Chronik | Österreich
07.05.2017

Benjamin F.: Das Söldner-Bataillon des Heeres

Drei österreichische Soldaten zogen mit Benjamin F. in den Krieg – sie alle waren beim Jägerbataillon 18. Das Bundesheer sieht darin kein Problem.

„Lob, Lob, Lob.“ So beginnt ein Artikel in der Kleinen Zeitung vom 8. Oktober 2016 über das Jägerbataillon 18, das in St. Michael in der Steiermark angesiedelt ist. Das Bataillon ist eine der Vorzeigeeinheiten des österreichischen Bundesheeres. Ob der ehemalige Bundeskanzler Werner Faymann oder die Verteidigungsminister Gerald Klug und Norbert Darabos (alle SPÖ) – sie alle besuchten es.

Dort werden nicht nur Grundwehrdiener zu Jägern ausgebildet, sondern auch Soldaten für Auslandseinsätze vorbereitet – die Golanhöhen, den Kosovo oder den Tschad. Erst Anfang Februar wurden 59 Soldaten nach Bosnien und Herzegowina verabschiedet. 124 Soldaten des Bataillons waren im Vorjahr im Einsatz, als das Bundesheer wieder mit der Grenzsicherung beauftragt wurde.

Zielorientierte Menschenführung?

„Die Stärke des Jägerbataillon 18 liegt in seiner zielorientierten Menschenführung“, steht auf der Homepage des Bataillons. Das darf allerdings bezweifelt werden. Benjamin F., der vor einer Woche in Polen wegen des Verdachts der Kriegsverbrechen verhaftete Ukraine-Kämpfer diente in dieser Einheit. Er ging 2009 als 17-Jähriger zum Bundesheer, war zweimal im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina einmal auf Auslandseinsatz, wo ihm zu wenig Action war, wie er dem KURIER Anfang Jänner erzählte. Woraufhin er seinen Aussagen zufolge beim Bundesheer kündigte – er wollte irgendwohin, „wo man vielleicht gebraucht wird“. Für ihn war das im Jahr 2014 zunächst die Front in der Ostukraine und später, weil es ihm dort auch zu langweilig war, Syrien und der Irak, wo er gegen den IS kämpfte, bevor er wieder 2015 in die Ukraine zurückkehrte.

Das Bundesheer habe ihn gut auf den Kriegseinsatz vorbereitet, erzählt er – und das lag an seinem Zugskommandanten beim Jägerbataillon 18, der ihn so ausgebildet habe, als ob es „morgen in den Krieg geht und er hat auch so eine Art gehabt, gar nicht passend zum Bundesheer. Weil eigentlich sind wir doch ein Verein des mit Schneeschaufeln herum rennt oder Sandsäcke auffüllt.“ Der habe vielleicht „ein falsches Bild verkörpert. Ich möchte jetzt nicht die Schuld meinem ehemaligen Kommandanten geben, aber es trägt schon dazu bei, wenn du so einen Irren als Kommandant hast. Der macht ja aus uns was.“

Als Heeresangestellte bei ukrainischen Milizen

Denn Benjamin F. war nicht alleine. Dass er wieder zurück in die Ukraine wollte, hat mit einem Anruf zu tun, der im Frühjahr 2015 von zwei ehemaligen Bundesheerkollegen bekam. Die waren in Polen und auf dem Weg in die Ukraine, um dort gegen die Russen zu kämpfen – und F. schloss sich ihnen an, brachte sie an die Front. Ein vierter folgte kurze Zeit später. Sie alle gehörten dem Jägerbataillon 18 an, zumindest zwei von ihnen hatten nach eigenen Aussagen desertiert – juristisch korrekt sind sie dem Dienst unerlaubt ferngeblieben. Das Bundesheer bestätigt das, ihr Dienstverhältnis wurde beendet. Nachzuforschen, was die Soldaten während dieses unerlaubten Fernbleibens getan haben, „ist nicht unsere Aufgabe“, sagt Oberst Michael Bauer, Pressesprecher des Verteidigungsministeriums. Dennoch: Sie sind als Angestellte des österreichischen Bundesheeres aufgebrochen, um sich den Milizen der ukrainischen Partei „Rechter Sektor“ anzuschließen.

Einer hatte noch im Jahr 2013 der Zeitung „Das Oberland“, einem Medium des Jägerbataillon 18, ein Interview gegeben. Es existiert ein Foto, auf dem ein anderer der drei sein Abzeichen des Jägerbataillon 18 in die Kamera hält, als er bereits in der Ukraine an der Front ist. Die Öffentlichkeit hat von all dem nichts erfahren, nicht von ihrem Fernbleiben, nicht von ihren Ausflügen an die Front. Selbst der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, die gegen Benjamin F. ermittelte, sind die Identitäten der drei Soldaten, die mit Benjamin F. unterwegs waren, laut ihrem Sprecher Erich Habitzl nicht bekannt. Zwei von ihnen waren bereits im Mai 2015 wieder nach Österreich zurückgekehrt. Der Dritte hatte mehrere Monate mit F. in der Ukraine verbracht.

