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Chronik Oberösterreich
12/05/2011

Inzestvorwurf: "Die wollten, dass ich hin bin"

Der 80-jährige Innviertler Gottfried W. saß unter Inzestverdacht in U-Haft. Nach seiner Entlassung gibt er sich im Interview als gewöhnlicher Vater.

Wenige Stunden nach seiner Haftentlassung traf der KURIER Gottfried W. in seiner Stube vor dem Fernseher. Immer wieder putzt er sich die Nase, hustet und greift schwerfällig nach seinen Zigaretten. Er wird nicht müde zu beteuern, er habe von nichts gewusst. Weder vom Missbrauch seiner Töchter noch von möglichen Tätern. Dass gar er selbst der Täter sei, stritt er von Anfang an vehement ab, was seine in einer Betreuungseinrichtung untergebrachten Töchter kürzlich bestätigten.

KURIER: Wie stehen Sie zu den Vorwürfen?
Gottfried W.:
Da kann ich nur den Kopf schütteln. Ich habe gleich gesagt, dass sich meine Töchter das nicht selbst ausgedacht haben, sondern dass ihnen das jemand in den Mund gelegt hat. Da ist jemand, der mich aus dem Haus haben will. Es ist ein Betrug, dass ich so lange von hier ferngehalten worden bin. Und meine Töchter habe ich auch nicht mehr gesehen. Mir wurde gesagt, sie gehen nicht heim, wenn ich da bin.

Wie fühlt man sich da als Vater?
Eigentlich müssten sie jetzt zahlen wegen Verleumdung. Aber ich kann ja nicht meine Töchter anzeigen, schließlich muss ich für ihren Unterhalt sorgen. Ich bin froh, wenn sie wieder nac h Hause kommen. Ich brauche sie ja für die Hauswirtschaft.

"Es hat nie was gegeben"

Wie war das damals im Mai, als die ganze Sache in Gang gekommen ist?
Ich bin aus Versehen mit dem Oberkörper von der Couch auf den Boden gerutscht. Ich konnte nicht mehr alleine aufstehen. Später hat mich die Pflegerin so gefunden und die Rettung gerufen.

Warum haben Ihre Töchter Sie da so lange liegen lassen?
Die wollten, dass ich hin werde.

Wie war das Zusammenleben mit Ihren Töchtern?

Es hat nie was gegeben. Die haben sich um den Haushalt gekümmert, und ich habe gearbeitet. Ich habe hier in der Stube auf der Couch geschlafen und C. (ältere Tochter, Anm.) auf der Bank.

Warum schlief Ihre ältere Tochter hier in der Stube?

Weil E. (die jüngere Tochter, Anm.) im Nebenzimmer nachts manchmal etwas gebraucht hat und C. ihr helfen musste. Ich habe für C. extra eine Couch hergerichtet, aber sie wollte sich nicht hinlegen. Sie hat immer mit verschränkten Armen hier am Tisch lehnend geschlafen. Manchmal ist sie im Schlaf runtergerutscht und hat blaue Flecken im Gesicht bekommen. Dann haben sie behauptet, ich hätte sie geschlagen. Nicht einmal ein Tapperl habe ich ihnen gegeben.

"Ich war ja immer in der Arbeit"

Die Leute im Ort haben Ihre Töchter kaum in der Öffentlichkeit gesehen. Warum?
Ihre Mama hat sie nicht hinausgelassen. Immer wenn ich mit C. draußen gearbeitet habe, hat sie sie sofort wieder ins Haus geholt.

Glauben Sie, dass Ihre Frau gewusst hat, dass jemand die beiden missbraucht?
Das kann ich nicht sagen, ich war ja immer in der Arbeit. Ich glaube, da hat jemand geschaut, wann ich weg bin und ist dann ins Haus gekommen. Aber mir hat keiner was gesagt.

Haben Sie einen Verdacht?
Der Einzige, von dem ich weiß, ist einer hier aus dem Ort. Ich kenne ihn aus der Schule und vom Wirtshaus. Aber dass er hier im Haus war, habe ich nicht gewusst. Den haben sie angerufen, wenn etwas zu reparieren war, aber das hätte ich doch auch machen können. Das war auch der, der mit ihnen in den Wald gefahren ist.

Wussten Sie nie, was zu Hause vor sich geht?
Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Wenn wir zu Hause geredet haben, dann über die Kocherei und die Arbeit, sonst waren sie ruhig. Ich glaube, da steckt noch mehr dahinter, was sie bisher noch nicht sagen wollten.

Sie wirken körperlich geschwächt - glauben Sie, dass Sie früher oder später wieder ins Pflegeheim müssen?
Nein, ich gehe nicht weg. Ich bin der Besitzer.

Und wenn Ihre Töchter nicht mehr heimkommen?
Nein, nein. Die kommen schon heim. Das ist mir überlassen. Die müssen jetzt erst den ganzen Wirbel überdenken, darum lasse ich sie in Ruhe. Ich darf ja nicht einmal wissen, wo sie sind. Aber die kommen von allein, da bin ich mir sicher.

Vorgeschichte: Angeblich "zweiter Fall Fritzl" platzt im August

Ende August wird bekannt, dass ein 80-jähriger Mann verhaftet wurde. Er soll seine beiden - 53 und 45 Jahre alten - Töchter seit 1970 vergewaltigt und in einem Hinterzimmer eingesperrt haben. Auch seine 2008 gestorbene Frau Berta soll er misshandelt haben.

Bereits im Mai war Gottfried W. daheim gestürzt und von seinen Töchtern offenbar zwei Tage lang liegen gelassen worden. Erst nach Wochen berichten die beiden geistig zurückgebliebenen Frauen über den angeblichen Missbrauch.

In den Folgetagen überschlagen sich nationale und internationale Medien: "Neuer Fritzl zeigt sein Gesicht" titelt ein Blatt sogar und präsentiert ein Foto von Gottfried W.
Am Freitag die Wende: Die beiden Töchter wurden genauer von Psychologen befragt, sie entlasteten ihren Vater, dieser wurde auf freien Fuß gesetzt.

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