Chronik | Österreich
04.04.2017

Angst vor Bär: Bauern lassen Schafe im Tal

103 Schafrisse 2016: Im Gailtal werden heuer zahlreiche Tiere nicht mehr auf die Almen getrieben.

"Zehn Mutterschafe habe ich im Vorjahr auf die Feistritzer Alm getrieben, vier davon hat der Bär geholt. Er wird zunehmend zum Problem, daher bleiben die Schafe künftig im Stall." So wie Dieter Mörtl denken inzwischen viele Schafbauern im Kärntner Gailtal, das seit Jahren zwischen fünf und sieben Bären bevölkern. Daher werden heuer zahlreiche Almen verwaist bleiben.

Die Kirchbacher Wipfel Alm ist eine solche. Bis zu 1000 Schafe verbrachten jahrzehntelang dort den Sommer. Seit 2010 hat jedoch ein Bär nahezu im Wochenrhythmus diese Alm aufgesucht. " Tiere werden gerissen oder flüchten in alle Himmelsrichtungen. Heuer wird die Alm leer bleiben, Hirten und Bauern wollen kein Risiko mehr eingehen", sagt Schafbauer Martin Martin, der jahrzehntelang selbst als Schafhirte auf der Wipfelalm tätig war. Er hat für seine 80 Schafe übrigens eine skurrile Lösung gefunden. Der Landwirt transportiert sie Ende Mai 150 Kilometer weit nach Salzburg auf die Reinkar Alm.

"Für Kleinbauern ist das natürlich kein Thema und die Schafe bleiben im Tal. Dieser Trend betrifft das ganze Gailtal", weiß Josef Obweger, Obmann der Almbauern, die per Resolution vom Landtag eine Verordnung zur Bejagung der Bären fordert.

Laut Kärntner Jägerschaft und dem Land bleibt die Zahl der Schafrisse durch Bären – im Vorjahr waren es 103 – relativ konstant. Die finanzielle Entschädigung, die durch Versicherungen bzw. den Kulanztopf des Landes geleistet wird, beträgt 90 Euro pro Lamm und zwischen 120 und 170 Euro pro Mutterschaf.

Gestresst, abgemagert

Es gehe gar nicht nur um die toten Schafe selbst, argumentieren die Bauern. "Die Tiere sind auf der Alm permanentem Stress ausgesetzt, weil sie die Anwesenheit des Bären spüren. Man hat keine homogene Herde mehr, mit der man arbeiten kann. Schafe werden gerissen oder kommen im Herbst abgemagert zurück. Und der Bär holt sich auch viele trächtige Muttertiere", argumentiert Martin.

Bernhard Gutleb, Wildbiologe des Landes Kärnten, versteht die Aufregung nicht. "Ich weiß, dass im Gailtal viele Bauern ihre Schafe nicht auf die Alm treiben und dies den Bären umhängen wollen. Es besteht jedoch der Verdacht, dass diese Tatsache auch an den EU-Richtlinien liegt, wonach die gemeinsame Haltung von Schafen und Kühen auf der Alm untersagt ist", erklärt Gutleb.