Chronik | Oberösterreich
12.11.2017

Schüler und Lehrer einbinden

Durch die Einbeziehung der Nutzer sollen Lernräume auf höhere Standards gehoben werden.

Der Unterricht, den wir aus der Nachkriegszeit kennen, zerbröselt zunehmend. Grund ist die Heterogenität der Schüler. Die einen haben migrantischen Hintergrund und kommen aus aller Herren Länder, die einen sprechen gut Deutsch, die anderen schlecht, die einen sind katholisch oder evanglisch, die anderen muslimisch oder haben einen anderen Glauben. Die Folge: "Man muss laufend kleinere Gruppen von Kindern, drei bis zehn, quer aus den Klassen herausnehmen und mit ihnen etwas Besonderes machen. Man bräucht daher mehr Räume und Räumchen als bisher", erläutert Michael Zinner, Archtekturprofessor an der Kunstuniversität Linz.

Mehr Räume

Er nennt ein Beispiel. "Am Ende der fünften Stunde steht der muslimische Lehrer an irgendeiner Stelle in der Schule und wartet, dass die Schüler aus den verschiedenen Klassen zu ihm kommen. Wenn ein Gebäude nur eine Gangschule mit zwei Ecken rundherum ist, kann der Lehrer keinen Ort angeben, wo ihn die Schüler sehen und er kann damit seiner Aufsichtspflicht nicht nachkommen. Die Gebäude brauchen Blickbeziehungen, damit man optimal arbeiten kann. Um das vertehen, muss man Einblick in die Schulen haben."

Höhere Akzeptanz

Zinner ist auf Schulbau und Schulumbau spezialisiert. Er plädiert vehement für die Einbindung der Nutzer bereits in der Planungsphase. Das sind die Schüler, die Lehrer, der Schulwart etc. "Sie bringen eine Kultur und Geschichte mit. Sie werfen ganz andere Fragen auf. Wenn man sie nicht mit einbindet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Behörden und den Planern Probleme bereiten und zum Schluß unzufrieden sind. Wenn zum Beispiel ein paar Praktikabilitäten nicht stimmen, geht das Fass gleich über. Sie fragen dann, was haben Sie sich dabei gedacht? Die Menschen fühlen sich übergangen. Es ist klüger, vorher mit den Betroffenen zu sprechen. Es gibt hier Ängste." Wenn man die Mitbestimmung von Anfang an gut praktiziere, ergäben sich mehrere Vorteile. "Man hat eine eingebundene NutzerInnenschaft, man kann kleinere Dinge von vornherein mit einplanen. Man hat danach eine höhere Akzeptanz, und als System, also Gemeinde, Land und Planer, einen Ansehensgewinn. Es ist dann nicht mehr so leicht, im Nachhin ein zu matschgern." Auch in Fachkreisen werde unterschätzt, was es bringe, wenn man mit Menschen spreche.

Zinner selbst steuert momentan den Umbau von drei Schulzentren in der Steiermark, unter anderem in Leoben und in Donawitz. Jedes Projekt kostet rund 18 Millionen Euro und betrifft jeweils 300 bis 400 Kinder.

In den kommenden Jahren werden in Europa voraussichtlich mehr als hundert Milliarden Euro für Schul- und Bildungsbauten ausgegeben. Allein in den deutschsprachigen Ländern rechnet man derzeit mit Investitionen von mehr als 67 Milliarden bis 2030. Obwohl immer mehr Fachleute wahrnehmen, welche bedeutende Rolle der Raum in der Pädagogik einnimmt, wird dieses Thema im Archtekturstudium noch immer zu wenig bearbeitet.Zinner hat nun gemeinsam mit 13 anderen mitteleuropäischen Experten aus Deutschland, der Schweiz und Italien ein Forschungsprojekt gestartet, dessen Ziel die Einrichtung eines postgradualen Lehrgangs ist.

Bereits mit Jahresbeginn 2018 soll der erste starten, der Weiterbildung für jene bietet, die mit Schulumbauten beschäftigt sind.

ww.pulsnetz.org