunft.

Hochgeschwindigkeitsrouten, Prunk-Bahnhöfe und Mega-Tunnels gelten als Prestigeprojekte. Wo bleiben die kleinen Bahnhöfe im ländlichen Raum?
Diese Stationen sind keine Auslaufmodelle. Siehe Bahnhof Leibnitz. Mittlerweile situieren sich Wohnbauträger um den Bahnhof. Wir müssen uns nach Passagier-Strömen orientieren.

Der Rechnungshof kritisierte die Hauptbahnhof-Kosten ...
Das Projekt hat sich rasant weiterentwickelt. Die Immobilienverkäufe übertreffen alle Erwartungen. Ich kann Entwarnung geben.

Verschiedene Welten

Öffis in Wien. Gerardo Valido Gonzalez lebt und arbeitet in Wien. Der 24-Jährige jobbt nach seinem Studium in einer IT-Firma in Wien-Mariahilf. Eines seiner Hobbys ist Reisen: „Somit kann ich seriöse Vergleiche betreffend Öffi-Angebote ziehen. Wien ist jedoch einzigartig.“ Vor allem die Jahreskarte um 365 Euro ist für ihn ein sensationelles Angebot: „Das gibt’s in keiner Metropole auf der Welt.“ Valido Gonzalez braucht keinen eigenen Pkw. Ist ein Fahrzeug notwendig, helfen Freunde aus oder ein Wagen wird angemietet. Gibt es einen Kritikpunkt an den Wiener Öffis? „Das wäre Jammern auf hohem Niveau.“

Öffis rund um Wien. Was aber, wenn man von Hauptverkehrswegen abweicht? Im KURIER-Versuch geht es von Sittendorf im Wienerwald zur Redaktion in Wien-Neubau. Eine Strecke, die laut Routenplaner 27 Kilometer lang ist und per Pkw in 35 Minuten zu absolvieren ist. An einem Wochentag um 13 Uhr startet der Versuch. Um 13.16 Uhr fährt der Postbus ab, um 13.28 Uhr ist die Reise in Hinterbrühl schon unterbrochen. Jetzt wird auf den nächsten Bus um 13.52 Uhr nach Mödling gewartet. Vom Bahnhof geht’s um 14.23 mit der S-Bahn nach Wien. U-Bahn, Bim folgen. Eine Zwei- Stunden -Fahrt.

Jugendticket ist ein voller Erfolg

Voll eingeschlagen hat das mit diesem Schuljahr gestartete „Top-Jugendticket“ von Wien, Niederösterreich, Burgenland und des Verkehrsverbunds Ost-Region. 280.000 Schüler und Lehrlinge haben das Angebot genutzt. Sie können nun ein Jahr lang täglich für nur 60 Euro in allen drei Bundesländern mit den Öffis unterwegs sein. „Gerade für die jungen Wienerinnen und Wiener ist das ein unschlagbares Angebot. Exkursionen mit der Schule oder einen Ausflug mit Freunden zu machen, ist damit einfach und ohne Zusatzkosten möglich“, erklärt Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SP).

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