Chronik | Österreich
23.04.2017

Afritz: Schutzmauer wächst, Angst bleibt

In Afritz macht sich wieder Nervosität breit, die Gefahr vor einer neuen Mure ist erst Ende Juni gebannt.

Sie bestehen aus Holz, Ziegeln oder Beton und man sieht sie in Afritz in unterschiedlichen Dimensionen: hüfthoch, mannshoch oder 14 Meter hoch. Schutzmauern sind in der Kärntner Gemeinde, wo vor fast acht Monaten zwei Muren den Ortsteil Kraa überschwemmten, allgegenwärtig. Eine 250 Meter lange Betonwand zum Schutz der gesamten Gemeinde wird derzeit am Mirnock errichtet, jedoch erst Ende Juni fertiggestellt sein.

In der Zwischenzeit bleibt die Angst vor einer weiteren Mure in den Köpfen der Anrainer, wie ein KURIER-Lokalaugenschein zeigt.

"560 Tonnen Eisen und 8000 Kubikmeter Beton werden hier verbaut", sagt der Afritzer Bürgermeister Maximilian Linder (FPÖ) und zeigt auf die halb fertige Mauer am Tronitzer Bach, rund 200 Meter oberhalb von Afritz. Fraglicher Bach hatte Anfang September 2016 rund 50.000 Kubikmeter Geröll in den Ort gespült. Jetzt wird er um 11,4 Millionen Euro (die Kosten teilen sich Bund, Land, die Landesstraßenverwaltung sowie die Gemeinden Afritz und Treffen) mit Konsolidierungssperren, einer Wasserrückhaltesperre und Murenbrechern verbaut. Prunkstück der Sicherheitsmaßnahmen ist aber freilich jene Riesenmauer, die eventuellen weiteren Muren Paroli bieten soll.

Geschützt ist Afritz bis zu deren Fertigstellung nur auf provisorische Art: Riesige Felsbrocken sind hier nach wie vor zu sehen, denn 15.000 Kubikmeter Geröll wurden nie abtransportiert, vielmehr wurden damit provisorische Dämme errichtet. Ob es reines Placebo ist oder tatsächlich schützen würde, weiß niemand. Und will niemand wissen.

Gewittersaison beginnt

In Kraa, dem Zentrum der Katastrophe, gingen einige Bewohner einen Schritt weiter und ließen Mauern hochziehen, um ihre Grundstücke zu schützen. "Im Winter war alles gefroren, es gab kaum Niederschlag. Alle fühlten sich sicher. Jetzt machen sich Nervosität, Ängstlichkeit breit. Rundherum hat’s Hagel gegeben, die Gewittersaison steht vor der Tür", berichtet der Bürgermeister.

"Auch wenn’s nur ein Holzzaun ist – er bleibt weiter stehen", sagt Alfred Summerer und zeigt auf jene Schutzvorrichtung, die er auf dem Grundstück errichtet hat. Seine Familie und er mussten vergangenes Jahr nach der Mure mit dem Hubschrauber geborgen werden. "Ich hoffe nur, dass die Mauer da oben hält", zeigt er Richtung Berg.

"Die Leute haben an der Katastrophe zu knabbern – egal, ob Jung oder Alt", weiß Friedrich Pessentheiner, Filialleiter der Raika in Afritz. Auch hier hat die Mure rund 70.000 Euro an Schaden angerichtet, die Sanierungsarbeiten laufen noch.

"Das Sicherheitsgefühl steigt, weil wir wissen, dass die Verbauung voranschreitet", erklärt Birgit Kahlhofer und ergänzt: "Aber es bleibt ein Gefühl der Ungewissheit. Wenn der erste Starkregen kommt, wird auch die psychische Belastung wieder zunehmen." Werner-Adolf Kowatsch reicht da schon ein Nieselregen. "Bei mir hat das Unglück einen Knacks hinterlassen. Bei jedem Niederschlag gehe ich im Wintergarten auf und ab, kontrolliere den Wasserstand im Bach", erzählt der ehemalige Gemeinderat. Erst wenn die riesige Mauer stehe, werde er sich sicher fühlen. Als Vorsichtsmaßnahme hat er um 13.000 Euro eine private Betonwand hochziehen lassen.

Psychologe vor Ort

Bürgermeister Linder will die Bürger mit ihren Ängsten nicht alleine lassen. "Im Mai bieten wir mit dem Roten Kreuz und Psychologen Termine für die Menschen an. Sie sollen ihre Ängste mit professioneller Hilfe verarbeiten können", sagt er. Die materiellen Schäden in der Höhe von 2,4 Millionen Euro seien durch Versicherungen kaum gedeckt gewesen. Allerdings könnten sie durch Spendengelder, über deren Verteilung ein Zehn-Personen-Komitee entscheide, annähernd beglichen werden.