Klaus Reingruber (M.) erklärt Energie-AG–Chef Windtner (li.) und Landesrat
Anschober die Veränderungen des Dachstein-Gletschers.

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Wetter
08/31/2014

"Feuchte und warme Sommer werden sich bei uns häufen"

Der Dachsteingletscher wird in 20 Jahren verschwunden sein, die Italientiefs häufen sich. Es wird wärmer. Die Folgen des Klima- wandels stellen sich auch bei uns, langsam, aber sicher ein.

von Josef Ertl

Klaus Reingruber ist einer der beiden Geschäftsführer von Blue Sky Wetteranalysen mit Sitz in Attnang Puchheim.

KURIER: Der Sommer war regnerisch.Klaus Reingruber: Er war nicht zu kalt, aber er war regnerisch und sehr wechselhaft. Und es hat keine Hitze- oder Schönwetterperioden gegeben.

War der Sommer im langjährigen Durchschnitt?

Juni und Juli waren von der Temperatur wärmer als normal, rein statistisch. Der August war zu kühl. Im Mittel kommt ein statistischer Sommer heraus, aber die Menschen haben ihn nicht so empfunden, weil es sehr feucht und bewölkt war. Der letzte Tag mit über 30 Grad war der 12. Juli. Das ist schon ziemlich lange her.

Das Wetter kommt für Oberösterreich normalerweise aus dem Westen. Aber es kam nun häufig aus dem Süden.

Wir haben das Wetter grundsätzlich vom Atlantik. Aber wir hatten heuer ein Italientief nach dem anderen. Das hat sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Mittlerweile haben wir diese Tiefs häufigst. Ihr Zentrum ist im westlichen Mittelmeer rund um Genua. Es führt auf der Vorderseite warme Luft in den Alpenraum.

Was ist die Ursache?

Das Azorenhoch hat sich nicht über den Alpenraum ausgedehnt. Das stabile Hochdruckgebiet war über Skandinavien.

Der Norden Europas hatte einen schöneren Sommer als wir.

Genau. Deshalb sind die Tiefs vom Nordatlantik in den Mittelmeerraum gewandert. Die Skandinavier hatten einen wunderbaren Sommer mit neuen Rekordwerten. Sie hatten Temperaturabweichungen von bis zu plus fünf Grad gegenüber dem Mittelwert.

Die Tiefs aus dem Süden nennt man 5-B-Wetterlagen.

Die Wetterlagen sind je nach Zugbahn der Tiefdruckgebiete numeriert. Bei der typischen 5-B-Wetterlage zieht das Tief über das südfranzösische Rhonetal, nimmt dort warme Luft auf und kommt dann über Genua und Oberitalien zurück, kann aber nicht über die Alpen und strömt über Istrien und die Südsteiermark zu uns. Das sind starke Regen und verursachen die Hochwässer.

Warum bringt sie mehr Regen als gewöhnlich?

Weil warme Luft viel mehr Wasser enthalten kann als kalte Luft. Das war der Fall beim Hochwasser im August 2002 und auch beim Hochwasser Anfang Juni 2013. Wenn das Wetter vom Westen kommt, ist es meist eine Kaltfront, die innerhalb von sechs Stunden durchzieht. Ein 5-B-Tief kann sich fünf Tage halten. Die Luft ist bis in große Höhen sehr warm. Das bedeutet Schneeschmelze bis zu 3000 Metern Höhe. Da ist natürlich die Hochwassergefahr groß.

Was sind die weiteren Gründe für das Hochwasser?

Starkregen im Frühjahr, wo bis in die Tallagen noch viel Schnee liegt. Oder Winter bis in den April, wo es bis in die Täler schneit. Und dann wird es rasch warm und es kommt aufgrund der Schneeschmelze auch Hochwasser.

Das Hochwasser 2002 war hauptsächlich in der Region um Schwertberg. Das Mühlviertel ist an und für sich keine niederschlagsreiche Gegend. Aber das 5-B-Tief ist ist damals dort zwei Tage lang hängen geblieben.

Man hat derzeit aufgrund des Wetters den Eindruck, dass bereits Herbst ist.

Die Bäume sind zwar noch nicht gelb, aber in den Nächten kühlen die Temperaturen ab. Es ist Herbst.

Ist das nicht zu bald?

Freilich.

Manche sagen, es gab keinen wirklichen Winter, deshalb gab es auch keinen Sommer.

