Chronik | Oberösterreich
05.12.2011

"Skoblicki soll in Polen bleiben"

Der 87-jährige Priester Josef Kammerer über die Drogensüchtigkeit der Kirche, den Panzer an der Spitze und die Zukunft der Gemeinden

Josef Kammerer wird am 8. Jänner 87 Jahre alt, doch im Herzen ist er jung geblieben. Seit 61 Jahren ist er römisch-katholischer Priester. Was er über seine Heimatpfarre Kopfing und die Kirche denkt, sagt er im Interview mit dem KURIER.

KURIER: Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Vorgänge in Ihrer Heimatpfarre Kopfing sehen?
Josef Kammerer: Es ist einem nicht egal, was in der Heimatpfarre geschieht. Die Pfarre ist zutiefst gespalten. Diese Polarisierung geht in die Familien hinein. Pfarrer Andrzej Skoblicki hat noch zu wenig seelsorgliche Erfahrung. Jeder Pfarrer weiß, dass er für alle da sein muss. Das ist das Grundprinzip. Er ist nur für eine Seite da und die machen vielleicht 20 Prozent aus, wenn es viele sind. Die anderen 80 Prozent ziehen sich zurück. Das ist sehr tragisch.
Ich war überrascht, als der Bischof Skoblicki als Pfarrer entpflichtet hat. Das war zwar hart, aber es war die bessere Lösung. Als der Bischof seine Entscheidung zurücknahm, habe ich gemerkt, dass da andere Kräfte dahinterstecken. Die Lage ist eskaliert. Der Bischof hat nicht mehr gewusst, was er tun soll. Er ist liebenswürdig, aber er hat keine Standfestigkeit. Er hat diesen Konservativen, die im Internet sehr aktiv sind und gute Verbindungen nach Rom haben, nachgegeben. Diese Vernaderung ist furchtbar und zutiefst unchristlich. Unchristlich ist auch das Verhalten jener, die die Vernaderungen annehmen. Das ist eine Gefahr für das Leben in den Pfarren. Die Kirche lebt in den Pfarren.

Wie soll nun die Lösung für Kopfing aussehen?
Die beste Lösung wäre, dass Skoblicki in Polen bleibt. Er wird dort sicher eine Beschäftigung finden. Eine Lösung mit ihm ist in Kopfing nicht mehr möglich, sie ginge zu Lasten der Pfarrgemeinde. Es sind zu viele Wunden geschlagen worden. Da wäre es noch besser, wenn Skoblicki in einer anderen Pfarre neu anfangen könnte.

Sie wurden 1950 zum Priester geweiht. Sie haben auch viele Päptse miterlebt: Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. und jetzt Benedikt XVI.
Die Wahl von Johannes XXIII. 1958 war für uns ein Schock. Da wurde ein beleibter Mann zum Papst gewählt. Aber er hat uns wirklich begeistert. Er war ein bescheidener Mann des Volkes und hat den Mut gehabt, ein Konzil einzuberufen. Jetzt liegt es an uns, dass wir dieses II. Vatikanische Konzil weiterführen.

Johannes XXIII. starb 1963 an Magenkrebs. Es folgte Paul VI.
Paul war ein liebenswürdiger Mensch. Aber er hat 1968 mit der Anti-Baby-Pillen-Enzyklika humanae vitae einen Kardinalfehler gemacht. Es kam zum Bruch zwischen Volk und Kirche Bis dahin stand das Volk voll hinter der Kirche. Aber 1968 haben die Menschen gemerkt, die Kirchenleute verstehen die Dinge nicht. Sie mischen sich in praktische Dinge der Eheführung ein.

Dann kam der 33-Tage- Papst Johannes Paul I.
Er ist sehr bald gestorben, aber er war volksnahe. Es kam dann Johannes Paul II., der über große schauspielerische Talente verfügte. Sein historisches Verdienst war sein Beitrag zum Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa.
Er konnte sehr gut mit den Massen umgehen, aber er war total konservativ und er hielt nicht viel von Mitbestimmung. Die Bischofsernennungen von Kurt Krenn und Hans Hermann Groer haben der österreichischen Kirche sehr geschadet. Das einzige Kriterium bei den Bischofsernennungen war, das sie konservativ waren. Aber wir brauchen Menschen, die mit dem Volk sind. Das II. Vatikanische Konzil hat die Ortskirche herausgehoben. Die Bischöfe sind aufgewertet worden. Heute sind sie nur mehr Befehlsempfänger von Rom. Ich beneide heute keinen von ihnen. Sie haben ihre Eigenständigkeit verloren, sie sind nur mehr Vollzugsorgane. Bischof Ludwig Schwarz ist sehr unter Druck. Das ist ungut.

