Chronik | Oberösterreich
26.03.2017

"Qualifikation sichert Arbeitsplatz"

AMS-Chef für 1500-Euro-Mindestlohn und Diskussion über Grundeinkommen.

Gerhard Straßer ist seit rund einem halben Jahr Landesgeschäftsführer des AMS in Oberösterreich.

KURIER: Das Wirtschaftswachstum ist zwar etwas stärker, die Arbeitslosigkeit aber mit 7,3 Prozent doch relativ hoch.Gerhard Straßer: Das Arbeitskräftepotenzial steigt ständig. Stärker als in anderen Bundesländern. Die Älteren werden mehr, ebenso die Frauen, dazu kommen noch die Migranten. Von Oberösterreich geht niemand weg, aber es kommen viele zu uns. Wir sind ein attraktives Bundesland. Die Anzahl der Beschäftigten steigt massiv, allein im Monat Februar um 1,6 Prozent. Die geleisteten Arbeitsstunden steigen zwar nur ganz leicht, aber durch viel Teilzeit steigt die Anzahl der Beschäftigen.

Die Arbeitslosigkeit nimmt Gott sei Dank momentan nicht zu. Sie ging von 7,4 auf 7,3 Prozent zurück. Im Jahresschnitt 2016 hatten wir eine Arbeitslosenrate von 6,1 Prozent. Alle Prognosen gehen leicht nach oben. Ich behaupte, dass wir in Oberösterreich die Rate von 6,1 Prozent halten werden.

Welche Maßnahmen wären für eine deutliche Reduktion notwendig?

Ein höheres Wachstum. Die Frage ist, ob das immer möglich ist. Mein Problem ist nicht, dass ich so viele neue Arbeitslose bekomme, sondern dass ein Teil von ihnen sehr lange arbeitslos bleibt. Es gibt vier Problemgruppen: Ältere; gesundheitlich Beeinträchtige, die früher pensioniert worden sind; Menschen mit Migrationshintergrund und teilweise schlechten Deutschkenntnissen; Arbeitslose, die nur Pflichtschule haben.

Drei Viertel der Menschen am Arbeitsmarkt sind schnell wieder weg, aber bei einem Viertel ist es schwierig. Dieser Bestand steigt.

Den 49.000 Arbeitslosen plus den 10.000 Menschen, die in Schulungen sind, stehen rund 16.000 unbesetzte Stellen gegenüber.

Da sagt mancher, das AMS kann 16.000 offene Stellen nicht besetzen.

Weil für diese Stellen andere Qualifikationen gefragt sind?

In einem Monat sind das wieder 16.000 offene Stellen. Aber 8000 sind nicht mehr dieselben. In einem Monat sind 50 Prozent wieder besetzt worden. Ein Großteil der offenen Stellen wird besetzt. Deshalb wird es die offenen Stellen immer geben.

Aber man darf nicht verhehlen, dass es schwierig ist, alle offenen Stellen zu besetzen. Es gibt Branchen, wo es schwierig ist. Im Metallbereich, gelernte Schlosser, Tischler, Techniker und der IT-Bereich, Softwaretechniker. Aber das ist sehr oft auf einem Qualifikationsniveau von Fachhochschulen, HTL und Universitäten. Hier kann ich als AMS nur schwer eingreifen, denn ich kann keinen Diplomingenieur ausbilden. Bis zum Lehrabschluss kann ich eingreifen. Schlosser bilden wir zum Beispiel aus.

Sie holen den Lehrabschluss nach.

Der Lehrabschluss ist die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Wenn man keinen Lehrabschluss hat, ist die Gefahr der Arbeitslosigkeit vier Mal so hoch. Bildung und Qualifikation sind das Maß der Dinge. Es gibt auch Schwierigkeiten, Stellen in Branchen zu besetzten, in denen die Menschen nicht so gern arbeiten. Reinigung, Lebensmittel, Tourismus und Gastronomie.

Das sind die Arbeitszeiten schlecht.

Es gibt Wochenendarbeit, die Entlohnung ist nicht berühmt. Da und dort ist es in der Firma nicht so harmonisch. Es gibt viele Kellner und Köche. Aber wo sind sie? Beim Billa an der Kassa, beim Spar in der Feinkost und als Außendienstmitarbeiter bei anderen Firmen.

Sie suchen sich andere Jobs?

