„Österreich hilft der Atomlobby“

Der Journalist Marek Kerles über das Verhältnis zu Österreich und den Böhmerwald.

Marek Kerles (42) ist seit 16 Jahren Südböhmen-Korrespondent der Prager Tageszeitung Lodove Noviny, der ältesten Zeitung Tschechiens. Er gilt als Spezialist für die österreichisch-tschechischen Beziehungen.

KURIER: Der neue Präsident Milos Zeman hat im Wahlkampf seinem Konkurrenten Karl Schwarzenberg vorgeworfen, die Benes-Dekrete, die Grundlage für die Vertreibung der Sudetendeutschen sind, aufheben zu wollen.
Marek Kerles: Zeman hat Lügen verbreitet. Trotzdem hat er gewonnen. Viele Tschechen haben Angst, dass die Sudetendeutschen Forderungen nach Rückgabe der enteigneten Güter bzw. nach Entschädigungen stellen. Aber die Benes-Dekrete haben die Wahl nicht entschieden. Die Menschen haben letztendlich gegen die Politik der bürgerlichen Regierung und für den linken Kandidaten gestimmt.

Was ist notwendig, um zu einer Normalisierung zu kommen?
Die österreichisch-tschechischen Beziehungen sind sehr gut. Viele Tschechen fahren nach Österreich. Bei meinen Besuchen wurden mir die Benes-Dekrete nie vorgehalten oder mir vorgeworfen, dass ich ein Tscheche sei. Die Benes-Dekrete werden lediglich von Politikern im Wahlkampf benutzt, um Stimmung zu machen.
Was die Sudetendeutschen auch schmerzt, ist, dass ihre historischen Leistungen für Tschechien nicht gewürdigt werden. Ich kann das verstehen. Die Tschechen haben die kulturellen Leistungen der Deutschsprachigen vergessen. Ein Beispiel dafür ist das Dorf Holasovice 20 Kilometer von Budweis, dessen Bauernbarock heute UNESCO-Kulturerbe ist und von Touristen aus aller Welt besucht wird. Hier in Budweis kann man die Skulpturen der Bürgermeister besichtigen. Aber die Büsten der deutschsprachigen Bürgermeister gibt es nicht. Die ältesten Häuser in Budweis wurden nicht nur, aber auch von den Deutschen gebaut. Dieses Erbe wurde vergessen.

Gibt es auch positive Beispiele?
Ja, Jan Mares zum Beispiel. Er ist Tscheche und spricht exzellent Deutsch. Er arbeitet in der Kreisbibliothek von Budweis. Er hat vor zehn Jahren mit einem Projekt über die Kulturgeschichte des Böhmerwaldes begonnen. Er hat das Erbe von Hunderten von Schriftstellern gerettet. Das überraschte viele Leute in Tschechien. Das Projekt ist sehr bekannt. Mares betont, dass seine Arbeit nicht für die Sudetendeutschen ist, sondern für die Tschechen. Er will die Geschichte des Böhmerwaldes für Tschechien retten.

Ein Konflikt zwischen Oberösterreich und Böhmen ist das Atomkraftwerk Temelin.
Niemand hat der tschechischen Atomlobby so geholfen wie die Österreicher und die österreichische Politik. Wenn die Tschechen lesen, dass die Österreicher gegen die Atomkraft sind und Österreich gleichzeitig 30 Prozent seines Stroms im Winter von Atomkraftwerken bezieht, dann verstehen sie die Kritik an Temelin nicht. Österreich hat Wasserkraftwerke, wir in Tschechien haben keine. Die Tschechen fragen sich, wieso geben uns die Österreicher Ratschläge, wie wir unseren Strom produzieren sollen. Sie empfinden das als Einmischung. Andererseits kann ich die Ängste der Österreicher vor Unfällen verstehen.
Zu Beginn der 1990er- Jahre waren 80 Prozent der Bevölkerung gegen Temelin. In der kommunistischen Zeit wurden wir nicht gefragt, ob wir Temelin wollen oder nicht. Mittlerweile hat sich die Stimmung zugunsten von Temelin gedreht. Die Tschechen sehen die Österreicher als gute, fleißige, freundliche und reiche Leute, die aber nicht verstehen, woher der Strom kommt.

Die Verkehrsverbindung LinzPrag ist ein Problem. Auf österreichischer Seite ist die Schnellstraße S10 bis zur Grenze 2016 fertig, auf tschechischer Seite tut sich aber sehr wenig.
Für die Bevölkerung und für die Politik ist die fehlende Autobahn nach Prag das größte Problem. Die Diskussion dauert nun schon 20 Jahre an und ist immer ein Wahlkampfthema. Der Autobahnbau ist vergleichbar mit dem Thema Temelin in Österreich. Bei jeder Pressekonferenz wird betont, man müsse gegen Temelin kämpfen und alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen. Das geht nun schon seit 20 Jahren so. Was ist passiert? Hat sich etwas geändert? Nein, nichts hat sich geändert. Das ist doch reiner Populismus.
Bei uns in Budweis steht bei jeder Partei an erster Stelle im Wahlprogramm die Forderung nach dem Bau der Autobahn nach Prag. Was ist nach 20 Jahren passiert? Wir haben bei Tabor ein Autobahnstück von drei Kilometern (lacht).
Südböhmen war in seiner Geschichte immer eine ruhige Region. Die Menschen waren immer fleißig, die meisten arbeiteten in der Landwirtschaft oder in kleinen Fabriken. In Nordböhmen hingegen gab es große Fabriken. Tausende haben dort ihre Arbeit verloren. Die Politiker sagen, wir müssen zuerst den Krisenregionen im Norden helfen, die Menschen in Südböhmen leben sowieso gut. Deshalb muss Südböhmen warten.

Wie ist die wirtschaftliche Situation in Südböhmen?
Die Arbeitslosigkeit war nach Prag lange Zeit die zweitniedrigste in Tschechien. Heute liegt Südböhmen mit rund acht Prozent an dritter oder vierter Stelle. Durch die Vertreibung der Sudetendeutschen aus dem Böhmerwald gibt es dort keine traditionell gewachsenen klein- und mittelständischen Unternehmen, es fehlen die selbstständigen Familienbetriebe. Das ist heute das Problem. Die Kommunisten haben im Böhmerwald arme Leute angesiedelt, die als Arbeiter zur Miete in Häusern leben, die diese für sie gebaut haben. Diese Menschen haben jedoch keine jahrhundertelang gewachsene Beziehung zum Land.

Die Region braucht Investoren?
Investoren sind nicht alles. Aus Prag kommen Investoren, reiche Leute, Architekten, Anwälte, die die Menschen zu niedrigen Löhnen in ihren Hotels und Pensionen anstellen wollen. Sie stoßen aber auf den Widerstand der Einheimischen, die in der Forst- und Landwirtschaft gearbeitet haben. Die Revolution von 1989 bedeutete für sie eine gravierende Änderung. Nicht jeder Forstarbeiter kann heute in der Rezeption eines Hotels arbeiten.

Was ist im Böhmerwald notwendig?
Es ist schwierig. Das wird noch eine Generation dauern. Eine Chance besteht beim Tourismus im Nationalpark. Es gibt in Tschechien ein Phänomen. Während in Österreich die Landregionen politisch schwarz und die Städte rot sind, ist es bei uns genau umgekehrt. In den Dörfern regieren die Kommunisten, die Städte sind bürgerlich. Prag ist die rechteste Stadt Europas.

( Kurier ) Erstellt am 02.03.2013