Josef Ratzinger ist Johannes Paul II. nachgefolgt.
Er war immer ein Panzer. Es gibt überhaupt keine Bewegung mehr. Sein Pontifikat ist ein Rückschritt geworden. Aber die Kirche lebt nicht in den Tintenburgen da oben, sondern in den kleinen Gemeinden. Da ist viel Gutes geschehen. Auch in der Diözese Linz. Die Stärke der Kirche heute sind die kleinen Leute. Das Jammern bringt uns nicht weiter. Wir müssen die Menschen im Positiven stärken.

Es gibt mit der Pfarrerinitiative eine neue Protestbewegung, die zum Ungehorsam aufruft.
Man muss an die Dinge mit Klugheit herangehen. Ich würde von Reform reden und nicht von Ungehorsam, wie das Helmut Schüller macht.
Die Frage der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion ist doch in den Pfarren keine Frage mehr, sondern sie wird praktiziert. Es wird heute schon viel von dem Guten des II. Vatikanischen Konzils gelebt. Die Kirche lebt in den kleinen Menschen. Wesentlich ist das Evangelium, nicht der Kirchenkommentar da und dort. Wir müssen den Geist des Evangeliums leben, wir müssen zurück zum Wesentlichen. Die Gleichstellung der Frau ist wichtig, die Kirche lebt vom Engagement der Frauen. Als erster Schritt sollte das Diakonat für Frauen eingeführt werden.

Das Kardinalskollegium, das den nächsten Papst wählt, ist ausschließlich mit Konservativen besetzt. Das lässt nichts Gutes hoffen.
Wenn die Kirche in der ihrer Geschichte nur von Menschen geleitet worden wäre, wäre sie schon längst zugrunde gegangen. Kardinal König hat einmal gesagt, es ist eigentlich ein Wunder, dass es die Kirche angesichts ihrer Geschichte noch gibt.
Wir müssen die kleinen Leute in der Kirche sehen, die ihre Dienste machen. Ich spreche hier immer von einer gewissen Drogensüchtigkeit in der Kirche, es gibt zu viel Weihrauch, zu viel Klerikalismus. Es ist furchtbar, wenn sich manche in der Kirche so erhaben fühlen. Wir sind ja Diener.

Was bedarf die Kirche heute?
Wir dürfen uns von oben nichts erwarten. Wir müssen die Kirche unten präsent machen. Wir müssen unten versuchen, das Evangelium zu leben. Das ist nicht so leicht. Wir sollten auf die Kinder und die Jugend setzen. Sie sind die Geschenke Gottes. Sie brauchen Zuspruch und Visionen für die Zukunft. Wir müssen auch auf den Heiligen Geist vertrauen, dass er uns neue Wege zeigt. Die Zeit geht nach vorne. Wenn wir stehen bleiben, gehen wir automatisch zurück.

Ein Leben für die kleinen Leute

Trotz seiner 87 Jahre steht Josef Kammerer täglich um fünf Uhr Früh auf und fährt von seiner Wohnung in Wels-Neustadt mit dem Bus in das Altenheim "Bruderliebe" der Kreuzschwestern in der Herrengasse, wo er um 6.30 Uhr die Messe liest. Kammerer ist am 8. Jänner 1925 in Kopfing, Engertsberg 3, geboren. Er hat vier Geschwister. Sein Bruder, der den elterlichen Hof übernommen hatte, verunglückte 1969 bei einem Traktorunfall. Die Stationen seines Pfarrerlebens waren Lenzing, Trimelkam/Riedersbach, Stroheim, neuerlich Lenzing und Waldneukirchen. 2003 ging er 78-jährig in Pension. Seither lebt er in Wels.