„Gute Entscheidungen aus dem Bauch heraus“

Lebensberater: Der Bauch habe seine eigene Intelligenz, vor allem eine emotionale. Pater Anselm Grün, Seelsorger und spiritueller Berater, plädiert in seinem neuen Buch „Was will ich?“ für Bauchentscheidungen

Anselm Grün füllt die Säle. So zuletzt im Bildungshaus Schloss Puchberg in Wels. Der 67-jährige Benediktiner aus dem bayrischen Kloster Münsterschwarzach hat bis 2009 mehr als 15 Millionen Bücher verkauft. Er versteht sich als Lebensberater und hält Seminare, zu denen auch Vorstände  großer deutscher Unternehmen kommen.

KURIER: Der Frühling ist da. Die Natur blüht. Welche Gedanken verbinden Sie mit dieser Jahreszeit?

Pater Anselm Grün: Für mich sind das Bilder der Auferstehung. Nicht umsonst wird Ostern zu Beginn des Frühlings gefeiert. Und wenn die Natur aufblüht, spüre ich selber, dass neues Leben in mir  aufblüht. Es ist ein Zeichen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Das, was wir in der Auferstehung feiern, sehen wir ganz konkret in der Natur. Im Frühling werden neue innere Geister und die Lust am Leben geweckt.

Was bedeutet Auferstehung?

Es hat zwei verschiedene Bedeutungen.  Nicht in das Dunkel hineinfallen, sondern in Gottes Liebe auferstehen. Wir feiern die Hoffnung, dass nicht alles aus ist, sondern dass wir wieder aufstehen. Wir feiern aber auch, dass wir jetzt aufstehen, aus dem Grab unserer Angst, unserer Resignation,  dass wir aufstehen aus der Zuschauerrolle.
Es gibt immer mehr Menschen, die in der Zuschauerrolle sind. Die wissen zwar alles besser, spielen aber nie mit und übernehmen keine Verantwortung. Da heißt  es aufstehen, selber Verantwortung übernehmen und selber leben.

Gibt es zu viele, die in der Zuschauerrolle sind?

Ja, eindeutig. Das kann man daran ablesen, wie die Menschen über die Politik, die Wirtschaft und den Sport reden. Die Zuschauer wissen immer alles besser, aber keiner übernimmt die Verantwortung.

Auferstehung bedeutet auch weiter zu hoffen, auch wenn Hoffnung zerschellt.

Auferstehung ist, dass  es kein Scheitern gibt, das nicht zum Neuanfang  werden kann. Aus Leid und  Scheitern kann neues Leben entstehen.

Pater David Steindl-Rast meint, dass man in den schwierigsten Phasen des Lebens  am meisten lernt. Das könne jeder feststellen, der auf sein Leben zurückblicke. Das Problem an der Sache ist, dass man im Dunkel der Nacht das Licht des Tages noch nicht sieht.

Deswegen ist Ostern ein Fest der Hoffnung. Im Grab hat man auch kein Licht gesehen. Wir feiern Ostern,  dass solche Grabessituationen doch nicht hoffnungslos sind. Dass dieses Licht von Ostern  in diese dunklen Situationen hineinleuchtet. Auch wenn wir es momentan nicht sehen, so ist Ostern doch ein Vorgriff. Es wird wieder sein.

Wie kann man so schwierige Situation praktisch bewältigen?

Ich erlebe immer wieder verfahrene Familiensituationen, wenn sich Kinder zum Beispiel nach dem Tod der Eltern wegen der Erbschaft zerstritten haben. Da ist viel Leid und Resignation da. Auferstehung heißt,  die Hoffnung nicht aufgeben, dass es einen neuen Anfang, ein neues Miteinander gibt.

Viele Beobachter sehen unsere Zeit als Umbruchszeit.

Natürlich ist jede Zeit auch eine Umbruchszeit. Aber ich meine schon, dass sich derzeit viel tut. Manches zum Guten. Zum Beispiel ist die Sensibilität für ethische Werte in der Wirtschaft gewachsen. Man kauft keinen Fußball mehr, der aus Kinderarbeit entstanden ist. Es gibt auch Abbrüche. So ist zum Beispiel die religiöse Erziehung in den Familien nicht mehr gewährleistet. Was hat das für Auswirkungen? Das  macht jenen teilweise Angst,  die zu wenig   Geborgenheit erfahren haben. Die politischen  Verhältnisse wandeln sich sehr schnell, die Bindungen an Parteien und Kirchen sind nicht mehr so stark. Da ist viel in Bewegung, ohne das zu werten. Aber auch die Beziehung zur Natur ist neu gewachsen, die Verantwortung für die ganze Welt ist gewachsen. Es ist sicher einiges im Umbruch. Auferstehung ist die Hoffnung, dass der Umbruch  ins Leben hineingeht und nicht ins Negative.

Sie haben ein neues Buch über Entscheidungen verfasst. Warum tun sich viele Menschen mit Entscheidungen schwer?