Wir leben in einer sehr niederschlagsreichen Gegend. Man kann sagen, bei uns stimmt es im Mittel immer. Im Winter gab es heuer fast zwei Monate gar keine Niederschläge. Es ist ganz klar, dass das irgendwann nachkommt. Die niederschlagreichsten Monate sind bei uns Juni und Juli. Das war heuer der Fall.

Man darf auf einen schönen Herbst hoffen?

Man kann darauf hoffen (lacht). Es hat schon ganz verregnete Jahre gegeben. Es hat in der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert ein Jahr ohne Sommer gegeben. Da war es keinen Tag wärmer als 20 bis 25 Grad. Der Herbst wird relativ stabil werden. Er ist grundsätzlich eine Wetterlage, die stabiler und föniger ist. Im Zentralraum kann Herbst aber Nebel heißen. Das Badetage sind zwar vorbei, es kann aber noch zwei, drei wunderschöne Wochen geben. Man kann zwar nicht sagen, dass es mit Sicherheit ein schöner Herbst wird, aber ich tippe schon darauf.

Oberösterreich teilt sich interessanterweise auf mehrere Klimazonen auf.

Es sind fünf (siehe Karte auf der rechten Seite). Das Mühlviertel hat zwar nordisches Klima, aber es ist zum Teil sehr trocken. Besonders der Raum um Gallneukirchen, Freistadt und das Machland. Sie sind mit dem Eferdinger Becken die niederschlagsmäßig ärmsten Regionen in Oberösterreich. Das hängt damit zusammen, dass der Böhmerwald relativ hoch ist und sich daraus ein Abschottungseffekt ergibt.

Im Zentralraum haben wir relativ mildes Klima, es ist oft windig, die Niederschlagsmengen betragen 800 mm. Das Salzkammergut und die Pyhrn-Eisenwurzen sind eine niederschlagsreiche Region. Im Gebirge stauen sich die Wolken und es regnet früher und stärker. Immer, wenn Wolken ins Kondensationsniveau gehoben werden, fängt es zu regnen an.

Das Innviertel ist im Sommer das gewitterträchtigste Gebiet des Landes.

Der Dachstein mit bis zu 2800 mm ist einer der niederschlagsstärksten Regionen in ganz Österreich. Er bekommt den Regen vom Nordwesten und von den Italientiefs.

Sie machen für die Landesregierung und die Energie AG auch die Messungen über die Entwicklung des Dachstein-Gletschers. Es ist seit 2008 in der Tiefe um fünf Meter zurückgegangen.

Wir haben Stellen am Gletscher, ganz unten, wo dieser Wert im Jahr weggeht und wir haben Stellen ganz oben, wo fast nichts wegschmilzt. Im Mittel kommen dann zwei Meter oder auch 80 cm pro Jahr heraus. Über den Zeitraum von fünf, sechs Jahren werden das fünf Meter sein. 2011 war ein extremes Jahr mit dem Verlust von zwei Metern. Da waren unten Stellen, wo in der Dicke sechs Meter weggegangen sind.

Das ist ein rapider Rückgang.

Der Rückgang seit 1981 ist ein permanter. Bis zum vergangenen Jahr hat der Gletscher in der Länge 170 Meter verloren.

Der Höchststand des Gletschers war 1850 bis 1860. In der Dicke fehlen heute 130 Meter Eis.

Bis 1900 ist der Dachsteingletscher ganz schnell zurückgegangen. Damals gab es eine Wärmephase. Es ist eben eine Studie der Universität Innsbruck herausgekommen, die besagt, dass mit Beginn der Industrialisierung der Mensch zu zwei Dritteln an der Gletscherabschmelzung schuld ist. Das kann man mit Modellbereichnungen beweisen.

Wann gibt es keinen Gletscher mehr, wenn man die Vergangenheit in die Zukunft fortschreiben würde?

In 20 Jahren wird es mit den Gletscherzungen vorbei sein. An der Spitze wird sich Eis halten, aber von einem Gletscher in dem Sinn kann man dann nicht mehr reden. Aber die Zungenbereiche sind schon jetzt am Zerfallen. Das heurige Jahr war auch kein günstiges für den Gletscher. Die fehlende Sonneneinstrahlung ist zwar gut, nur der Regen ging bis auf 3000 Meter Höhe hinauf. Wenn es auf ein Eis regnet, dann schmilzt er oft noch viel schneller.

Die Klimaerwärmung lässt sich klar nachweisen und ist ein Problem.

