Chronik | Oberösterreich
06.01.2018

"Unflexibler und teurer"

Der Obmann der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse warnt vor der von der Regierung geplanten Kassenfusion.

Der Metallgewerkschafter Albert Maringer (43) ist Obmann der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse. 2016 hat diese bei Ausgaben von 2,2 Milliarden Euro einen Bilanzgewinn von 18 Millionen erwirtschaftet. Sie verfügt über Rücklagen von 503 Millionen Euro.

KURIER: Sie werben auf Plakaten, es sei gut bei der oberösterreichischen Gebietskrankenkasse zu sein. Warum soll das gut sein?

Albert Maringer: Wir geben unseren Versicherten Sicherheit. Jeder erhält seine Leistungen. Wir haben sehr gute Versorgungsstrukturen. Wir hatten bereits Primärversorgungszentren, bevor es dafür ein Gesetz gab.

Es gibt sie in Enns und in Haslach.

Haslach ging am Dienstag in Betrieb. Es gibt noch eines in Marchtrenk. Wir wollen gemeinsam mit den Ärzten, den Bürgermeistern und dem Land Oberösterreich weitere einrichten. Wir wollen der Bevölkerung nicht ihren Hausarzt wegnehmen, sondern Regionen besser betreuen. Deshalb bieten sich Städte bzw. Orte mit einem größeren Einzugsgebiet an. Die Effizienz soll verbessert werden.

Die Öffnungszeiten sind auch längere.

Und es arbeiten unterschiedliche Gesundheitsberufe zusammen. Es geht um Behandlungen aus einem Guß. Wir streben ein Primärversorgungsnetzwerk an. Es soll an Mehr an Service und Behandlungsqualität geben. Nicht nur in einem Haus.

Die oberösterreichische Gebietskrankenkasse wirtschaftet sehr positiv.

In den 1990-er Jahren waren wir österreichweit das Schlußlicht. Es zeichnet unser Haus aus, dass wir einen Dreiklang zusammenbringen. Gesunde Finanzen, eine gute Versorgung für die Versicherten und eine Kommunikation auf Augenhöhe mit den Vertragspartnern.

Sie erwirtschaften Gewinne, die Wiener ein Defizit. Ein wesentlicher Diskussionspunkt in der von der Regierung geplanten Reform ist, dass die Gewinne von Oberösterreich nach Wien transferiert werden.

Ich stehe dazu, dass es einen Ausgleich geben muss, denn es gibt wirtschaftlich schwächere Räume.

Wien ist wirtschaftlich doch nicht schwächer?

2008 hat die Wiener Gebeitskrankenkasse ein negatives Vermögen von 600 Millionen Euro gehabt. Heute stehen alle Gebietskrankenkassen so gut da wie noch nie.

Weil es neue Rekorde an Beschäftigten gibt und deshalb so viele einzahlen.

Die Kollegen der steirischen Gebietskrankenkasse schauen sich derzeit jeden Vertrag und die gesamte Struktur an. Diesen Prozeß hatten wir bereits vor einigen Jahren. In Oberösterreich hat die Ärztekammer verstanden, dass wir nur das Geld ausgeben können, das wir einnehmen.Wir schauen, dass jeder Versicherter zu seiner Leistung kommt, dass er aber nur die Leistung erhält, die er wirklich benötigt. Das unterscheidet uns.

Kürzlich wurde ich von einer Dame angesprochen, die wissen wollte, warum ihr Freund in Wien die Brille von der Kasse bezahlt bekommt, sie aber in Oberösterreich nicht.

Die Frage ist, bei welcher Versicherung er ist. Die Gebietskrankenkasse hat im vergangenen Jahr in der Vereinheitlichung der Leistungen einen großen Schritt gemacht.

Aber es gibt doch noch immer unterschiedliche Leistungen?

Sie ergeben sich aus dem Vertragsrecht, zum Beispel mit der Ärztekammer oder mit den Physiotherapeuten. Hier kann es sein, dass man unterschiedliche Leistungen einkauft. Der Gesetzgeber erlaubt unterschiedliche Leistungen, wenn man es sich leisten kann. Aber 98 Prozent der Leistungen sind gleich. Ob sie an allen Orten gleich erbracht werden, muss man hinterfragen. Denn eine Stadt hat eine andere Struktur wie ein Flächenbundesland.