Sie wollen  die absolut richtigen Entscheidungen treffen. Die  gibt es aber nicht. Es gibt nur kluge Entscheidungen. Es gibt die Lebensentscheidungen, ob ich heiraten oder ins Kloster gehen soll.  Und es gibt die alltäglichen Entscheidungen. Es gibt Menschen, die haben Angst vor Entscheidungen, weil sie Angst haben vor den Folgen, Angst, sie würden Türen schließen.
Wie entscheide ich richtig? Indem ich überlege und auf das Bauchgefühl höre.    Bei Entscheidungen steht man meist vor Alternativen. Es hilft, die Alternativen zu Ende zu denken.  Man muss  dabei die Gefühle beachten. Welche Gefühle  habe ich da, welche dort?  Dort, wo das Gefühl von Lebendigkeit, Freiheit und Liebe ist, dort ist die Entscheidung richtig.   Gefühle der Enge, der Angst und der Überforderung sprechen  gegen die  Entscheidung. Die Alten sprechen hier von Dämonen, man könnte auch von der Stimme des eigenen Über-Ichs reden, des eigenen Ehrgeizes, mit dem man sich letztlich selbst überfordert.

Die Römer raten, das Ende zu bedenken.

Thomas von Aquin sagt, prudentia (Klugheit) kommt von providentia  (Voraussehen).

Warum haben die Menschen Angst vor Entscheidungen?

Sie haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, die Angst unglücklich zu werden, die Angst, jemand könnte sie kritisieren. Solange man nicht entscheidet, kann man sich immer noch rausreden. In der Wirtschaft weiß man, dass es  das Schlimmste ist, keine Entscheidungen zu treffen. Dann geht gar nichts voran. Eine Entscheidung zu treffen ist besser als gar keine.

Entscheiden heißt auch, etwas auszuscheiden, etwas wegzulassen. Es bedeutet auch Verlust.

Das, was man verliert, muss man betrauern.   Betrauern bedeutet, das ist nicht möglich für mich, das fehlt mir.  Eine Studentin mit sehr guten Noten hätte Musik, Medizin und Sport studieren können. Man kann aber nur eines studieren, vielleicht zwei.  Das andere muss ich betrauern. Wenn ich das betrauere, kann ich auch Ja sagen zu dem, was ich tue.    Viele aber entscheiden sich und trauern nach, vielleicht wäre doch das andere besser gewesen.  Damit lähmt man sich selbst.

Man kann ja Entscheidungen auch revidieren, wenn  man  die falsche getroffen hat.

Man kann sie revidieren. Jede Entscheidung führt auch irgendwo in einen Engpass hinein. Das kann auch eine Herausforderung sein. Nicht jede Entscheidung ist Sonnenschein. Auch wenn die Entscheidung durch Höhen und Täler führt, führt sie trotzdem zum Ziel.

Sie verkaufen Millionen Bücher,  zu Ihren Vorträgen kommen   Tausende Besucher.  Was  ist der Grund für Ihren  Zuspruch?

Es ist schwierig, den eigenen Erfolg zu beschreiben. Ich bin dankbar dafür.  Ich glaube, ich spreche eine einfache Sprache, die die Menschen verstehen. Ich moralisiere nicht, ich werte die Menschen nicht ab, sondern nehme sie an.  Ich stelle mich nicht über sie, sondern suche mit ihnen einen Weg. Ich sehe die Menschen nicht allzu optimistisch, sondern vertrete eine positive Grundhaltung. Ich sehe in jedem Menschen auch den guten Kern.

Sie sind auch zuständig für die wirtschaftlichen Belange Ihres Klosters. Auf der anderen Seite beschäftigen sie sich mit  Psychologie. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Das gehört schon zusammen. Ich versuche in der wirtschaftlichen Leitung auch ein Klima zu erzeugen, wo Menschen  gerne arbeiten, wo sie geachtet sind. Das ist auch eine Form der nüchternen Therapie, dass ich Bedingungen schaffe, die heilsam sind. Ein Klima, wo ich anerkannt werde und neue Ideen entwickeln kann, tut der Seele auch gut. Das ist besser als  immer nur die Verletzungen anzuschauen. Natürlich muss ich auch nüchtern sehen, was  Zukunft hat, was  realistisch ist. Wie können wir die Wirtschaft so organisieren, dass die Menschen nicht überfordert werden, dass sie gerne arbeiten? Aber  natürlich auch, dass die Arbeit  Gewinn bringt. Man kann nicht auf Dauer wirtschaften, ohne Geld zu verdienen.

Für wie viele Mitarbeiter sind Sie zuständig?

Für 300.

Sie führen einen geregelten Tagesablauf. Wie viele Stunden arbeiten sie?

Ich bin nur vormittags im Büro.  Rund vier Stunden.

Wann schreiben Sie?

Dienstags und Donnerstags von sechs bis acht Uhr früh.

( Kurier ) Erstellt am 24.03.2012