Chronik | Österreich
16.10.2017

Asylbescheid: Umzug einer Österreicherin nach Afghanistan sei "zumutbar"

Die 28-jährige Akademikerin ist seit eineinhalb Jahren mit einem Afghanen liiert.

Es war "wie ein Schlag ins Gesicht", erzählt die 28-jährige Hannah R. Seit eineinhalb Jahren ist die österreichische Akademikerin in einer Beziehung mit Edris F., der 2015 aus Afghanistan nach Österreich kam. Er hatte um Asyl angesucht, nun erhielt er vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl einen negativen Bescheid. Das Kuriose: Darin heißt es, es sei ihm "zumutbar, sich mit Ihrer Freundin im Herkunftsland niederzulassen". "Mir wird praktisch nahegelegt, in ein Land zu ziehen, für das die höchstmögliche Reisewarnung gilt", sagt Hannah R.

R. lernte den 25-Jährigen 2015 am Wiener Hauptbahnhof kennen: "Ich hab’ dort bei der Flüchtlingsbetreuung geholfen", erzählt sie. Edris war einer der zahlreichen Flüchtlinge, die sich damals am Bahnhof aufhielten. "Bei der Essensausgabe ist er mir aufgefallen. Seine Augen, sein Blick." Mehrere Monate lang lernten sie einander langsam kennen, schrieben Chat-Nachrichten – und verliebten sich schließlich. Seit August 2016 wohnen sie in einer gemeinsamen Wohnung in Wien.

Wie ihre Freunde und ihre Familie Edris aufnahmen? "Ach, das war gar kein Problem", erzählt sie. "Ich habe einen bunten Freundeskreis." Gemeinsam gingen sie auf die Regenbogenparade oder zu einem Konzert von Conchita Wurst. "Dinge, die in Afghanistan tabuisiert sind, hat Edris hier als schön und freundlich kennengelernt." Auch bei Hannahs Eltern in Vorarlberg waren sie oft zu Gast: "Wir haben etwa Weihnachten und Silvester dort verbracht."

Von Taliban attackiert

Im KURIER-Gespräch erzählt Edris F., er habe in Kabul gelebt und als Manager eines Busunternehmens gearbeitet. Sein Vater, ein Polizist, sei von den Taliban ermordet worden, weil er den Bruder eines Talibans verhaftet hätte. Jahrelang sei seine Mutter mit den sechs Kindern vor den Taliban auf der Flucht gewesen. "In Kabul habe ich mich sicher gefühlt", erzählt er. Doch dann sei er von den Taliban aufgespürt worden: "Sie haben mich mit einem Messer attackiert, ich war voller Blut und wurde bewusstlos. Ich bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht." Daraufhin verließ er Afghanistan. Sein Bruder, der noch dort lebt, sei ebenfalls von den Taliban attackiert worden: "Sie haben ihm den ganzen Bauch zerstochen. Er hat überlebt, sitzt aber im Rollstuhl und kann nicht mehr arbeiten", sagt Edris.

Er versucht, sich in Österreich zu integrieren, besucht Deutschkurse und absolviert eine Lehre als Koch. Außerdem hat er Anschluss an Hannahs Familie und Freunde – ein Fotoalbum mit Bildern aus dem Alltag illustriert dies. Dennoch steht im Bescheid des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl: "Es bestehen keine besonderen sozialen Kontakte, die Sie an Österreich bänden." Zu seiner Beziehung mit Hannah hieß es, er habe "sein Familienleben in einem Zeitraum gegründet", in dem der Ausgang des Verfahrens nicht feststand. Er habe damit rechnen müssen, dass der Asylantrag negativ entschieden werde, heißt es weiter. Und dann: "Es ist Ihnen zumutbar, sich mit Ihrer Freundin im Herkunftsland niederzulassen."

Hannah R. ärgert sich: "Wir waren optimistisch, da er ja eindeutig einen Fluchtgrund hatte." Im Juli hatte Edris F. die erste Einvernahme: "Man hat ihm nicht zugehört und auch die Dolmetscherin war nicht entsprechend qualifiziert. Sie konnte nicht einmal seinen Bescheid aus dem Krankenhaus verstehen", sagt Hannah. Auch dass ihr quasi nahegelegt werde, nach Afghanistan zu ziehen, verärgert sie. Auf der Website des Außenministeriums heißt es zu Afghanistan, es bestehe "das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen". Daher rate man Österreichern dringend, das Land zu verlassen. "Und da soll ich hinziehen?", fragt sie.

Doch sie wollen nicht aufgeben, sagt die 28-Jährige: "Wir holen uns nun Hilfe bei einem Anwalt. Ich bin zuversichtlich. Es muss ihm nur einmal jemand zuhören."