Leiter Kitzberger: „Die Insassen sollen irgendwann ein normales Leben führen können.“

© /foto-reiter.com | A. Reiter

Lokalaugenschein
12/27/2015

Normales Leben statt "niederspritzen, wegsperren"

Das Forensische Zentrum in Asten, OÖ, ist Vorbild für den Maßnahmenvollzug.

Ein Klopfgeräusch hat Markus H. buchstäblich in den Wahnsinn getrieben. Er dachte, sein Nachbar klopft mit dem Besenstiel an die Decke, um seine Familie aus der neuen Wohnung zu ekeln. Sein Elternhaus war bei einem Brand zerstört worden, einen weiteren Schicksalsschlag würde der 28-Jährige zu verhindern wissen.

Bei einem Streit mit dem Nachbarn griff er zu einem Messer und wollte es ihm in den Bauch stechen, verletzte ihn aber nur am Arm. Für den Mordversuch kam er nicht ins Gefängnis, sondern in das Forensische Zentrum in Asten, Oberösterreich. Markus H. leidet an paranoider Schizophrenie. Heute weiß er: "Die Gefahr, die Angst um meine Familie: Ich habe mir das alles leider nur eingebildet."

Interdisziplinäre Teams

In der Außenstelle der Justizanstalt Linz, die 2010 nach modernsten Standards errichtet wurde, sind derzeit 130 geistig abnorme, nicht zurechnungsfähige Rechtsbrecher untergebracht. Sie leben in Wohngruppen zu je 20 Personen und werden von interdisziplinären Teams betreut – das sind u.a. Sozialarbeiter, Psychologen und Ergotherapeuten.

Beim KURIER-Rundgang ist kaum zu unterscheiden, wer Angestellter und wer Insasse ist – alle grüßen höflich, der Ton ist ruhig, die Kleidung leger. Uniformierte Justizvollzugsbeamte sind nur am Eingang postiert. Die Verbindungstüren zwischen den Stationen sind versperrt, innerhalb kann man sich frei bewegen. "Wir sind nach außen streng gesichert, aber innen so offen, wie es geht", sagt Martin Kitzberger, Leiter des Zentrums.

Die Sonderanstalten Göllersdorf, NÖ, und Wien-Mittersteig sollen im Zuge der Reform von Justizminister Wolfgang Brandstetter nach dem Vorbild Asten in Therapeutische Zentren umgewandelt werden.

Dieser Ansatz verspreche mehr Erfolg beim Gefährlichkeitsabbau als das veraltete "Niederspritzen und Wegsperren". Schon in Freiheit verstärke die Isolation ja die Symptome vieler psychischer Erkrankungen. "Diese Menschen haben oft kein funktionierendes soziales Netz, ziehen sich in ihre eigene Welt zurück, haben Angst. Wenn so jemand dann auf die Straße geht, reicht eine Kleinigkeit, und das Paket für die Einweisung ist perfekt" (Kitzberger). Ein Insasse habe zum Beispiel geglaubt, er werde vom Ku-Klux-Klan verfolgt, und versuchte, Menschen vor die U-Bahn zu stoßen. Erst im Vollzug lernen viele psychisch Kranke einen geregelten Tagesablauf, Umgangsformen und wie man Konflikte bewältigt. Ziel sei es, sie auf ein "normales Leben" vorzubereiten und ihnen zu helfen, mit ihrer Krankheit umzugehen, betont Kitzberger.

Sport und eigenes Handy

Bei der Unterbringung gibt es drei Sicherheitsstufen: Verhält sich ein Insasse "kooperativ und krankheitseinsichtig", so Kitzberger, kommt er von der dritten, der strengsten, in die zweite Stufe, in der begleitete Ausgänge möglich sind. "Wir gehen mit den Insassen einkaufen, machen mit ihnen Ausflüge und Sport." In Stufe 1 dürfen sie sogar alleine einige Stunden in Freiheit verbringen und ihr privates Handy mitnehmen.

Bei Regelverstößen wird zurückgestuft. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine jährliche Untersuchung, bei der überprüft wird, ob der Insasse noch eine Gefahr darstellt. Wenn nicht, ist eine bedingte Entlassung möglich.

Markus arbeitet auf die seine zielstrebig hin, macht Sport und hat wöchentliche Therapiesitzungen. Der 28-Jährige kommt nach seiner Entlassung wahrscheinlich in eine betreute Wohngemeinschaft. Die Rückfallsquote liegt laut Kitzberger bei rund zehn Prozent. Markus hofft, nicht dazuzugehören.