Hohe Erwartungen, große Dramen

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Foto: Winkler Gerda Mühlegger leitet eine psychosoziale Beratungsstelle.

Das Ideal des Weihnachtsfests ist für viele ein immenser Stressfaktor.

Weihnachten ist eine große emotionale Herausforderung“, sagt Gerda Mühlegger, Leiterin der psychosozialen Beratungsstelle bei EXIT-sozial. Probleme, die das ganze Jahr über ruhen, werden an die Oberfläche gespült, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit verstärkt, gesellschaftlicher Druck und Stress tun ihr Übriges. Kurzum: Weihnachten bietet handfesten Stoff für Familiendramen. Der Krisendienst in Linz-Urfahr bietet professionelle Unterstützung an. Sogar „Krisenzimmer“ gibt es, wenn die Situation zu Hause eskaliert.

Interessant sei allerdings, dass die große Welle an Hilfesuchenden häufig erst im Jänner kommt, erklärt Mühlegger. Nämlich dann, wenn der Trubel vorbei ist und die Last von den Schultern fällt. Ihr Tipp zur präventiven Stressreduktion: „Schreiben Sie eine Liste mit allem, was an den Feiertagen erledigt werden muss. Streichen Sie ein Drittel, delegieren sie ein Drittel und um den Rest kümmern Sie sich selbst.“

Fröhlichkeitszwang

Oft prallen Vorstellung und Realität des Festes aufeinander: Das Idealbild einer idyllischen Weihnacht zu erfüllen, bringt Familien, in denen es mit der Harmonie das ganze Jahr über nicht weit her ist, in Zugzwang.

Ungelöste Konflikte werden hinuntergeschluckt und ein fröhliches Gesicht aufgesetzt, obwohl es innerlich brodelt, erklärt die Psychologin und nennt das Stichwort „Fröhlichkeitszwang“, der bei vielen eine automatische Ablehnung auslöst.

Mühlegger empfiehlt: „Klare Worte sprechen und sich an den Kleinigkeiten erfreuen, anstatt einem Ideal nachzueifern oder ganz auf stur zu schalten.“ Patchworkfamilien sollten sich nicht in den Heiligen Abend verbeißen, sondern rund um die Feiertage mehrere kleine Rituale zelebrieren, damit niemand zu kurz kommt.

Einsamkeit

Ein anderes Extrem ist die Einsamkeit, die in dieser Zeit noch bedrückender empfunden wird, sagt Nicola Scharinger, Leiterin des Krisendienstes bei EXIT-sozial. „Wenn man sieht, dass alle anderen mit ihren Lieben zusammen sind, fühlt man sich ausgeschlossen und das ist mit einer großen Traurigkeit verbunden.“

Scharinger rät, ein Programm für die Feiertage festzulegen, wenn man alleine ist. Oft sei nämlich die Angst davor, wie man die Zeit totschlagen soll, größer als die Langeweile selbst. „Man sollte es sich gut gehen lassen. Das kann ein Spaziergang, ein Besuch in der Kirche oder eine interessante Sendung im Fernsehen sein.“

Jene, die sich an Heiligabend einsam fühlen, lädt die Einrichtung BAGUA (Kreuzstraße 4, Linz-Urfahr) am 24. Dezember von 15 bis 18 Uhr zum gemeinsamen Weihnachtsfest ein. Bei akuten Krisenfällen ist der „Notruf für die Seele“ (0732 71 97 19) rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

www.exitsozial.at

(Kurier) Erstellt am
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