Zebrastreifen wurden weggefräst, es herrscht Gleichberechtigung

© /Thomas Martinz

Klagenfurt
06/16/2016

Begegnungszone auf dem Prüfstand

Anrainer reagieren mit Skepsis auf "Shared-Space"-Projekt. Kritik, weil die Zone kaum zu erkennen ist.

von Thomas Martinz

Rücksicht und Vorsicht – diese Eigenschaften müssen Verkehrsteilnehmer in der Klagenfurter Innenstadt künftig mitbringen: Die Ampeln rund um den Neuen Platz wurden am Mittwoch abmontiert oder deaktiviert, die Zebrastreifen abgehobelt – über Nacht ist Tempo 30 im Herzen der Kärntner Landeshauptstadt Pflicht.

Die Begegnungszone steht bis Oktober auf dem Prüfstand und soll in Folge auf die gesamte Innenstadt ausgeweitet werden. Bei einem KURIER-Lokalaugenschein nach der Einführung wurde offensichtlich, dass die Bevölkerung dem Projekt "Shared Space" (gemeinsam genutzter Raum) vorerst mit Skepsis gegenübersteht. Vor allem die "Begegnung" zwischen Autofahrern und Fußgängern birgt noch Konfliktpotenzial.

"Seit es die Begegnungszone gibt, machen hier Fußgänger und Autofahrer, was sie wollen", sagt Franz Kogler. "Dieses Experiment wurde abrupt eingeführt. Würden wir nicht im Zentrum wohnen, wüssten wir nichts davon. Die Informationspolitik der Stadt ist unzureichend. Ich weiß beispielsweise nicht, ob Busse jetzt Vorrang haben, oder nicht", pflichtet seine Frau Erika bei (Busse sind vom Gleichheitsprinzip ausgenommen und haben Vorrang).

Reinhold Gasper hat ebenfalls Kritik anzubringen: "Es fehlen jegliche Bodenmarkierungen, die auf das Shared-Space-Gebiet hinweisen. Die Aktion der Stadt ist ja eine gute Idee, aber man sollte den entsprechenden Bereich schon erkennen. Außerdem herrscht hier eine sehr hohe Frequenz an Fußgängern – Tempo 30 ist in dieser Zone viel zu schnell", sorgt er sich um die Sicherheit der Fußgänger.

"Kreuz und Quer"

Die sind wiederum Autofahrer Anton Bainschab ein Dorn im Auge: "Die gehen jetzt nicht mehr dort über die Straße, wo man den Zebrastreifen noch vage erkennt", zeigt er auf einen weggefrästen Schutzweg. Tatsächlich dürfen die Fußgänger die Straßen rund um den Lindwurm nun nach Belieben queren. "Dadurch sind sie aber plötzlich kreuz und quer auf der Fahrbahn unterwegs – und zwar, ohne auf den Verkehr zu achten." Die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer sieht Bainschab grundsätzlich positiv. "Aber dann sollten sich auch alle daran halten", betont er.

Velden als Vorbild

In Nicolas Zangerle findet er einen Verbündeten: "Ich habe es selbst erlebt: die Fußgänger glauben, dass sie jetzt Vorrang haben und gehen einfach drauf los. Ich hoffe jedoch, dass sich die Menschen daran gewöhnen werden. Was in Velden funktioniert, wird ja wohl auch in Klagenfurt möglich sein", verweist Zangerle auf die Wörthersee-Gemeinde, wo vor zwei Jahren die erste Kärntner Begegnungszone geschaffen wurde.

"Zeitpunkt nicht ideal"

Josepha Zivkovic wundert sich, dass das Projekt ausgerechnet während der Fußball-Europameisterschaft gestartet wurde: "Ich halte den Zeitpunkt nicht für ideal. Am Neuen Platz kommen in diesen Wochen täglich Tausende zum Public Viewing. Sie gehen und fahren in Folge vielleicht nicht mehr ganz nüchtern nach Hause, das ist gefährlich. Man kann nur hoffen, dass da nichts passiert", meint sie.

Im Vorfeld hat es rund um den Neuen Platz Frequenzanalysen gegeben. "Diese haben gezeigt, das Ampeln und Schutzwege aufgrund des geringen Verkehrsaufkommens nicht notwendig sind", sagt Alexander Sadila von der Magistratsabteilung Straßenbau und Verkehr. Die Stadt hat in Abstimmung mit der Exekutive verlautbart, dass es in der Testphase verstärkt Polizeikontrollen rund um den Neuen Platz geben wird.

Ausweitung geplant

Verkehrsstadtrat Otto Umlauft (ÖVP) ist davon überzeugt, dass Fußgänger, Auto, Bus- und Radfahrer miteinander auskommen werden: "Ich glaube, dass Fußgänger vermehrt wahr- genommen und letztendlich sogar im Vorteil sein werden. So werden wir es schaffen, den Verkehr in der Innenstadt zu minimieren, was die Wirtschaft stärken wird." Im Oktober wird eine Evaluierung des Projekts durchgeführt. Dann soll die Begegnungszone schrittweise auf die gesamte Innenstadt ausgeweitet werden.

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