Adolf Schandl spricht über seine über seine Vergangenheit als Gefängnisinsasse und seine Ausbruchsversuche bzw. Geiselnahmen. Wien, 12.06.2013

© KURIER/Jeff Mangione

Adolf Schandl
06/16/2013

„Alle haben zur mir gesagt: ,Du stirbst im Gefängnis’“

Raubüberfälle, Geiselnahme, Flucht. Der legendäre Adolf Schandl kam 17 Jahre früher frei – sein Leben in Freiheit.

von Ricardo Peyerl

Kürzlich hat der ältere nette Herr seiner Nachbarin aus dem zweiten Stock das Einkaufswagerl bis vor die Wohnungstür getragen. „Sie sind ein Engel!“, so hat sie sich bei ihm bedankt. „Aber hören S’ auf“, hat er gesagt und sich gedacht: „Wenn die wüsste.“

Der ältere nette Herr ist der legendäre Ausbrecherkönig und Geiselnehmer Adolf Schandl, der nach bewaffneten Raubüberfällen gemeinsam mit Mithäftlingen zwei Mal aus dem Gefängnis geflüchtet war. Der Satz des damaligen Polizeipräsidenten Josef Holaubek: „I bin’s, dei Präsident“, mit dem er die Geiselnehmer im November 1971 zur Aufgabe überredet hat, ging in die Kriminalgeschichte ein (auch wenn er in Wahrheit gesagt hat: „I bin’s, der Präsident.“).

Adolf Schandl, heute 77, ist seit einem Jahr wieder in Freiheit. Die Justiz hat ihm von seiner Strafe 17 Jahre nachgelassen, das ist Rekord. Und vor allem deshalb bemerkenswert, weil Schandl schon einmal, 1985, auf Bewährung entlassen worden und nach neuen Straftaten wieder eingesperrt worden war. „Alle haben zur mir gesagt: ,Du stirbst im Gefängnis.‘“

Goethe

Sein erster Freigang nach 20 Jahren hinter Gittern führte ihn zu Goethe. Schandl, der ständig Zitate des Herrn Geheimrates im Mund führt, besuchte das Goethe-Denkmal am Opernring. Im Gefängnis ist der ehemalige Kidnapper zum stillen Denker geworden. Er beschäftigt sich mit den Philosophen, diskutiert mit dem evangelischen Anstaltspfarrer – der ausgerechnet Engele heißt und diesen Namen laut Schandl auch verdient – über Gott.

Der KURIER-Reporter ist erst der vierte Besuch in der blitzsauberen 33 großen Wohnung. Neben dem Herrn Pfarrer empfängt Schandl den Sozialarbeiter Albert Holzbauer („ein feiner Herr, ein Humanist“) und seinen Bewährungshelfer Josef Granabetter, den er gar nicht mehr „hergeben“ will.

Eine Psychologin im Gefängnis hat zu ihm gesagt: „Ich kann mir Sie gar nicht als Geiselnehmer vorstellen.“ Er sich auch nicht: „Ich muss von Sinnen gewesen sein.“ Als 18-Jähriger wanderte Schandl nach Australien aus, schnitt Zuckerrohr, fuhr Brot aus, arbeitete im Bergwerk, bekommt jetzt eine kleine Pension von dort.

„Wenn ich an Gusto hab’, kann ich mir ein Bier leisten“, sagt er. „Und Gewand kauf’ ich mir nicht von Versace.“

Zurück in Österreich, blieb er bis zum 32. Lebensjahr unbescholten. Ehefrau, Tochter, trautes Heim. Dann wollte sein Chef seine Frau anbraten, sie ließ ihn abblitzen, er rächte sich „und stellte mir ein Haxl“. Entlassung. Schandl begann zu trinken, zu spielen, lernte ein Mädchen kennen – und überfiel mit ihr eine Bank. Es folgten weitere Überfälle, Schüsse fielen, 13 Jahre Gefängnis.