Der siebente Wiener Gemeindebezirk hat eine andere Struktur wie der Bezirk Gmunden.

Hier muss man regionalisieren.

Die regionale Gliederung der Gebietskrankenkasse macht also Sinn, weil die Strukturen unterschiedlich sind. Die Reigerung glaubt aber, dass durch eine Zentralisierung Verwaltungskosten eingespart werden können.

Die großen Tanker in der österreichischen Versicherungslandschaft sind mit 6,8 Millionen Versicherten die Gebietskrankenkassen. Dann gibt es die Bundesträger wie die Sozialversicherung der Bauern, der gewerb lichen Wirtschaft, der Beamten und der Eisenbahner. Das sind ca. 2,1 Millionen Versicherte. Die oberösterreichichische Gebietskrankenkasse hat allein 1,2 Millionen Versicherte. Die größten Leistungsunterschiede gibt es zwischen den neun Gebietskrankenkassen und den Bundesträgern. Weil sie andere Risiken drinnen haben. Beamte haben ein geringeres Risiko von Arbeitslosigkeit betroffen zu werden. Bildungsferne Schichten haben weniger Gesundheitskompetenz als Akademiker. Bei weniger Risiko kann man bessere Leistungen anbieten.

Es gibt 15 verschiedene Krankenfürsorgen, die in den Ländern angesiedelt sind. Über deren Zusammenlegung diskutiert niemand. Es wird eigentlich nur über die Fusion der neun Gebietskankenkassen diskutiert.

Was spricht für die Beibehaltung der derzeitigen Struktur?

Einer der wesentlichen Vertragspartner ist die Ärztekammer, die dezental aufgestellt ist. Ein weiterer wesentlicher Partner ist das Land Oberösterreich, bei dem auch die Zuständigkeit für die Spitäler liegt. Wenn man nun einen Bundesträger einführt, wie dies die Regierung plant, muss dieser zukünftig mit den neun Ländern diskutieren.

Die derzeitige dezentrale Struktur erlaubt flexiblere Lösungen?

Genau. Wir haben deshalb viele Lösungen zustande gebracht, weil sich die handelnden Personen kennen. Mir bereitet ein nicht besetzte Arztstelle mehr Kopfzerbrechen als einem Beamten in Wien. In Oberösterreich sind neun Allgemein-Mediziner-Stellen offen.

Bringt eine österreichweite Zusammenlegung Einsparungen in der Verwaltung?Wird sie billiger und sind damit mehr Leistung für die Versicherten möglich?

Elias Mossialos, Autor der Studie der London School of Economics über die Sozialversicherungen, hat festgestellt, dass wir in der Verwaltung wirklich gut sind.

Wie hoch sind ihre Verwaltungskosten?

3,7 Prozent. Das sind rund 2000 Beschäftigte.Er hat die hohe Qualität unserer Gesundheitsleistungen gewürdigt. Er hat uns ein gutes Zeugnis ausgetellt. Deutschland liegt bei denVerwaltungskosten mit vier Prozent über den unseren. Durch eine Fusion wird die Verwaltung teurer. Das wurde in Deutschland deutlich, wo eine große Kassenfusion stattgefunden hat. Der Rechnungshof hat dort festgestellt, dass es teurer geworden ist.

Eine Fusion würde eine Verschlechterung bringen?

Jedes Geld, das wir in derVerwaltung mehr brauchen, geht uns in der Versorgung ab. Dass Zusammenlegungen die Verwaltung verteuern, hat man am Beispiel der Fusion der Pensionsversicherung der Arbeiter und Angestellten gesehen. Die Verwaltung ist teurer geworden. Ab einer gewissen Größe wird es einfach teurer, weil man zusätzliche Strukturen einführen muss. Es geht auch die Flexibilität verloren. Man kann auf die Lebensumstände in den Regionen nicht mehr so eingehen, es gibt keine maßgeschneiderte Angebote mehr.