Chronik | Oberösterreich
15.10.2017

"Nicht jeder muss Matura haben, um im Berufsleben zu bestehen"

Schulroman. Liane Locker präsentiert ihr Buch "Reberg", in dem sich die Gymnasiallehrerin kritisch mit dem System Schule auseinandersetzt.

"Das Haus Schule muss im Grunde abgerissen und neu aufgebaut werden. Bis jetzt wurde immer nur eine Wand herausgenommen und an einer anderen Stelle eine kleine Mauer aufgezogen."

Liane Locker (57) unterrichtet seit rund 20 Jahren an einem Linzer Gymnasium die Fächer Deutsch und Geschichte. Ihre Erfahrungen hat sie nun in den Roman Reberg gepackt, der ab Dienstag im Buchhandel erhältlich ist (Verlag Milena).

Stefan Reberg, ein Deutsch- und Lateinlehrer, steht im Mittelpunkt der Geschichte. Er steckt in einer tiefen Sinnkrise, ausgelöst durch das Schulsystem. Der Lehrer gesteht sich ein, dass er zu einem einzigen Fehler im System geworden ist und begeht Selbstmord. Als Student für die Fächer Deutsch und Latein hat sich Reberg sein zukünftiges Lehrerdasein anders vorgestellt, so die Autorin. "Eine Schule muss lebensnah sein und die Neugierde der Kinder von der Volksschule an fördern und nicht zerstören. Es ist wenig effektiv, den Stoff in 50 Minuten-Einheiten zu pressen." Außerdem sollten die Inhalte besser miteinander verknüpft werden. Verbindende Schwerpunkte der MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik mit kulturellen Fächern zu setzen wäre förderlich, meint Locker.

"Der Schulalltag bietet nur wenige Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen den Lebensrealitäten der Kinder und den Gegenständen. Gute Ansätze wie der fächerübergreifende Unterricht scheitern oft an der Organisation." Wissenschaftliche Studien belegen, dass das Gehirn am besten Informationen verknüpfen kann, wenn im Unterricht Begeisterung entfacht wird. Diese Erkenntnis sollte auf die Schule übertragen werden, meint Locker. "Die Verantwortlichen müssten daher überlegen, wie der Lehrplan in Einklang mit der natürlichen Neugierde der Kinder gebracht werden kann. Als Maria Theresia die Schulpflicht einführte, wurde die natürliche Neugierde durch Disziplin ersetzt. Dieses Unterrichtskonzept funktioniert aber bei Kindern von heute nicht mehr."

Ballett, Reiten, Tai-Chi, englisch sprechender Kindergarten: Ehrgeizige Eltern greifen zu sehr in die natürliche Entwicklung der Kinder ein und erzeugen einen Notendruck, meint Locker. "Das Projekt Kind muss zum Erfolg führen. Dazu gehört eine perfekte Ausbildung und wenn möglich sofort ein wunderbarer Job. Viele Eltern fragen sich immer nur, was sie tun können, damit das Projekt Kind optimiert wird." Auch das kreative Potenzial der Langeweile würde zu wenig genützt. "Langeweile darf es nicht mehr geben. Freizeit muss gefüllt werden. Sehr oft führt dies bei Kindern zu einer Hyperaktivität und die Konzentrationsfähigkeit lässt nach." Die Matura ist nach wie vor ein erstrebenswertes Ziel für Jugendliche. Wenn sie aber die seelische und körperliche Gesundheit gefährdet, muss eingelenkt werden, erklärt die Pädagogin. "Nicht jeder muss Matura haben, um im Berufsleben bestehen zu können. Ich habe in meinen 20 Jahren als Lehrerin viele Jugendliche erlebt, die lieber eine Lehre absolviert hätten. Trotzdem wurden sie von den Eltern durch die Schule gepresst."

Ein wichtiger Aspekt im Roman sind die Schulreformen. Für die Autorin eine Einschränkung der Individualität des Kindes. "Mit der Zentralmatura werden alle Schülerinnen und Schüler über einen Kamm geschert. Kinder sollen lernen zu erkennen, was ihnen guttut und natürlich, wo ihre Talente liegen. Sie sind in einem Gegenstand besser und im anderen schlechter. Das ist so in Ordnung. Bildungsstandards schränken ein." Locker fordert eine höhere Sensibilität für Probleme der Jugendlichen. "Es würde mehr Vertrauenslehrer an Schulen brauchen. Auch eine fixe psychologische Beratungsstelle wäre vorteilhaft. Das kostet aber alles Geld, was meist eingespart wird."

Autor: Peter Pohn