Das Verlangen nach Krieg

Wie passt das mit der „zielorientierten Menschenführung“ zusammen? „Als Soldat nicht in den Krieg zu ziehen, das wäre wie „wenn jemand zehn Jahre Medizin studiert hätte und er würde nie einen Patienten behandeln. Das Verlangen kommt einfach bei Soldaten nach einer Zeit“, sagte F. dem KURIER. Im Krieg angekommen sei es sein Job als Soldat gewesen, zu schießen – egal ob er dabei jemanden trifft oder nicht. „Wie der Bäcker, der Brot bäckt, auch nicht nachdenkt, ob das Brot jetzt gegessen oder weggeschmissen wird“. Hat er dieses Weltbild vom österreichischen Bundesheer? Was läuft falsch, wenn junge österreichische Bundesheer-Soldaten in ihren Zwanzigern eine Kriegssehnsucht entwickeln?

Ministeriumssprecher Bauer sieht da keinerlei Probleme, „wir haben 16.000 Soldaten, Sie reden jetzt von vier“. Diese Soldaten hätten offenbar das Bundesheer verlassen, „eben weil sie mit dieser ‚zielorientierten Menschenführung‘ und den Werten des Bundesheeres ein Problem hatten“, sagt er. Ihr Verhalten könne „dem Bundesheer nicht angelastet werden“. Insofern gäbe es auch keine Notwendigkeit interner Konsequenzen, „wie sollten die aussehen?“ Für Bauer bleibt das Jägerbataillon 18 „ein sehr guter Verband“.

Das Nachrichtenmagazin profil veröffentlicht in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe weitere Details über den Fall des Vorarlbergers Ben F., der von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt verdächtigt wird, als freiwilliger Kämpfer in der Ostukraine an "Kriegsverbrechen gegen Personen" (§ 321b StGB) beteiligt gewesen zu sein.

Der KURIER berichtete: Ukraine-Kriegsverbre­chen: Keine rasche Übergabe an Österreich

Ben F. wurde am Sonntag, 30. April, aufgrund eines europäischen Haftbefehls in Polen festgenommen, als er nach einem längeren Aufenthalt in Österreich und der Schweiz wieder in die Ukraine reisen wollte.

Bereits seit 2014 hatte er Medien im In- und Ausland Interviews über seine Kriegserfahrungen gegeben und war den Behörden bekannt. Aber erst zwei Tage nachdem der KURIER am 15. Februar das im Jänner geführte Interview mit Benjamin F. veröffentlichte, wurden auch die Behörden aktiv: Am 17. Februar erging ein Bericht des nö. Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung an die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt. Wenig später, am 22. Februar, wurde seitens der Behörde ein europäischer Haftbefehl erlassen. Auf "Kriegsverbrechen gegen Personen" nach Paragraf 321b steht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Vorgeworfen wird ihm, Personen, die sich bereits ergeben hatten, erschossen zu haben.

Die Staatsanwaltschaft stütze die Vorwürfe gegen ihn unter anderem auf Fotos, die zeigen, wie der 25-Jährige in einem Schützengraben mit verstümmelten Leichen posiert. Gegenüber profil schildert ein ehemaliger Mitkämpfer des Vorarlbergers nun exklusiv, wie die Bilder zustande gekommen seien. Demnach war eine Aufklärungseinheit des 11. Bataillons der ukrainischen Armee, der Ben F. vergangenes Jahr beigetreten war, Ende Juli 2016 nahe der Stadt Popasna in der Oblast Lugansk in schwere Gefechte mit pro-russischen Separatisten verwickelt.

Die Auseinandersetzungen forderten am 23. Und am 30. Juli mehrere Menschenleben auf beiden Seiten. Ben F. war laut seinen Kameraden allerdings nicht direkt an den Kämpfen beteiligt. Er sei als "Tactical Medic" – also in etwa "kämpfender Sanitäter" – bloß daran beteiligt gewesen sein, Leichen zu bergen und abzutransportieren. Dabei sollen die Fotos entstanden sein. "Mit ihrem Tod hat Ben nichts zu tun", beteuert ein Mitkämpfer des Vorarlbergers, der anonym bleiben will, dessen Identität profil jedoch bekannt sei: "Die waren schon gestorben, und keiner hat irgendeinen Scheiß mit ihnen angestellt." Die Verstümmelungen an den Toten seien vielmehr durch Schüsse und Granatexplosionen im Gefecht verursacht worden. Die Angaben des Mannes klingen nachvollziehbar, konnten von allerdings nicht unabhängig überprüft werden.