Chronik | Oberösterreich
05.12.2011

Inzestvorwurf wird zur Blamage für Behörden

Ein 80-jähriger Innviertler wurde aus der U-Haft entlassen. Seine beiden Töchter hatten ihre Missbrauchsvorwürfe widerrufen.

Noch vor wenigen Tagen hatte der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lißl davon gesprochen, dass "sehr viel Gewalt im Spiel" gewesen sei. Und wie glaubwürdig die Inzest-Vorwürfe der Opfer seien. Am Freitag wurde der 80-jährige Gottfried W., der seine beiden - heute 53 und 45 Jahre alten - Töchter in seinem Haus im Bezirk Braunau Jahrzehnte lang vergewaltigt haben soll, überraschend aus der U-Haft entlassen.

"Beide Töchter haben sexuelle Übergriffe seitens des Beschuldigten in Abrede gestellt", teilt die Leitende Staatsanwältin in Ried/Innkreis, Ernestine Heger, mit. Und weiter: "Die Körperverletzungsdelikte und gefährlichen Drohungen liegen ihren nunmehrigen Angaben zufolge längere Zeit zurück."

Die Opfer wurden vom Gericht kontradiktorisch vernommen (die Befragung erfolgt in Abwesenheit des Beschuldigten und wird aufgezeichnet) , so dass der Haftgrund der Verdunkelungsgefahr weggefallen sei. Durch das längere Zurückliegen der Taten sei auch die Tatbegehungsgefahr (früher Wiederholungsgefahr) weggefallen.

Glaubwürdig

Ende August hatte Lißl die Aussagen der geistig beeinträchtigten Töchter noch so beurteilt: "Die beiden Frauen können sich sehr wohl artikulieren. Es wurden doch sehr intime Fragen gestellt."

Erste Angaben der Frauen hatten gelautet, dass sie der Vater Jahrzehnte lang vergewaltigt habe. Massive Einschüchterungen sollen sie davon abgehalten haben, sich jemandem anzuvertrauen. Erst als der Vater nach einem Sturz in einem Pflegeheim war, konnten sie sich ihrer Sachwalterin gegenüber öffnen. Daraufhin wurde der Vater in Haft genommen. Er bestritt die Vorwürfe .

"Die Aussagen vor Gericht erscheinen glaubwürdiger als vor der Polizei, weil hier genauer hinterfragt wurde", erklärt Staatsanwältin Heger gegenüber dem KURIER die überraschende Wendung in dem Fall: Bei der jüngsten Befragung war Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner als Sachverständige für Aussagepsychologie beigezogen worden. Die Opfer hätten mit Begriffen wie "Vergewaltigung" oder "sexueller Übergriff" nichts anzufangen gewusst.

Wie wurde der Vater dann überhaupt zum Inzest-Verdächtigen? Faktum ist, dass die Töchter Angst vor ihm hatten und seine Rückkehr nach Hause verhindern wollten. Dafür hat man laut Staatsanwältin Heger in der ersten Einvernahme durch die örtliche Polizei "eine Erklärung gesucht".

Schon kurz nach Auffliegen des Dramas wurde Kritik laut, warum man nicht gleich Spezialisten einbezogen hat. Sicherheitsdirektor Lißl sagt: "Es war eine speziell für Sittlichkeitsdelikte geschulte Beamtin damit betraut." Und die Glaubwürdigkeit der Aussagen sei ihm von hohen Beamten bestätigt worden.

Näher hinterfragt oder psychiatrisch abgeklopft hat die Justiz diese erste Version aber offenbar zwei Wochen lang nicht. Auch der Verteidiger des Beschuldigten, Josef Wimmer, kritisiert die zweiwöchige U-Haft, die nur aufgrund dieser ersten Einvernahme verhängt worden und "mit Geld nicht mehr gutzumachen" sei: "Es ist ein Unterschied, ob man Töchter von Kindesbeinen an vergewaltigt haben oder geschimpft und geschlagen haben soll." Wegen letzterer Vorwürfe komme man nicht gleich in Haft.

Einschlägig

Ein entscheidender Punkt ist noch aufklärungswürdig: Die beiden Frauen beschrieben bei der
aktuellen Einvernahme sehr wohl einschlägige Tathandlungen, die jedoch schon vor längerer Zeit ein anderer Mann an ihnen verübt habe. Ein Bekannter des Vaters sei mit ihnen in den Wald gefahren und habe dort sexuelle Handlungen an ihnen ausgeführt.

Dass ihr Vater das gleiche mit ihnen gemacht habe, sollen sie bei der Befragung in Abrede gestellt haben. Ob er aber von den Geschehnissen im Wald gewusst oder seine Töchter dem Bekannten gar ausgeliefert hat, muss noch geklärt werden.

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