Chronik | Oberösterreich
28.05.2017

Im Wohnzimmer des Innviertels

Die Region war stets wirtschaftlich erfolgreich – die Stadthäuser zeugen heute noch davon.

Die Luft duftet nach Brathendl und frischem Brot. Es gibt Fleisch und Gemüse aus der Region, köstliche Käsesorten und eine große Auswahl an weißen Lammfellen: Auf dem Stadtplatz von Braunau lädt der traditionelle Wochenmarkt jeden Mittwoch zum Flanieren und Gustieren ein. Auf dem lang gestreckten Platz mit den gotischen Bürgerhäusern – auch "Wohnzimmer des Innviertels" genannt – beginnt die Rundwanderung durch Braunau. Als profunder Kenner der Stadtkultur und lebendes Geschichtsbuch begleitet Hannes Waidbacher senior durch die historische Altstadt.

Die braune Au

"Schon um 1100 als Prunov, als braune Au urkundlich erwähnt, hat die Stadt eine große, aber auch kriegerische Vergangenheit. Die längste Zeit ihrer Geschichte unter bairischer Herrschaft, wurde sie als Handelsstadt und Grenzfestung gegen die Österreicher ausgebaut. Erst 1779 kam sie mit dem Innviertel zu Österreich."

Die Bedeutung der Stadt und der Region hat Leo Tolstoi eindrucksvoll in seinem Werk "Krieg und Frieden" dargestellt. Er beschrieb darin das russische Heerlager bei Braunau im Herbst 1805, als die Russen gegen Napoleon kämpften.

Spätgotische Kirche

Der Rundweg verlässt die malerische Kulisse des Stadtplatzes und führt durch die kleine Poststallgasse in die Kirchengasse. An deren Ende taucht unübersehbar die bedeutende spätgotische Kirche St. Stephan auf. 1492 war ein Jahr mit bedeutenden Ereignissen. Für die Braunauer ist es das Datum der Grundsteinlegung für den Turm dieser Kirche. Der hochragende schlanke Turm ist mit 87 Metern ein Wahrzeichen der Stadt und ist – nach dem Linzer Mariä-Empfängnis-Dom – der zweithöchste Kirchturm Oberösterreichs. Der Aufstieg über unzählige Holzstufen wird mit einem überwältigenden Ausblick auf die Altstadt belohnt. Der Blick richtet sich auf die roten Giebeldächer, farblich harmonierende Hausfassaden und reicht bis in das gleich jenseits des Inns gelegene Simbach. Ein erhebendes Gefühl, von oben die kompakte Altstadt zu betrachten.

Zwei-Meter-Bart

Wieder unten angekommen, findet sich an der Außenmauer der Kirche ein besonderes Kulturdenkmal: Der aus rotem Marmor gehauene überlebensgroße Epitaph, ein Totengedächtnismal von Hanns Staininger. Er war Händler, Ratsherr und Stadthauptmann von Braunau. Berühmt machte ihn jedoch sein Bart. Er war zwei Meter lang und reichte bis zum Boden. Der Legende nach soll er bei einem Brand der Stadt vergessen haben, den Bart aufzurollen, sei darüber gestolpert und habe sich das Genick gebrochen. Glücklicherweise ist der Bart erhalten und im Bezirksmuseum noch heute zu bewundern. Vielleicht hätte er sich an das alte Sprichwort halten sollen: "Gott gibt nicht mehr Bart als Seife."

Das Badehaus

Der Rundweg führt über die Pfarrhofgasse am Torturm vorbei in die Salzburger Vorstadt. Ein unauffälliges Stadthaus hat es hier zu einer – für Braunau verzichtbaren – Berühmtheit gebracht, nämlich das Geburtshaus Hitlers. Die Zukunft wird weisen, wie die weitere Nutzung aussehen wird. Dann überschreitet man den Färber- und Walchergraben, die beide zur ersten Befestigung der Stadt um das Jahr 1260 gehörten. Das nächste Ziel ist aber das mittelalterliche Badehaus "Vorderbad". Dessen Besonderheit: Es ist die einzige öffentlich zugängliche historische Badestube in Österreich. Die Badehäuser dienten der Körpereinigung, der Behandlung kleinerer Krankheiten durch Schröpfen und Aderlass und waren gesellschaftliche Treffpunkte.