Sie gehen von der Gastronomie weg, weil die Arbeitszeiten nicht familienfreundlich sind und die Verdienstmöglichkeiten sich in Grenzen halten.

Gibt es einen Fachkräftemangel?

In manchen Bereichen haben wir zu wenig Facharbeiter. Im Metall- und Holzbereich. Man müsste hier bei den Lehrlingen nachziehen, aber die Firmen jammern alle, dass sie keine richtigen Lehrlinge mehr bekommen. Die demografische Entwicklung macht uns zu schaffen. Die Jungen werden weniger, die Älteren werden mehr.

Die Schulplätze bleiben gleich. Wenn wir weniger Jugendliche haben, gehen prozentuell gesehen mehr in die Schule. Wir haben nicht nur zu wenig Junge am Lehrlingsmarkt, sondern die Besseren gehen in die Schule. Das heißt, ich habe hier auch nicht die Crème de la Crème.

Werden die Lehrlinge zu schlecht bezahlt?

Der erste Grund sind die Eltern. Sie sagen meist, mein Kind soll in die Schule gehen. Die Lehre ist vom Image unterbewertet. Ich glaube, dass der Geldfaktor nicht der entscheidende ist, denn man kann nach der Lehre mehr verdienen als nach der Handelsschule. Das Image der Schule ist ein besseres, obwohl das aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt ist. Die Bildungsplanung muss überlegen, wie viele Schulplätze man zur Verfügung stellt. Bei manchen Schulen hat man keine guten Perspektiven, da ist es besser in die Lehre zu gehen.

Man sollte Schulen schließen?

Ich würde Schulen nicht komplett schließen, sondern weniger Klassen führen.

Wie wird sich die Digitalisierung auswirken?

Ich glaube, dass die Arbeitsplätze durch die Digitalisierung und Roboterisierung weniger werden. Zugleich steigen die Qualifikationen, die die Mitarbeiter benötigen. Denn die Arbeitsplätze werden anspruchsvoller. Die einzige Sicherheit gegen Arbeitslosigkeit ist Qualifikation und Bildung. Allerdings sind nicht alle Menschen bildungsaffin. Wir müssen darüber nachdenken, welche Beschäftigungsmöglichkeiten wir für die Leute finden, die nicht qualifiziert sind.

Jetzt versuchen wir sie in der Hilfsarbeit zu beschäftigen. Für die Zukunft gibt es alle möglichen Überlegungen. Zum Beispiel die Einführung eines Grundeinkommens.

Es gibt ein Grundeinkommen in Form der Mindestsicherung.

Eine Grundabsicherung gibt es, aber immer verbunden mit der Absicht die Menschen in Arbeit zu bringen.

Wird das Grundeinkommen kommen?

Ich habe sehr viel gelesen. Es gibt Manager großer Konzerne, die meinen, es wird kein Weg daran vorbeiführen, weil man die Menschen, die keine Arbeit haben, als Konsumenten braucht.

Das Argument, das dagegen ins Treffen geführt wird, lautet, die Menschen wollen dann mehr arbeiten. Wenn sie bisschen schwarz arbeiten, verdienen sie so viel wie ein Arbeitender.

Diese Diskussion haben wir soeben bei der Mindestsicherung. Es gibt Branchen mit sehr niedrigen Löhnen, wo der Anreiz zu arbeiten nicht sehr groß ist. Bei den meisten Menschen geht es bei der Arbeit nicht nur ums Geldverdienen, sondern um das Dabeisein. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unseren Stellenwert zu einem großen Teil durch die Arbeit beziehen. Diese menschliche Komponente darf man nicht vergessen.

Was halten Sie vom Mindestlohn?

Man muss ihn verdienen, damit man halbwegs überleben kann. Ich bin tendenziell dafür. Ich verstehe natürlich Firmen, wo er bisher nicht bezahlt wurde. In Branchen,die nicht in einem internationalen Wettbewerb stehen und alle Firmen die Löhne gleichzeitig anheben müssen, gleicht es sich aus. Dann wird zum Beispiel jeder Friseur um einen Euro teurer. Bei Branchen mit einem internationalen Wettbewerb muss man aufpassen. Zum Beispiel bei Reinigungsfirmen, die nach Österreich hereinarbeiten. Das muss man sich gut anschauen.

Ich hoffe, dass man auf Sozialpartnerebene eine Lösung findet.