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Steiermark
06/10/2013

Kriegsfolgenforschung: "Wir können Menschen helfen"

73 Bücher, 100 Konferenzen: 20 Jahre Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung.

von Elisabeth Holzer

Eine Hüftprothese, ein neuer Brunnen, ein paar Utensilien für die Küche: Nachdem die Chefs einer Kalsdorfer Firma entdeckt hatten, dass in ihrem Unternehmen während des Zweiten Weltkriegs ukrainische Zwangsarbeiterinnen schufteten, wollten sie nicht nur pauschal finanzielle Abgeltung leisten. Sondern sie wollten den noch lebenden Frauen individuell helfen.

Über Vermittlung des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz kam der Kontakt in die Ukraine zustande. „Wir können mit dem Werkzeug, das wir als Historiker gelernt haben, nicht nur Wissenschaft machen“, überlegt Institutsleiter und Uni-Professor Stefan Karner. „Sondern da und dort auch Menschen helfen.“

Treffen nach 63 Jahren

Wie Anna Sommer, die eigentlich Marija heißt: Die 85-Jährige wurde 1942 von den Nazis als Zwangsarbeiterin aus der Ukraine verschleppt, unter dem Namen der älteren Schwester. Sie arbeitete auf einem Bauernhof in Keutschach in Kärnten. Nach dem Krieg blieb sie und heiratete. Erst vor zehn Jahren versuchte sie, mit Hilfe der Forscher Kontakt zu ihrer Familie zu bekommen: Nach 63 Jahren traf Sommer ihre Schwester und ihren Bruder wieder.

20 Jahre alt wurde das Forschungsinstitut heuer. Schwerpunkt der Forschung waren Schicksale von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen ebenso wie Österreichs Rolle im Kalten Krieg und Arbeiten zum „Prager Frühling“. 73 Bücher sind entstanden, 14.500 schriftliche Anfragen von Menschen, die nach Familienangehörigen suchten, wurden beantwortet, 100 Konferenzen organisiert.

Die steirischen Forscher waren unter den ersten, die 1993 Zugang zu russischen Archiven bekamen. „Das war ein Glücksfall“, bekennt Karner. „Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und zu erkennen, dass da ein Schatz für die österreichische Zeitgeschichte zu heben ist.“

Aus der Sicht des Kreml

Spannende Themen gehen den Historikern nicht aus. Derzeit wird eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg konzipiert, die 2014 auf der Schallaburg in Niederösterreich zu sehen sein wird. Unter anderem auch mit einem wenig bekannten Aspekt: Österreich-Ungarn war 1918 Besatzungsmacht in der Ukraine. „Da gibt es große Parallelen zum Zweiten Weltkrieg“, schildert Karner. „Das ist kein Ruhmesblatt.“

Außerdem setzten sich die Wissenschafter mit den Entwicklungen in Europa nach 1989 auseinander, allerdings aus dem Blickpunkt des Kreml. „Wir hinterfragen, warum hat Gorbatschow so reagiert, wie er reagiert hat und keine Panzer geschickt?“

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