Bei allen Zusammenschlüssen geht es vor allem um Pistenkilometer.

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Seilbahnbauten
10/03/2016

Alpenvereinspräsident: "Der Zenit ist erreicht"

Andreas Ermacora fordert "ordnende Hand" vom Umweltminister.

von Christian Willim

Die Alpenschutzkommission Cipra fordert, wie der KURIER berichtete, einen Stopp beim Ausbau von Skigebieten. Auch Andreas Ermacora, Präsident des Alpenvereins, empfiehlt eine Nachdenkpause in Bezug auf weitere Erschließungen. Die Seilbahnbranche hält davon wenig. Die meisten Projekte konzentrieren sich auf Tirol. Bei Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) stieß Ermacora mit dem Vorschlag für einen "runden Tisch" auf taube Ohren.

KURIER: Der Landeshauptmann hat einem "runden Tisch" eine Absage erteilt. Enttäuscht?

Nein. Aber ich hätte mir schon erwartet, dass er einmal alle zusammen trommelt, um darüber zu diskutieren, wie es gerade in Tirol weitergehen soll. Denn ich habe das Gefühl, dass eine Art Verdrängungswettbewerb zwischen den einzelnen Skigebieten stattfindet.

Wie sieht der aus?

Es geht immer nur darum: Wer ist der Größte, wer hat die meisten Pistenkilometer. Aber meines Erachtens sollte man mal festlegen, wie viele Skifahrer gib es, wie ist die Entwicklung, wie viele Pistenkilometer haben wir in Tirol und was ist auf lange Sicht notwendig und was nicht.

Aber ist es in dieser Frage nicht unrealistisch, dass man einen gemeinsamen Weg findet?

Es benötigt eine übergeordnete alpine Raumordnung. Dafür muss man zuerst erheben, was tatsächlich notwendig ist. Ich bin der Letzte der sagt, dass das Alpinskifahren nicht seine Berechtigung hat. Das wird es auch immer haben. Ich bin selber begeisterter Pistenfahrer und gehe auch viele Skitouren. Aber die Frage ist, ob man daneben nicht auch andere Konzepte als Ergänzung leben lässt.

Der von Ihnen erwähnte Verdrängungswettbewerb ist aber auf Wachstum ausgelegt.

Das mag sein. Und ich verstehe auch jedes Skigebiet, das für sich das Beste herausholen will. Aber es fehlt die ordnende Hand.

Wer könnte das sein? Umweltminister Andrä Rupprechter, der für Österreich demnächst den Vorsitz der Alpenkonvention übernehmen wird?

Ich erwarte ich mir ehrlich gesagt schon, dass der Umweltminister alle einmal an einen Tisch holt und sich überlegt, wie es weitergehen soll. Das ist eigentlich auch seine Aufgabe.

Was wäre Ihrer Ansicht nach in dieser Frage zu tun?

Es braucht eine konkrete Erhebung, wie viele Skifahrer in unserem Land sind – Einheimische und Touristen – und wie viele Kilometer der durchschnittliche Skifahrer am Tag bewältigt.

Laut Seilbahnbranche geht es den Gästen bei der Auswahl ihres Ziels vor allem um die Skigebietsgröße.

Die ganz großen Skigebiete sind so ausgelegt, dass ein durchschnittlicher Skifahrer das nicht an einem Tag fahren kann. Da muss man sich fragen, ob es notwendig ist, dass man Täler erschließt, um zum nächsten Skigebiet zu kommen und wieder größer zu werden.

Glauben Sie nicht, dass es vor allem darum geht, zu den Größten zu gehören, um nicht als Kleiner unterzugehen?

Aber dann nimmt man halt den anderen die Gäste weg, wenn man das betreibt. Und dann wird es viele Skigebiete geben, die irgendwann nicht mehr überleben können. Dann ist das ein Verdrängungswettbewerb, bei dem die großen und die noch größeren Skigebiete übrig bleiben. Und die anderen werden aussterben.

Das klingt eher nach Kannibalisierung?

Das haben Sie gesagt.

Sind aber die Eingriffe wirklich so gravierend, dass sie verhindert werden müssen?

Es kommt auf die Summe an. Und die Frage ist auch, wie lange Skifahren noch wo möglich ist. Ich habe gerade eine Schweizer Studie gelesen, aus der sich ergibt, dass Skigebiete, die jetzt noch gut befahrbar sind, das im Jahr 2100 nicht mehr sein werden, wenn die Erderwärmung so weitergeht. Man darf nicht so kurzfristig rechnen, sondern muss sich das auf längere Sicht anschauen.

Aber eine echte Alternative zum winterlichen Massentourismus hat noch niemand gefunden.

Das stimmt. Das ist unbestritten. Das Alpin-Skifahren wird immer die Nummer eins sein. Es braucht keine Alternativen, sondern Ergänzungen. Wenn es heißt, die Menschen wandern ohne Skitourismus ab, ist das im Grunde genommen nicht richtig. Wenn man sich das Tiroler Wipptal ansieht, dann sind dort lauter Seitentäler, die mit Ausnahme des Stubaitals nicht massentouristisch erschlossen sind. Und ich glaube nicht, dass dort die Leute die Täler verlassen haben. Bei manchen Ausbauprojekten wird argumentiert, dass sensible Regionen ohnehin nur mit einer Bahn überspannt werden.

Aber trotzdem ist das eine Beeinträchtigung der Natur. Und es sagen ja auch alle immer, dass sie Pistenkilometer brauchen, siehe den nun geplanten Zusammenschluss Ötztal/Pitztal. Da heißt es: Ohne neuen Pisten rentiert sich das nicht.

Aber die Verbindung der beiden sehr nahen Gletscherskigebiete erscheint doch auch naheliegend?

Der Gletscher ist eine sensible Zone, die in Mitleidenschaft gezogen wird. Und der Großteil der befahrbaren Gletscherflächen in Tirol ist meines Wissens nach ohnehin schon Skigebiet.

Wie werden die Alpen aussehen, wenn es mit den Erschließungen so weitergeht?

Davon kann sich jeder selbst ein Bild machen. Es kommt mir so vor, dass kein Ende in Sicht ist. Das sind zwar immer Einzelprojekte, die von denen, die sie beantragen, aber massiv umgesetzt werden. Das ist aus deren Sicht auch verständlich. Und ich habe nichts dagegen, dass Skigebiete modernisiert werden. Aber ich glaube, dass der Zenit schon erreicht ist.

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