Chronik | Oberösterreich
14.01.2012

Viele Männer sind Leichtgewichte

Der Grüne Landesrat Rudi Anschober bricht eine Lanze für Eva Glawischnig und macht die Männer für die Krisen der Welt verantwortlich.

Rudi Anschober (51) ist seit 2003 Mitglied der Landesregierung. Von 1990 bis 1997 saß der Grüne im Nationalrat, von 1997 bis 2003 im Landtag.

KURIER: Ich wünsche mir so manches Mal Alexander van der Bellen an die Spitze der Grünen zurück. Geht es Ihnen nicht auch so?

Rudi Anschober: (lacht) Nein, mir geht es nicht so. Van der Bellen ist ein guter Freund, Eva Glawischnig ebenfalls eine gute Freundin. Sie macht das hervorragend, obwohl der Übergang kein einfacher war. Van der Bellen hat die Grünen auf seine Art geprägt und ihr Spektrum erweitert. Glawischnig ist die nächste Erweiterungsstufe. Sie hat meine volle Unterstützung. Wenn es da oder dort so billige Kritik und Zurufe aus der Region gegeben hat, ist das nicht unsere Sache. Wir reden uns das aus, es gibt eine sehr gute Teamarbeit. Mit Stefan Wallner gibt es auch eine sehr starke Bundesgeschäftsführung. Der Vorbereitungsprozess für die Wahl 2013 läuft sehr gut. Wir haben die Chance eine Regierungsbeteiligung zu erreichen.

Ist Glawischnig nicht ein politisches Leichtgewicht?

So eine Formulierung halte ich für frauenfeindlich, weil es kein Zufall ist, dass solche Formulierungen einer Frau gegenüber getätigt werden. Bei Männern höre ich das viel seltener, obwohl sehr viele Männer ziemliche Leichtgewichte sind. Wenn wir uns die großen Krisen in Österreich und in der Welt anschauen, dann waren es die Männer, die uns in diese Zustände gebracht haben.

Mit Frauen an der Spitze wird die Welt besser?

Das muss nicht unbedingt sein, aber ich halte von einer gleichberechtigten Vertretung von Frauen sehr, sehr viel. Das ist auch ein Schritt zu einer vielseitigeren Politik, weil Frauen oft andere Zugänge haben als Männer.

Die Grünen haben sich den Altparteien angenähert. Abgeordnete wie Peter Pilz oder Karl Öllinger sitzen schon viele Jahre auf ihren Mandaten. Man glaubt es kaum, dass es bei den Grünen einmal ein Rotationsprinzip gegeben hat.

Wenn man von einem Peter Pilz immer dasselbe hört, ist das positiv, denn es gibt keinen Zweiten, der so viele Skandale aufgedeckt hat wie er. Jetzt gemeinsam mit Gabi Moser. Wir sind auf einem sehr guten Weg, im heurigen Jahr diese Serie von Korruptionsfällen aufzudecken. Damit sich dieser Mief und die Korruption aus der Zeit der schwarz-blauen Koalition nicht wiederholt. Wichtig ist die Mischung aus Bewährtem und Neuem. Bei der Nationalratswahl 2008 haben wir unser Parlamentsteam zur Hälfte ausgetauscht.

Die Grünen lehnen den Linzer Westring ab. Sollen die Einpendler aus dem Bezirk Rohrbach zu Fuß oder mit dem Rad nach Linz anreisen?

Die Alternative in allen Großstädten in Europa ist ein attraktives öffentliches Verkehrsangebot. Damit man schneller und preisgünstiger zum Arbeitsplatz kommt.

Dieses Angebot gibt es nicht. Was soll der Pendler aus Ulrichsberg oder Julbach machen?