Sie ist für die Erde kein Problem, aber eines für den Menschen. Der Dachsteingletscher umfasst noch ungefähr fünf Quadratkilometer. Das ist keine Riesenfläche. Aber er ist sehr wichtig für das Wasser im Salzkammergut. Die Traun lebt zu einem gewissen Teil vom Gletscherwasser. Auch wenn der Gletscher weg wäre, würde es trotzdem regnen. Aber es geht alles viel schneller. Der Gletscher gibt das Wasser langsam ab, er speichert es wieder und gibt es wieder langsam ab. Es kann passieren, dass in der Traun kein Wasser mehr rinnt, wenn es keinen Gletscher mehr gibt und es zu einer Trockenheit kommt.

Das Salzkammergut ist ein touristisches Gebiet. Ich war kürzlich an einem Montag am Gletscher oben, da waren 2500 Leute unterwegs. Die Menschen wollen einen blauen Himmel, Felsen Schnee und Eis sehen. Wenn sie stattdessen nur einen Schotterhaufen sehen, interessiert sie das nicht.

Die Wasserwirtschaft profitiert momentan vom Klimawandel, weil momentan im Sommer sehr viel Wasser rinnt.Wir wollen errechnen, wann der Kipppunkt für die Kraftwerke kommt. Das wird in den nächsten 15 bis 20 Jahren der Fall sein. Dann werden die Kraftwerke im Sommer nicht mehr so viel Wasser haben. Und möglicherweise wird sich das Verschwinden des Gletschers auch auf die Hochwasser auswirken. Denn er speichert ja den Schnee. Wenn stattdessen das Wasser sofort abrinnt, kann das das Hochwasser verstärken.

Wie kann der Mensch die Klimaerwärmung bremsen?

Durch die bekannten Szenarien wie die Reduzierung des CO2-Ausstosses. Das muss aber weltweit passieren, nicht nur bei uns. Das Beispiel Hochwasser ist mich ein typisches. Ich komme aus Gmunden, ich kenne das aus meiner Kindheit. Die Hochwasser haben nicht nur meteorologische Ursachen. Die Raumplanung spielt eine große Rolle. Es wird so viel in Gebieten gebaut, wo nie etwas gestanden ist.

Es hat früher Bereiche gegeben, wo man nicht hingebaut hat, weil man gewusst hat, hier könnte es Hochwasser geben.

Es wurde in Überschwemmungsland gebaut. Es ist gut, bestimmte Gebiete abzusiedeln, weil sie überschwemmt werden. Das passiert zu langsam und zu wenig konsequent. Man sieht zwar etwas im Machland und im Eferdinger Becken, im Salzkammergut sieht man davon nichts.

Es gibt auch dort Häuser, die überschwemmt werden.

Wir bekommen immer mehr Objekte, die man schützen muss. Es wird immer mehr mehr Einsatzbereitschaft gefordert von Leuten, die immer mehr Objekte sichern und dann auspumpenmüssen. Das ist ein riesiger Aufwand.

Dazu kommen die Hochwasserschutzbauten, die Hunderte Millionen kosten.

Er ist nicht billig. Ich verstehe eine Stadt wie Schärdung, die eine Hochwasserschutzwand aufzieht. Aber der Effekt wird nur verlagert, das Problem wird nicht gelöst. Das Wasser benötigt Räume. Wir müssen raumplanerisch darauf reagieren, dass die 5-B-Wetterlagen mehr werden.

Man muss mehr Freiräume für das Wasser schaffen.

Man muss zumindest einmal damit anfangen, dass man Räume freihält. Von Zurückgewinnen rede ich noch gar nicht.Es wird in Österreich ja täglich eine Fläche von zehn Fußballfeldern zubetoniert. Der Mensch lernt kaum dazu. So benötigen zum Beispiel Gewerbegebiete für die Märkte große Erdgeschoßflächen, dazu kommen noch die Parkabstellplätze. Diese Bodenversiegelung ist ein Problem. Auch durch die Straßen.

Sind die 5-B-Wetterlagen auch durch den Klimawandel verursacht?

Das kann man nicht definitiv sagen, aber es deutet darauf hin. Die 5-B-Wetterlagen werden jedenfalls häufiger. Die Szenarien des Klimawandels sagen, dass es feuchtere und wärmer Sommer gibt.Es erfüllt sich nun das, was schon immer prognostiziert worden ist.

Das Mittelmeerklima breitet sich in den Norden aus.

Genau. Man sagt, dass München einmal das Klimavon Venedig haben wird. 2013 war das schon der Fall. Kalabrien wird irgendwann einmal nicht mehr bewohnbar sein, weil es so heiss und trocken ist. Wir sind Profiteure, wir haben wärmere Sommer, wir müssen weniger heizen. Für uns ist nicht negativ, sehr wohl aber für Italien und Nordafrika.

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