Chronik | Oberösterreich
01.02.2015

"Wie finanzieren wir das alles?"

Steigende Kosten für Pensionen, Pflege und Gesundheit – Gleichzeitig belasten Altschulden.

Wenn jemand auf Wahlplakate schreibt, die Pensionen sind sicher, dann sollte man ihn auslachen." Helmut Kramer, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes von 1981 bis 2005 und nun Vorstand der Plattform für interdisziplinäre Altersfragen, übt scharfe Kritik an der Politik. Vor allem am Sozialministerium. Minister Rudolf Hundstorfer hatte kürzlich gesagt, die Perspektive bis 2060 sei kein Problem, es seien lediglich vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zusätzlich notwendig, um die Pensionen abzusichern. "Diese Aussage ist oberflächlich", so der 75-jährige Kramer bei Symposium Generationenpolitik in Oberösterreich, das kürzlich auf Einladung der Academia Superior in der Astner Firmenzentrale von Backaldrin stattfand.

Herausforderung 2030

"Es geht nicht um 2060, es geht um das Jahr 2030", argumentiert Kramer. Bis 2030 seien eine Reihe von Aufgaben zu bewältigen: Die Finanzierung der Pensionen, der Pflege und steigende Gesundheitskosten. Diese würden nicht allein wegen der zunehmend älteren Menschen steigen, sondern die Medizin werde teurer und leistungsfähiger. "Zur gleichen Zeit müssen wir die Staatsschulden reduzieren. Es wird mindestens 15 Jahre dauern, um den Schuldenstand von derzeit 85 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 60 Prozent zu senken." Dazu kämen noch zwei weitere Entwicklungen. Während die Menschen in der Vergangenheit in einem Gefühl der Sicherheit gelebt hätten und das Heer abgebaut worden sei, würden nun Sicherheitsprobleme auftauchen. Das zweite, neue Phänomen sei die Klimafrage. "Wir haben viele Dinge, die mehr kosten als in der Vergangenheit. Die Frage ist, wie finanzieren wir das alles gleichzeitig? Was passiert, wenn der Staat kleinere Einkommen bemerkenswert stärker belasten muss? Weichen die Menchen dann in die Schattenwirtschaft aus oder gehen sie in die innere Emigration?"

Kramer meint, dass nicht nur die Bundesregierung für die alternde Gesellschaft zuständig ist, sondern alle Ebenen. Auch die Länder, die Gemeinden, die kleinen Einheiten und die Verwandtschaft. Früher sei die Altersvorsorge Aufgabe der Kinder gewesen. Es gebe heute schon viele Projekte in Gemeinden. Der Ausgleich der Generationen bestehe nicht nur in Finanz- und Vermögenstransfers, sondern auch in Dienstleistungen zwischen den Generationen.

Zeitbanken und -konten

Johannes Brandl, Leiter der SPES Akademie in Schlierbach, präsentierte Beispiele, wie Gemeinden mit wenig Geld den Generationenvertrag bewältigen. Sein Motto lautet: Vom Finanzkapital zum Sozialkapital. Er nannte die deutsche Gemeinde Eichstetten am Kaiserstuhl. Ein anderes Beispiel sei die Einrichtung von Zeitkonten, bei denen jeder das anbiete, was er gut könne. Der eine mäht kostenlos den Rasen, während der andere im Gegenzug die Hemden bügelt.

Michael Strugl, Obmann von Academia Superior, sieht die Lösungsansätze in einer Kombination von teilweise unpopulären Maßnahmen: längeres Arbeitsleben, mehr Zuwanderung, bessere Kinderbetreuungseinrichtungen, mehr Frauen in der Arbeitswelt, lebenslanges Lernen und wirtschaftliche Anreize, um die Menschen länger im Erwerbsleben zu halten.