Chronik | Oberösterreich
22.10.2017

Migration löst Pensionsproblem nicht

Fritz Schneider widerspricht den Berechnungen seines Freundes und Ökonomen Hans-Werner Sinn.

Kann die Migration das demographische Defizit lösen, können die Flüchtlinge und Zuwanderer das Pensionssystem, das durch den Kindermangel bedroht ist, vor dem Zusammenbruch bewahren? Die Antwort des deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn, der jahrelang das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung Ifo geleitet hat, ist ein klares Nein.

Der renommierte Wirtschafsforscher begründet seine Position damit, dass junge Migranten zwar die Gesellschaft verjüngen, aber in Summe bis zum Lebensende durchschnittliche Kosten von 450.000 Euro verursachen. Er beruft sich dabei auf Berechnungen seines deutschen Kollegen Bernd Rüffelhüschen. Der Grund für die hohen Kosten: Die Flüchtlinge sind in der Regel deutlich schlechter gebildet als die Einheimischen. Sie bringen dem Fiskus damit im Laufe ihres Lebens weitaus geringere Steuereinnahmen, wollen aber mehr aus den Gemeinschaftskassen haben.

Der Vortrag Sinns wurde von den vielen Besuchern des Liberalen Klubs Mittwochabend in den Linzer Redoutensälen mit viel Applaus bedacht. Der Ökonom sprach den FPÖ-Anhängern offensichtlich aus der Seele.

Der Linzer Volkswirtschaftsprofessor Friedrich Schneider, der mit Sinn freundschaftlich verbunden ist, kann die Berechnungen seines Kollegen nicht nachvollziehen. "Ich würde diese Rechnung stark anzweifeln", sagt er im Gespräch mit dem KURIER. Migranten würden sich rechnen. "Wenn ein Migrant, der im schlimmsten Fall nicht lesen und schreiben kann, nach fünf Jahren Ausbildung zu einem Hauptschulabschluß kommt, dann rechnet er sich für den Staat ab dem elften Jahr." Natürlich gebe es hohe Kosten. Wenn die Berechnungen von Raffelhüschen stimmen würden, wäre Deutschland ohne die Gastarbeiter nie zu dem Wohlstand gekommen. "Wenn einer 30 Jahr hier arbeitet, ist er ein Nettogewinn für dieses Land." Man würde es sich zu einfach machen, wenn man die Flüchtlinge nur negativ sehe. Es diene nicht der Sache.

In einem aber stimmt Schneider mit Sinn überein. "Die Krise des Pensionssystems kommt. Mit den jungen Flüchtlingen und Migranten kommt sie aber später."

Eine ähnliche Meinung vertrat vor dem Liberalen Klub Helmut Hofer, Ökonom am Institut für Höhere Studien in Wien. "Die Migration löst das demographische Defizit nicht, sie kann es aber mindern." Kurzfristig könne sie positive Effekte haben. Die Strukur der Zuwanderung habe sich deutlich verbessert, da diese nun hauptsächlich aus Osteuropa käme und nicht mehr wie früher aus Jugoslawien und der Türkei. "Österreich hat den Fehler gemacht, die wenig Qualifizierten aus Anatolien geholt zu haben." Die Zuwanderung über die Rot-Weiß-Rot-Karte funktioniere nicht. Die USA und Kanada bekämen die beser qualifzierten Zuwanderer, denn diese könnten dort besser verdienen als in Europa, wo ihnen aufgrund der stärkeren Umverteilung mehr weggenommen werde. Hofer zweifelt deshalb auch am Erfolg der Bemühungen um qualifizierte Zuwanderer.

Sinn erwartet die Rentenkrise ab dem Jahr 2030. "Eine Finanzkrise des Staates ist vorprogrammiert." 2035 steige in Deutschland die Zahl der Rentern um 7,3 Millionen, gleichzeitig sinke die Erwerbsbevölkerung um 8,4 Millionen Menschen. Ähnlich sei es in Österreich und den anderen EU-Ländern. Im Jahr 2000 hätten 100 Erwerbstätige 24 Rentern ernähren müssen, 2030 müssten sie 45 Rentner versorgen. "Das bedeutet entweder eine Halbierung der Rente oder eine Verdoppelung der Beitragssätze. Den Leuten wird etwas vorgegaukelt, was makroökonomisch gar nicht der Fall ist. Wenn sie nur lange genug einzahlen, bekommen siespäter etwas raus. Das ist Illusion."

Tipp: Eigene Wohnung

Auf Vorschläge, wie man die Pension absichern könne, zeigte sich Sinn "ratlos". Die Pensionen kämen nicht mehr in der Höhe über das staatliche Umlagesystem, wie man das erwarte, aber auch nicht über private Kapitaldeckungssysteme. "Dieses Thema ist absolut trostlos.Wenn man Geld hat, soll man was bauen, was man im Alter braucht. Etwas zum Anfassen. Wenn man das Geld anderen Leuten gibt, kommt es vielleicht nicht wieder."