Johannes Fellinger (2.v.li.) im Rollenspiel mit Bewohnern der "Lebenswelt"

© Josef Leitner

Chronik | Oberösterreich
07/08/2019

Sich in Rolle des anderen versetzen

Johannes Fellinger hat in Schenkenfelden eine „Lebenswelt“ für beeinträchtigte gehörlose Menschen geschaffen

Das Gerstl-Haus im Mühlviertler Markt Schenkenfelden ist einzigartig. Nicht nur, dass ein Besuch in der darin untergebrachten, 100 Jahre alten „k.u.k. Telephon-Sprechstelle“, der kaiserlich-königlichen Tabak-Trafik sowie der historischen Krämerei zum Eintauchen in die Geschichte einlädt. Es ist der zweite Teil des Hauses, den der Eigentümer Johannes Fellinger einem ganz besonderen Zweck gewidmet hat, nämlich einer Arbeits- und Wohnstätte für gehörlose Menschen mit Mehrfachbeeinträchtigung und taubblinde Menschen.

 

Fellinger ist Primar am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz und Vorstand des Instituts für Sinnes- und Sprachneurologie. „In Österreich sind mehr als 20.000 Menschen schwerhörig oder ertaubt. Sie sind von der normalen Gesellschaft ausgeschlossen und können sich daher nicht in der gleichen Art und Weise wie andere entwickeln.“

 

Ein Besuch in der „Lebenswelt“, wie Fellinger dieses Haus bezeichnet, bringt beeindruckende Erlebnisse. Im ehemaligen Pferdestall, jetzt ein einladender Gewölberaum, haben sich etwa 20 „Gäste“ und mehrere Betreuer eingefunden. Kommuniziert wird ausschließlich in Gebärdensprache. Was wir jetzt erleben, ist eine Kombination aus geselligem Beisammensein, Kommunikationstraining und spiritueller Befruchtung. Hauptthema ist die Geschichte, die nächsten Sonntag in den katholischen Kirchen im Sonntagsevangelium verkündet wird.

Rolle des anderen

Fellinger illustriert das Thema mit selbst gezeichneten Bildern auf einer Tafel und lädt mehrere Teilnehmer ein, verschiedene Rollen dieser Geschichte einzunehmen. So kann sich der Einzelne aus seiner eigenen gehörlosen und einsamen Welt in eine andere Rolle versetzen. „Wesentlich ist, eine andere Perspektive einzunehmen. Ein Kind lernt das normalerweise mit drei bis vier Jahren, indem es anderen Menschen zuhört und so andere Meinungen kennenlernt. Die meisten unserer Bewohner haben das nicht gelernt, weil die Eltern nicht mit ihnen sprechen konnten. Der Perspektivenwechsel in dieser Geschichte regt die Bewohner dazu an, sich zu überlegen, was denkt der andere. Genau das soll dann in den Alltag übertragen werden.“

Segen in der Gebärdensprache

Es ist beeindruckend, als ein schwer beeinträchtigter Mann im fortgeschrittenen Alter in der Rolle des Jesus in Gebärdensprache den Anwesenden den Segen gibt. Zum Abschluss wird ein Lied in Gebärdensprache gesungen. Ein besonderes fast lautloses gemeinschaftliches Erlebnis. „Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen. Er braucht andere Menschen, um sich selbst zu entfalten. Die beste Zweierbeziehung erschöpft sich, wenn sie isoliert von anderen stattfindet. Gerade für Menschen mit Hörbehinderung ist eine gezielte Förderung und Begleitung wichtig“, so Fellinger.

20-Jahr-Feier am 11. Juli

Anschließend stellen die Bewohner in ihren Werkstätten liebevoll bemalte Tongefäße, exakt geflochtene Körbe und andere Produkte her. Am Donnerstag, 11. Juli feiert die „Lebenswelt“ den 20. Geburtstag und freut sich auf Besucher.

Autor: Josef Leitner