Das ist genau das Problem, dass es an öffentlichen Verkehrsmitteln mangelt. Im ländlichen Raum hat ja das Auto seine Berechtigung. Es wird in Richtung Elektromobilität gehen. Aber diese einseitige Fixierung auf die Straße ist keine Perspektive und hat keine Zukunft. Wir zahlen beim Westring für 4,5 km Straße 700 Millionen Euro. In Zeiten, wo überall gespart wird, muss es hier eine Verschwendungsbremse geben. Dieses Geld soll in eine Ausbauoffensive für den öffentlichen Verkehr investiert werden. Wir könnten mit den 700 Millionen ein S-Bahn-Netz für den Großraum Linz schaffen. In Schweizer und in deutschen Städten benutzen 30 bis 45 Prozent öffentliche Verkehrsmittel. Weil sie attraktiv sind. Wir in Linz haben 17 Prozent. Diesen Anteil könnten wir verdoppeln. Damit würden sich auch die Staus auf den Straßen auflösen. Derzeit zwingt die Politik die Pendler ins Auto. Ich will Wahlfreiheit.

Sie sprechen von einem S-Bahn-System. In Großraum Linz ist aber der Ausbau der Straßenbahnen geplant.

Das S-Bahn-Netz ist langfristig die spannendere Alternative. Denn die Frage ist, wie rasch kann ich mit einer Straßenbahn eine Region erreichen? Die Zeitfrage ist im Wettbewerb mit dem Auto eine mitentscheidende.

Die Grünen sind autobahnfeindlich. Sie sind gegen den Westring und gegen den dreispurigen Ausbau der Innkreis-Autobahn.

Dass der dreispurige Ausbau nicht kommt, haben wir gemeinsam mit Franz Hiesl beschlossen.

Auf Ihren Druck hin. Hiesl sagt, er ist Landesrat für den Straßenbau und nicht für die Straßen-Verhinderung.

Tatsache ist, dass wir es gemeinsam beschlossen haben. Wir können die Probleme nicht lösen, indem wir die Straßen immer breiter machen. Eine Konsequenz ist, dass wir ständig steigende Feinstaubwerte haben und dass die Kinder gesundheitliche Probleme bekommen. Wir müssen lernen, dass jetzt der öffentliche Verkehr ausgebaut werden muss. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung hat kein Auto. Das, was in der Schweiz machbar ist, müssen wir doch auch schaffen.

Wie geht es Ihnen mit Ihrem Koalitionspartner ÖVP?

Die Bundes-ÖVP ist in einem katastrophalen Zustand. Die Kooperation auf Landesebene ist korrekt. Es herrscht eine Kultur der Zusammenarbeit. Das unterscheidet Regierungen mit grüner Beteiligung von jenen ohne Grüne. Das werden wir im Wahlkampf sichtbar machen. Die Zusammenarbeit ist ein tägliches Ringen, aber das ist normal. Es bewegt sich in die richtige Richtung.

Wo merkt man die Handschrift der Grünen?

Ohne Grüne hätte es nie eine Energiewende gegeben, es hätte keine Joboffensive für 38.000 grüne Arbeitsplätze gegeben. Grüne Technologien sind die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Es würde ohne Grüne keine Einspar- und Effizienzprogrogramme im Energiebereich geben. Oberösterreich ist hier inzwischen eine Modellregion in Europa.

FP-Obmann Manfred Haimbuchner kritisiert, es werde im Bereich der Alternativenergien zu viel und zu lange gefördert.

Er will mit allen Mitteln, das Rad der Zeit, das wir vorangetrieben haben, zurückdrehen. Er will zurück in die 1960er-Jahre. Ein Zurückschrauben der Standards hätte das bedeutet, dass man Wohnen teurer macht. Mittelfristig erspare ich mir mit energetischen Standards Energiekosten. Sozialer Wohnbau ist inzwischen ökologischer Wohnbau.

Steckt hinter dem Konflikt mit Haimbuchner nicht auch die Auseinandersetzung, wer nach 2015 Koalitionspartner der ÖVP wird?

Wir haben in Oberösterreich das Proporzsystem, das ich für völlig falsch erachte. Das war ein gutes Modell in der Zeit des Wiederaufbaus, aber man muss es demokratiepolitisch modernisieren. SPÖ und FPÖ lehnen die Abschaffung leider ab. Wir wollen hier politischen Druck machen. Ich denke noch nicht an die nächste Wahl, es stehen noch dreieinhalb Jahre viel Arbeit an.

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