Chronik | Österreich
21.12.2017

Amokfahrt oder Hirngespinst? IS-Sympathisant wird durchleuchtet

Heimleitung in Graz wartete tagelang, bis sie die Polizei einschaltete.

Als im Jänner im Zuge der Operation "Josta" in Graz und Wien 15 IS-nahe Terrorverdächtige festgenommen wurden, stand Emir H. (25) als einer der Besucher der Taqwa-Moschee bereits unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Ein Jahr später sitzt der gebürtige Bosnier ebenfalls in Untersuchungshaft. Die Polizei glaubt, dass er eine Amokfahrt auf einem Weihnachtsmarkt geplant haben könnte. Acht Zeugen haben in der Notschlafstelle in Graz, in der er zuletzt gelebt hatte, verdächtige Beobachtungen gemacht. Die Staatsanwaltschaft versucht derzeit herauszufinden, ob Emir H. ein Terrorist oder einfach ein Wichtigmacher mit psychischen Problemen ist. Als Letzteren sieht ihn jedenfalls der Heimleiter der Sozialeinrichtung in Graz. Im Polizeiakt bezeichnet er Emir H. als "gestrandete Person ohne böswillige Eigenschaften. Meine persönliche Meinung ist, dass er nett und höflich ist, aber psychische Hilfe benötigt". Das erklärt auch, wieso man sich zunächst am 17. November nicht direkt an die Polizei, sondern an die Beratungsstelle für Extremismus wandte, nachdem Bewohner der Notschlafstelle folgendes gehört haben wollen: "Ich mache sie tot. Wie in Berlin." Zuvor hatte er sich bei Betreuern erkundigt, wie man sich ein Auto ausleihen kann und was geschehe, wenn man es beschädigt.

Erst nach einem neuerlichen Kontakt mit der Extremismus-Hotline und weiteren Gesprächen mit Emir H. wurde sechs Tage später die Polizei eingeschaltet. Für Verteidiger Wolfgang Blaschitz, der bereits das Gros der heimischen Terrorverdächtigen vor Gericht vertreten hat, ist sein neuer Mandant ein "nicht ernst zu nehmender Eigenbrötler, der in seiner eigenen virtuellen Welt lebt und nach Aufmerksamkeit und Hilfe schreit". "Er ist intellektuell gar nicht in der Lage abzuschätzen, was er von sich gibt."

Der Verfassungsschutz sieht das freilich anders. Laut den Vernehmungsprotokollen ist der Bosnier, der in Bregenz aufgewachsen und in die Schule gegangen ist, ein radikaler Islamist, der den österreichischen Staat nicht anerkennt und für die Einführung der Scharia (Anm. islamisches Recht) ist. Dass damit Ehebruch oder Homosexualität mit Steinigung und dem Tod bestraft werden, findet Emir H. "in Ordnung", wie er selbst sagt.

Prediger

Religiös orientierte er sich an zwei der radikalsten Prediger Österreichs – dem Wiener Ebu Muhammad alias Nedžad B. (41) sowie Farhad Q. (40), besser bekannt als Abu Hamzah al-Afghani.

Dass ihn allerdings nicht einmal seine Muslimbrüder respektiert haben, zeigt laut Blaschitz die Tatsache, dass er aus dem Taqwa-Glaubensverein geschmissen wurde.

Derzeit wird der Computer der Notschlafstelle von Datenforensikern ausgewertet. Emir H. soll sich darauf Videos der Amokfahrten von Graz und Berlin angesehen haben.