„Das war mir zu viel“, sagt er. Schandl sprang über die Gefängnismauer, brach sich den Fuß. Dann erste Geiselnahme, Ausbruch, er wurde wieder eingefangen und bekam noch ein paar Jahre dazu. Nach der vorzeitigen Entlassung – Schandl arbeitete damals als Kammerjäger – schob man ihm, wie er sagt, die Teilnahme an fünf Banküberfällen in die Schuhe. Er will nur an der Planung beteiligt gewesen sein. Es setzte 19 Jahre Haft. „Drei, vier Jahre hätte ich akzeptiert.“ Zweite Geiselnahme, zweite Flucht, Verhaftung, weitere 19 Jahre.

Jetzt schreibt Schandl an einem Buch über sein Leben. Und er denkt an einen Film. „An einem Tag wie jeder andere“ schwebt ihm vor, mit Humphrey Bogart, in dessen Rolle er sich sieht. Es geht im Film um Geiselnahme, ein Kidnapper will die Tochter der bedrohten Familie vergewaltigen, aber Bogart hält ihm die Waffe an den Kopf.

Immer höflich

Das war auch seine Bedingung an die Komplizen bei den Geiselnahmen, sagt Schandl, dass den Frauen nichts passiert: „Immer höflich bleiben.“ Man habe gesagt: „Wir müssen bellen, sonst erreichen wir nichts.“ Einen palästinensischen Terroristen habe man so hingestellt, „als würde er den Geiseln gleich den Kopf abschneiden.“ Aber die Frauen hätten nicht einmal scharf angeredet werden dürfen. Er habe ihnen sogar einen Teil vom Lösegeld angeboten: „Ihr müsst es halt verstecken, im Ausschnitt, und den Mund halten.“ Eine habe geblinzelt, sei in Versuchung geraten, habe dann aber gesagt: „Wir wollen nur heim zur Familie.“

Verletzte gab es bei dem Ausbruch aber doch. Reue? „Mir tun alle Opfer leid“, sagt Schandl: „Ich möchte die Menschen, die von mir verletzt wurden, um Verzeihung bitten. Aber ich habe auch schwer dafür gebüßt.“

Chronologie: Spektakuläre Gefängnisausbrüche

I bin’s, der Präsident

1967 und 1968 Schandl verübt mit seiner Freundin drei Raubüberfälle, schießt zwei Menschen nieder, bekommt zehn Jahre schweren Kerker.

4. November 1971 Gemeinsam mit Alfred N. und Walter S. entwaffnet Schandl in der Strafanstalt Stein zwei Bewacher. Sie nehmen einen Richter und eine Schriftführerin als Geiseln, die dann gegen einen Polizeikommandanten ausgetauscht wird. Auf der Flucht nach Wien werden mehrere Autos gekapert und Polizeisperren durchbrochen. Auf Vorschlag des Polizeikommandanten fahren sie sogar zum Polizeipräsidium, um dort direkt mit der Exekutive zu verhandeln. Dort fällt der legendäre Ausspruch des damaligen Polizeipräsidenten Holaubek „I bin’s, der Präsident!“. Schandl versteckt sich bei der Mutter eines Mithäftlings, nach 16 Tagen wird er aber geschnappt und bekommt 16 Jahre dazu.

1985 Schandl wird vorzeitig auf Bewährung entlassen, nach neuen Straftaten mit Schusswechsel aber 1992 zu 19 Jahren Haft verurteilt.

1996Wegen Fluchtgefahr wird Schandl in die Justizanstalt Graz-Karlau verlegt.

14. November 1996 Gemeinsam mit dem Zuhälter und Mörder Peter G. sowie dem palästinensischen Terroristen und Doppelmörder Tawfik C. nimmt Schandl drei Verkäuferinnen beim „Häfengreißler“ als Geiseln, fordert einen Hubschrauber und acht Millionen Schilling. Sie werden überwältigt, Schandl kassiert weitere 19 Jahre Haft, Strafende 2027.

14. Juni 2012 Schandl wird wegen „guter Führung“ vorzeitig entlassen. Das Justizministerium wollte ihm bei den ersten Schritten in die Freiheit vier Bewacher mitgeben. Der Anstaltschef von Garsten aber sagte: „Einer reicht, ich kenn’ den Schandl.“

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