Chronik | Österreich
14.07.2013

15 Jahre Lassing: "Gib’ mir mein Buam wieder"

Beim Grubenunglück starben zehn Männer. Die Katastrophe ist heute noch präsent.

Josef Rampler hat damals viele Fotos gemacht, zu Dokumentationszwecken. Anschauen konnte er sie in den 15 Jahren, die seither vergangen sind, nur ein Mal. „Vor drei Jahren. Sonst nie. Es ist emotional viel zu belastend, man hat Freunde verloren.“

Damals, im Juli 1998, war Rampler, Allgemeinmediziner aus Liezen und Feuerwehr-Arzt, einer der ersten Einsatzleiter in Lassing. Aus diesem Einsatz sollten fast sechs Wochen Dauerzustand werden. „Die erste Meldung war, ein Haus droht einzustürzen“, erinnert sich Rampler. „Dass der Georg Hainzl unten ist, hab’ ich erst dort erfahren.“

Sie sind weg

Georg Hainzl, der einzige Überlebende des Grubenunglücks, wohnt auch heute noch in Lassing, mit Frau und Kindern. Medienkontakte lehnt er ab, wie viele Lassinger. Doch zurück zur Katastrophe von Lassing, dem ersten Teil. „Es war dramatisch, aber übersichtlich“, beschreibt Rampler die ersten Stunden und lehnt sich in seinem Sessel zurück. „Am Anfang haben wir noch mit Hainzl telefoniert.“ Es wurde Abend. „Es muss sechs oder sieben Uhr gewesen sein. Hell war es noch. Da hat irgendwer gesagt, zehn Leute sind weg, die Männer sind weg, sie sind weg.“

Sie, das waren neun Kumpel aus dem Lassinger Talkwerk und ein Bauleiter vom Semmering-Sondierstollen, der vom Grubeneinbruch hörte und spontan Hilfe anbot. Die Männer fuhren ein, um zu helfen und zu sichern und kamen nicht mehr wieder: Tonnen von Schlamm brachen in die Grube ein, an der Oberfläche bildete sich ein riesiges Loch.

Lassing: Die Katastrophe im Rückblick

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Das eingebrochene Erdreich, verursacht durch einen…

UNGLUECKSSTELLE

Ein eingestureztes Haus dessen Bewohner nicht verl…

Luftaufnahme des Kraters in Lassing

Grubenunglück bei Liezen (Stmk)

Archivbild - Luftaufnahme des Kraters in Lassing

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK

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ORF

LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK

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LASSING: 10 JAHRE GRUBENUNGLUECK

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SCHWARZABBAU IN LASSING

Bild: Viele Kamerateams und Reporter drängten sich…

ARCHIVBILD GRUBENUNGLUECK LASSING

GEDENKSTAETTE in LASSING

„Schaut’s euch das an, haben wir gesagt. Man hat ja schon bald gesehen, dass sich da was bewegt“, erinnert sich Ewald Bauer. Er war Einsatzleiter beim Roten Kreuz in Lassing. „Aber die Leut’ sind immer noch eingefahren.“

Großer Schmerz

Sie liegen auch heute noch in der Tiefe, ihre Körper wurden nie geborgen. Dort, wo Tonnen von Schlamm und Wasser absackten, wurde eine Gedenkstätte errichtet, angelegt wie ein kleiner Friedhof: zehn Grabsteine im Kreis, in der Mitte eine Laterne. Es war großer Mut. Es ist großer Schmerz. Er wird nie vergessen werden, mahnt eine blau-weiße Tafel davor.

Nach dem weiteren Grubeneinbruch begann der zweite Teil der Katastrophe. „Da war so ein Wirbel“, schildert Rampler. „Dann haben wir begonnen, eine Einsatzleitung aufzubauen. Aber wir haben auch nicht wirklich gewusst, wo, weil wir nicht gewusst haben, wie groß dieses Loch wirklich ist.“ Die psychologische Hilfe für Angehörige von Unglücksfällen steckte damals auch noch in den Kinderschuhen: Familienmitglieder der Opfer saßen unter Journalisten bei anfangs improvisierten Pressekonferenzen und mussten hören, wie die Einsatzleitung ihre Männer, Söhne und Väter aufgab. Es gab Kompetenzstreitereien zwischen den Behörden um Bergegeräte oder Druckluftkammern. Das Medieninteresse überforderte viele, auch offizielle Kräfte.

Dazwischen bangten die Familien um die Bergleute. „Die Leut’ haben zu mir gesagt: Doktor, gib’ mir mein Buam wieder“, erinnert sich Rampler.

Der Talkabbau ist längst stillgelegt, in der Barbarakapelle hängen Fotos der zehn Männer. Sowohl Rampler als auch Bauer haben die Ereignisse noch präsent. „Weil es extrem belastend war, für uns alle“, sagt Bauer. „Da sind zehn Männer gestorben, der Einsatz war lang. Damals hat ja keiner daran gedacht, dass auch jemand mit uns drüber reden hätte sollen.“

Kamera stieß nur auf Schlamm

Es beginnt mit einer Verkehrsmeldung: Die Landesstraße bei Lassing sei gesperrt, weil bei einem Bergwerk eine Grube eingebrochen wäre ...

17. Juli 1998 Georg Hainzl, 24, wird um 11.45 Uhr in 60 Meter Tiefe eingeschlossen. Kumpel fahren in die Grube, um zu sichern und zu suchen. An der Oberfläche bilden sich Risse, ein Krater entsteht und füllt sich mit Wasser. Die Straße bricht weg, zwei Häuser versinken. Dann um 22 Uhr die Nachricht: Weitere zehn Bergleute sind verschüttet, sie waren in 140 Meter Tiefe.

18. bis 25. Juli 1998 Sondierungsbohrungen ergeben keine Hinweise auf Überlebende, die Arbeiten stehen vor dem Abbruch.

26. Juli 1998 Eine der letzten Bohrungen stößt früher als erwartet durch und erreicht Georg Hainzl. Das „Wunder von Lassing“ ist passiert: Der Bergmann lebt.

14. August 1998 Hainzls Rettung macht Angehörigen und Helfern Hoffnung, doch sie werden enttäuscht. Um 21.30 Uhr startet die letzte Kamerafahrt durch einen Sondierungsstollen das Bild zeigt nur Schlamm.

17. August 1998 Die Rettungsarbeiten werden offiziell eingestellt.

10. April 2000 Der Plan, die zehn Todesopfer zu bergen, wird endgültig aufgegeben.

28. Juni 2000 Ex-Werksleiter und Ex-Berghauptmann werden wegen fahrlässiger Gemeingefährdung verurteilt. Am 20. März 2003 sind die Urteile rechtskräftig: Zwei Jahre Haft, davon acht Monate unbedingt, für den Werksleiter, sechs Monate bedingt für den Berghauptmann. Im Prozess hört man, dass der Abbau zu nahe am Talgrund erfolgte und 1998 der Großteil der Abbaufläche keine Genehmigung hatte.

25. Mai 2002 Die Gedenkstätte wird eingeweiht.