Chronik | Österreich
01.05.2017

150 Wachebeamte dringend gesucht

Strafvollzug: Ein Anstaltsleiter über das "geheime Leben" hinter Gittern: "Man muss Menschen mögen".

Wer das nächtliche Einschließen (der Gefangenen) mit scharfem "ß" schreibt, 3000 Meter in 909 Sekunden läuft, der Resozialisierung und nicht der Rache als Zweck des Strafvollzuges den Vorzug gibt und noch ein paar andere Hürden nimmt, kommt der Justiz als Wachebeamter wie gerufen. Es werden dringend 150 Kandidaten in ganz Österreich gesucht.

Wobei man rund 800 Bewerber braucht, damit am Ende die benötigte Anzahl übrig bleibt, denn nur 17 bis 18 Prozent schaffen den mehrstufigen Aufnahmetest. Das ist schon ein beachtlicher Fortschritt, bis vor Kurzem betrug die Durchfallquote 93 Prozent.

Probetest

Die Verbesserung ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass man im Internet einen Probetest absolvieren kann. "Dadurch bekommt man ein G’spür, was verlangt wird", erklärt der stellvertretende Leiter der Strafvollzugsakademie, Oberst Walter Kriebaum. Außerdem wurden im Leistungsbereich – und n ur dort – Erleichterungen vorgenommen, nachdem man besondere Schwächen der Kandidaten erkannt hat. Viele gingen schon bei der Test-Anforderung k.o., Synonyme für bestimmte Begriffe zu finden. Also lässt man den Punkt "Wortbedeutung" weg und gibt für andere Fragen zwei Minuten mehr Zeit.

"Hier schlagen sich die Probleme im Schulsystem nieder", sagt Kriebaum: "Dazu kommen die sozialen Netzwerke. Die Leute haben verlernt, sich auszudrücken, die Rechtschreibung hat keine Bedeutung mehr." Und sie wüssten nicht mehr, wie man mit anderen in einen echten Kontakt tritt, wie das Gegenüber reagiert. "Aber das ist in unserem Job besonders wichtig."

Oberst Wolfgang Turner, Leiter der Justizanstalt Korneuburg in NÖ (283 Häftlinge aus 40 Nationen), wünscht sich "g’standene ausgereifte Persönlichkeiten mit einem positiven Menschenbild" für seine Mannschaft.

Letzteres war nicht immer so. 1985, als Turner in der Justiz anfing, "war geheim, was hinter Gefängnismauern passiert." Und es war noch nicht so lang her, dass die Beamten mit den oft in 14-Betten-Zellen rund um die Uhr eingeschlossenen Häftlingen von Gesetz wegen nicht sprechen durften: "Die Insassen waren sich selbst überlassen. Ein Verwahrvollzug." Resozialisierung war damals ein Fremdwort, "und es hat gedauert, bis das in den Köpfen aller Bediensteter angekommen ist."

Heute erzählt Turner gern die Geschichte der Slowakin, die bei ihrer Entlassung aus der modernen Haftanstalt Korneuburg weinte und nach drei Tagen einen Ladendiebstahl beging, um zurückkehren zu können. In den zehn Monaten, die sie nun abzusitzen hatte, schloss sie eine Ausbildung zur Nageldesignerin ab. Später bedankte sie sich brieflich für ihre Anhaltung, sie war heimgekehrt und hatte ein Nagelstudio eröffnet.

Frauen willkommen

Gesucht werden vor allem auch weibliche Justizwachebeamte. "Das Klima ist durch sie besser geworden", sagt Turner im Gespräch mit dem KURIER: "Sogar Insassen mit psychischen Auffälligkeiten haben gegenüber Frauen ein anderes Verhalten."

Turner kennt freilich auch die Schattenseiten des Jobs: "Ständig hinter Gittern zu sein, ist nicht jedermanns Sache, und das Sozialprestige ist nicht das höchste." Dazu kommt die steigende Zahl der Angriffe von Häftlingen gegen Justizwachebeamte. Turner ist noch nie attackiert worden, allerdings hat man seine Kinder bedroht. "Wenn ich dem XY keine Ausgänge bewillige, dann soll ich auf meine Kinder aufpassen, hieß es am Telefon."

Für Turner überwiegt im Job aber die "abwechslungsreiche Arbeit mit Menschen, vom Hilfsarbeiter bis zum Akademiker. Man muss Menschen mögen", sonst sei man hier fehl am Platz.

Aufnahmetest

9052 Häftlinge sind derzeit in 27 Justizanstalten verteilt und werden von 3000 Wachebeamten betreut. Oberstes Ziel ist es, die Insassen auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten. Bis Ende Mai läuft die Ausschreibung für 150 Planstellen, unter http://elan.justiz.gv.at/anv/ kann man probeweise einen Aufnahmetest absolvieren.