Badegesellschaften

Hier fanden "Badegesellschaften" mit Essen, Trinken und Musik statt. Offenbar war das russische Sprichwort schon bekannt: "Ein Bad erfrischt, gute Unterhaltung verjüngt."

Nun geht es über die Palmstraße an der Bürgerspitalkirche und dem Palmpark einige hundert Meter weiter bis zur Linzer Straße. Hier befindet sich eine weitere Kuriosität, die einen Blick nach oben lohnt. Auf dem Giebel eines Hauses befindet sich ein metallenes Pferd, das völlig durchlöchert ist. Das "Eiserne Ross" erinnert an die Belagerung Braunaus durch die Österreicher im Erbfolgekrieg 1743. Der Überlieferung nach wurde damals das letzte edle Reitpferd geschlachtet, um den hungernden Stadtbewohnern noch eine bescheidene Fleischspeise verabreichen zu können. Erst nach sechswöchiger Belagerung übergaben die Bürger Braunaus ihre Stadt an die Feinde, denn alle Lebensmittel in der Stadt waren aufgebraucht.

Amis schossen

200 Jahre später, 1945, diente dieses metallene Denkmal den ersten einziehenden amerikanischen Soldaten als Zielscheibe für Pistolenschützen. Daher die vielen Löcher im blechernen Pferd. Vorbei am Kulturzentrum GUGG geht es wieder zurück zum Stadtplatz, wo wir Hannes Waidbacher für die kundige Führung danken und uns von ihm und Braunau verabschieden.

Aber das Innviertel will uns noch nicht loslassen. Das Pepimobil bringt uns in den Ort Polling – auf halbem Weg nach Ried gelegen – in das Gasthaus zur Kaiserlinde. Wir bestellen bei der freundlichen Wirtin Elfi Stranzinger das Tagesmenü, einen zartknusprigen Kalbsbraten. Dass dieser von ihrer 99-jährigen Mutter als Küchenchefin zubereitet wird, ist kaum zu glauben. Im folgenden Gespräch lernen wir die rüstige alte Dame als eine humorvolle und charmante Frau kennen. Großes Kompliment!

Friedensbezirk....

Wir treffen Georg Wojak, den Bezirkshauptmann von Braunau. Als ein Kenner der Gastroszene seines Bezirks ist er ebenfalls gern Gast in diesem Haus. Neben nachhaltigem und qualitätsvollem Essen gilt sein Interesse aber dem neuen Bezirkssymbol. Seit Jahresbeginn 2008 heißt Braunau mit seinen 46 Gemeinden nämlich "Friedensbezirk". Wojak: "Wie sich Pflanzen an der Sonne orientieren, gilt das Friedensbezirks-Engagement den Lichtgestalten des Friedens: Franz Xaver Gruber, dem Komponisten von Stille Nacht, Heilige Nacht, Franz Jägerstätter, seliggesprochener Nazi-Gegner und Wehrdienstverweigerer, Maria Hafner, einer Rotkreuz-Helferin und dem Diplomaten Egon Ranshofen-Wertheimer. Sie alle stammen aus unserem Friedensbezirk."

...als Gegenpol zu Hitler

Wir wünschen dem Bezirkshauptmann, dass diese Friedensinitiative der Region einen positiven Gegenpol zum Hitler-Geburtsstadtimage bildet und die Schönheit der Innviertler Landschaft sowie die Kreativität und der Talentereichtum der Menschen in den Vordergrund rücken.